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Reise

Leben über dem Fluss

Wohnen und arbeiten auf Brücken: im Mittelalter war das nicht unüblich, heutzutage ist es eine Rarität. Thüringens Hauptstadt Erfurt kann mit einer solchen aufwarten.

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Die Krämerbrücke in Erfurt

Die Krämerbrücke ist die einzige vollständig bebaute und bewohnte Brücke nördlich der Alpen, 123 Meter lang und außerdem das älteste Bauwerk Erfurts. Sie wurde 1325 gebaut, nachdem mehrere Holzbrücken an dieser Stelle Bränden zum Opfer gefallen waren. Die Brücke ruht auf sechs steinernen Brückenbögen, unter denen die Gera hindurchfließt. Über sie führte der im Mittelalter wichtigste Handelsweg von Frankreich nach Russland, die Via Regia.

Die dicht zusammengedrängten alten Steinhäuser auf der Brücke verleihen ihr einen ganz eigenen Charakter. Die Häuser beherbergten kleine Krämerläden, in denen Gewürze, Silberschmuck, Stoffe und vieles mehr verkauft wurden. Sie gaben der Brücke ihren Namen.

Gemeinschaft auf der Brücke

Ägidienkirche und Krämerbrücke in Erfurt

Ägidienkirche und Krämerbrücke in Erfurt

Nach Osten hin, in Richtung Weimar, begrenzt die Brücke die zur gleichen Zeit gebaute Ägidienkirche. Ihr Hauptschiff befindet sich nicht im Erdgeschoß, sondern im ersten Stockwerk, denn darunter zogen die Pferdefuhrwerke durch einen Torbogen über die Brücke. Seit 30 Jahren wohnt und arbeitet im Haus Nr. 22 die Holzbildhauerin Gabriele Leuschner. "Dieses Fachwerkhaus, dieses kleine schmale Haus auf vier, fünf Etagen bis zum Boden, das hat mich schon als Jugendliche fasziniert, wenn ich hier vorbeiging, und das war schon mein Traum", erläutert Gabriele Leuschner. Für das Wohnen in einem jahrhundertealten Dorf mitten in der Stadt war sie bereit, die Enge des Hauses in Kauf zu nehmen. Für sie, ihren Mann und die beiden hier geborenen Kinder ist der Wohnraum nicht gerade üppig, sie leben auf 86 Quadratmetern, auf zwei, drei Etagen verteilt, und davon ist ein Viertel Treppenhaus.

Eine Brücke mit Geschichte

Ihre Freude hat in all den Jahren nicht nachgelassen, sagt Gabriele Leuschner, jeden Tag, wenn sie aus dem Tor unter der Ägidienkirche auf die Brücke tritt, freut sie sich von neuem. Dieser Blick beeindruckt jährlich Zehntausende von Besuchern so, dass sie ihn mit der Kamera festzuhalten versuchen. Gleichzeitig kann, wer mit wachen Sinnen über die Brücke geht, sich kaum ihrer Geschichtsbeladenheit entziehen: Luther, Pachelbel, Goethe, Schiller, Napoleon, später der junge Bismarck und August Bebel beim Erfurter SPD-Kongreß sind nur einige wenige der vielen, die auf dieser Brücke flanierten.

Noch etwas länger als Gabriele Leuschner lebt Egon Zimpel schon auf der Brücke. Er malt abstrakte Bilder. Als er vor fast 32 Jahren hier einzog, wohnten hier Menschen, die noch das Brückenleben der dreißiger und vierziger Jahre persönlich miterlebt hatten. Damals erfuhr er zum Beispiel, dass die Zeiten, als es auf der Brücke noch keine Kanalisation gab, noch gar nicht lange zurücklagen. "An den Häusern sind kleine Schuppen gewesen und da konnte man zur Toilette gehen, da ging das im freien Fall in die Gera rein."

Harmonisches Miteinander

Auf der Brücke ist ein außergewöhnlich harmonisches Miteinander von Kunsthandwerkern, Künstlern und Händlern entstanden. Die 1996 gegründete Stiftung Krämerbrücke hat dazu beigetragen, dass in den vergangenen Jahren mehrere Häuser behutsam restauriert wurden. Im Jahr 2004 sollen auf der Brücke ein Café sowie ein Hotel entstehen. (pg)

Das Kulturdenkmal Krämerbrücke ist täglich geöffnet, genauso wie das Erfurter Krämerbrückenmuseum im Haus Nummer 20/21 von 10-18 Uhr.

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