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Filme

Lebemann und Filmstar: Curd Jürgens

Er war ein vielbeschäftigter Theater- und Kinoschauspieler - doch erst 1955 wurde er zum Star, der auch in Hollywood Erfolge feierte. Zum 100. Geburtstag von Curd Jürgens sprach Biografin Heike Specht mit der DW.

DW: Wenn sie heutigen Jugendlichen erklären müssten, wer Curd Jürgens war: Wie würden Sie das auf den Punkt bringen?

Heike Specht: Curd Jürgens war der einzige deutsche Weltstar im Nachkriegskino; ein Mann, der eine deutsche, eine französische, eine europäische und eine Hollywood-Karriere hatte - so etwas gab es seither nie wieder.

Bevor er 1955 seinen großen Durchbruch hatte, spielte er ja vor allem in vielen Unterhaltungsfilmen mit. Er galt nicht gerade als ungemein wandlungsfähig. Was kam da 1955 alles zusammen?

Curd Jürgens, das muss man sich heute vor Augen halten, war Mitte der 1950er schon Ende 30/Anfang 40 Jahre alt, das heißt, er hatte eigentlich schon sein halbes Leben geschauspielert, in mittelmäßigen Filmen im Kino und im immer gleichen Rollentypus am Theater. Er hat während der Kriegsjahre auch eher kleinere Rollen in oft seichteren Filmen in Österreich gespielt. Ende des Krieges hat er neue Hoffnung geschöpft, dass ihm mit der Öffnung Deutschlands nach dem Krieg die Möglichkeit gegeben wird, eine internationale Karriere anzusteuern. Das hat er ganz gezielt im Auge gehabt.

Romy Schneider und Curd Jürgens bei einer Feier in Film-Kostümen (Foto: picture-alliance/dpa)

Romy Schneider feierte 1959 mit Curd Jürgens in den Kostümen zu dem Film "Katja - die ungekrönte Kaiserin", in dem beide die Hauptrollen spielen, ihren 21. Geburtstag

Aber das ging Ende der 1940er Jahre sehr langsam los. Er hat erst mal am Theater den nächsten Schritt gemacht, mit Berthold Viertel am Burgtheater in Wien. Der hat den Jürgens eigentlich erstmals aus der Reserve gelockt, hat ihm Theaterrollen gegeben, die ihm niemand sonst zugetraut hatte. Er hat ihn komplett gegen den Typ besetzt. Das ermöglichte es ihm auch, dass andere Regisseure, auch Filmregisseure, ihn anders sehen konnten, als man ihn bis dahin gesehen hatte. Nämlich nicht nur als gut aussehenden Abenteurer und Liebhaber und als jungen Helden.

Wie ging es im deutschen Kino weiter?

Beim Film war es der Regisseur Robert Siodmak in "Die Ratten", der ihn erstmals in einer Charakterrolle besetzt hat: als Bruno Mechelke in der Hauptmann-Verfilmung. Das hat alle komplett erstaunt. Und dann kam natürlich für ihn die große Durchbruchsrolle in Helmut Käutners "Des Teufels General", wo er in der Rolle des Harras besetzt wurde. Was auch für Entsetzen und Augenrollen sorgte, weil man erwartet hatte, dass die Rolle mit einem Schauspieler besetzt wird, der den Harras in Zuckmayers Theaterstück auch auf der Bühne gespielt hatte. Käutner wollte aber damals ganz dezidiert Curd Jürgens für die Rolle haben.

Winnie Markus und Curd Jürgens in den 50er Jahren (Foto: picture-alliance/dpa)

Heile Film-Welt der 1550er Jahre: Jürgens hier an der Seite von Winnie Markus

Und das Ausland? Frankreich und Hollywood wurden ja auch wegen dieser Rolle auf Curd Jürgens aufmerksam. Jürgens hat ja damit dazu beigetragen, dass Deutschland zehn Jahre nach Ende der Zweiten Weltkriegs anders gesehen wurde ...

Das war für ihn - das hat er auch immer wieder in Interviews und auch in seiner Autobiografie betont -, eine große Ehre, dass er erstmals nach dem Krieg einen Deutschen in Uniform spielen konnte, der nicht nur der böse Nazi war. Sondern dass das eine differenziertere Rolle war - jemand, der mitgemacht hat und sogar eine hohe Position in der Nazi-Hierarchie hatte, sich aber doch verweigert hat. Wenn auch erst spät, weil er erkannt hat, dass das in den Abgrund führt und dass das ein schreckliches Regime ist. Einer, der sich widersetzt hat. Und dann am Ende Selbstmord begeht.

Das hat für Jürgens eine große Bedeutung gehabt. Er hat Deutschland so gesehen auch vom "Katzentisch" geholt. Deutschland war in Hollywood plötzlich wieder da. Er hat in vielen seiner folgenden Hollywood-Filme immer wieder den guten Deutschen in Uniform gespielt. Was ja eigentlich, zehn Jahre nach dem Krieg, unglaublich war. Möglich war das vermutlich auch nur, weil er im echten Leben nie eine Uniform getragen hat, immer Zivilist geblieben ist.

Curd Jürgens und Hans-Dietrich Genscher 1980 (Foto: imago)

Jürgens 1980 mit dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher

Er hat nach dem Krieg also durchaus eine politische und gesellschaftspolitische Rolle gespielt. Sein Vater hatte immer davon geträumt, dass sein Sohn Diplomat wird. Und in gewisser Weise war er dann auch eine Art Diplomat. Noch stärker in Bezug auf Frankreich. Er war ja ein echter französischer Star, hat vielleicht für das positive Image von Deutschland und die Völkerverständigung ebenso viel getan wie zum Beispiel der Jugendaustausch - die Geschichten, die unter Adenauer zu der Zeit langsam anliefen…

Er hatte ja auch eine französische Mutter. Aber noch mal zurück in die USA: Wie ging es in Hollywood für ihn weiter?

Er hat dort einige erfolgreiche Filme gehabt, zum Beispiel "Duell im Atlantik" mit Robert Mitchum, später dann an der Seite von Ingrid Bergman "Die Herberge zur sechsten Glückseligkeit". Aber der ganz große Durchbruch blieb aus. Auch, weil er meistens Ausländer spielte. Der entscheidende Schritt wäre gewesen, als Amerikaner besetzt zu werden. Das war natürlich ungeheuer schwierig, das ist selbst britischen Schauspielern in dieser Zeit selten gelungen.

In "Jakobowsky und der Oberst" (1958) spielte Jürgens einen polnischen Offizier, der zusammen mit einem polnischen Juden, gespielt von Danny Kaye, versucht, aus dem von den Deutschen besetzten Frankreich zu fliehen. Diese Rolle wurde sehr kontrovers diskutiert und kam in Amerika nicht gut an. Das Remake von "Der blaue Engel" (1959) floppte total. Irgendwie ging es Ende der 1950er Jahre in Hollywood nicht recht weiter. Jürgens ist dann wieder nach Europa zurückgekommen und hat sehr viel in Frankreich gespielt - und natürlich auch in Deutschland.

Curd Jürgens hat ja sehr viel gespielt, vor und nach 1955, fast ununterbrochen, auch am Theater. War das nur der berufliche Ehrgeiz? Oder wollte er auch viel Geld verdienen?

Curd Jürgens mit seiner fünften Ehefrau Margie Schmitz (Foto: picture-alliance/dpa/H. Ossinger)

Pelz und Sonnebrille: Curd Jürgens an der Seite seiner fünften Ehefrau Margie Schmitz

Jürgens kam aus sehr begütertem Haus, war von Kindesbeinen einen großbürgerlichen Lebensstil gewohnt. Als Erwachsener aber hat er hart arbeiten müssen, um diesen Lebensstil beizubehalten. Er hatte einfach einen ungeheuer aufwendigen Lebensstil. Er unterhielt Häuser in der ganzen Welt, an den schönsten Orten, eine große Villa in Cap Ferrat, die Häuser, die er sich in Hollywood gemietet hat, er hatte Häuser am Schliersee, in Gstaad, auf den Bahamas. Er hat sich ein Luxusleben erschaffen, das er sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens auch gut leisten konnte. Aber dieser Ein-Mann-Betrieb hat ihn dann auch aufgefressen.

Er musste viel Drehen, um das am Laufen zu halten und um die Feste zu feiern, die ihm vorschwebten - wo er sich auch inszeniert hat. Er hat sich in den 1960er und 70er Jahren auch für Filme hergegeben, die er nicht besonders schätzte, einfach um genügend Geld in die Kasse zu bekommen. Er hat das Kino durchaus auch als etwas betrachtet, was zum Geld verdienen da ist. Das Theater war seine große Leidenschaft.

Heike Specht: Curd Jürgens, General und Gentleman - Die Biografie, Aufbau Verlag 2015, 464 Seiten, ISBN 978-3-35103601-0.

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