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Global Ideas

Least Developed Countries - zwischen Hoffnung und Klima

China, Indien, Vietnam - die ehemaligen Entwicklungsländer haben einen beispiellosen ökonomischen Aufstieg geschafft. Bei den am wenigsten entwickelten Ländern sieht die Sache anders aus. Das liegt auch am Klimawandel.

Muschelschalen auf ausgetrocknetem, zerfurchtem Erdboden (Foto: dapd)

Der Klimawandel trifft die ärmsten Länder besonders hart

Sechs Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr – das ist ein Wert von dem die finanzkrisengeplagten Industrienationen gegenwärtig nur träumen können. Der Wirtschaftsboom findet anderswo statt. Nicht nur in Schwellenländern wie China und Indien, die Zuwächse im teils zweistelligen Prozentbereich verzeichnen. Auch die Wirtschaftsleistung der Least Developed Countries (LDCs) – der am wenigsten entwickelten Länder – wächst gegenwärtig im Schnitt um sechs Prozent. Auch in Zukunft - damit rechnet die  UN-Entwicklungsorganisation Unctad, von der die Zahlen stammen.

Dennoch sind die insgesamt 48 Länder der "Vierten Welt", wie die Gruppe der LDCs auch genannt wird, nach wie vor meilenweit davon entfernt, Armut und Unterentwicklung hinter sich zu lassen. Im Gegenteil. "Es ist für sie noch schwieriger geworden", sagt Michael Kühn von der Deutschen Welthungerhilfe.

LDC-Status ohne Ausweg

Mann füllt Baumwolle in einen Sack (Foto: GIZ)

80 Prozent der Bevölkerung in LDCs lebt von der Landwirtschaft

Kühn hat lange Jahre in LDCs gearbeitet. Er ist Referent für Klimawandel bei der Bonner Organisation, die sich vor allem um Projekte in den ärmsten Ländern kümmert. "Diese Länder", sagt Kühn, "haben mit großen strukturellen Problemen zu kämpfen". Etwa einer fehlgeleiteten Agrarpolitik, Korruption, oder einem ungerechten globalen Handelssystem. "Und dazu kommt, on the top, durch den Klimawandel noch eine weitere Verschärfung der Situation", so Kühn.

Die Vereinten Nationen überprüfen den Status der LDCs alle drei Jahre, das nächste Mal im kommenden Frühjahr. Auch dieses Mal wird keines der Länder aufgewertet werden, also in den Status eines Schwellenlandes aufrücken. In den vergangenen 40 Jahren ist das tatsächlich erst drei Ländern gelungen: Botswana, Kap Verde und den Malediven. Aus dem LDC-Status, so scheint es, führt kein Weg heraus.

Klimawandel verschärft die Armut

Mehr noch: Die Gruppe der Least Developed Countries ist in dieser Zeit um 26 weitere Länder angewachsen. Grund ist die extreme Armut und Verwundbarkeit der betroffenen Staaten, die durch den Klimawandel noch weiter verstärkt werden. Die meisten Bewohner leben auf dem Land oder an den Küsten, versorgen sich mit Landwirtschaft, Viehhaltung oder Fischerei. Damit sind sie durch Dürreperioden, Unwetter und Überschwemmungen besonders bedroht.

Von den 48 LDC-Staaten liegt der überwiegende Teil in Afrika. Insgesamt 33 Länder führt die UNO hier auf. Damit ist auch der Kontinent am stärksten betroffen, der mit den Folgen der Erderwärmung am meisten zu kämpfen hat.

Afrika am stärksten betroffen

Drei Kinder mit einer Schafherde, auf ausgetrocknetem Boden (Foto: GIZ)

Afrika ist am stärksten betroffen

"Durch Dürren, Unwetter und Überschwemmungen kann es bis 2050 zu Ernteverlusten von 50 Prozent kommen", sagt Michael Kühn. Der Welthunger-Index seiner Organisation weist für die Länder südlich der Sahara denn auch besonders hohe Werte aus. Da die meisten dieser Länder Regenlandwirtschaft betreiben, also keine Bewässerungssysteme haben, machen sich Klima- und Wetterveränderungen für sie unmittelbar und existentiell bemerkbar.

Auch die UNO sieht die zusätzliche Gefährdung durch den Klimawandel. Bei der anstehenden Überprüfung im Frühjahr sollen in die drei Kriterien, die bei der Einstufung als LDC zugrunde gelegt werden, weitere klimarelevante Faktoren einfließen. Bislang ist etwa das Pro-Kopf-Einkommen maßgeblich sowie der Zugang zu Bildung und Gesundheitsvorsorge. Auch die "wirtschaftliche Verwundbarkeit" wird gemessen. Hier sollen künftig auch Klima-Katastrophen eine Rolle spielen. Und der Anteil der Bevölkerung, der in tief gelegenen Küstenregionen lebt und von Überflutungen bedroht ist, wird nun auch als besonderes Risiko betrachtet.

Vorteile für die ärmsten Länder

Zwei Kinder schöpfen Wasser aus einer Zisterne (Foto. GIZ)

Sauberes Trinkwasser ist rar

Zur LDC-Gruppe zu gehören, hat aber auch bestimmte Vorteile. Die Entwicklungshilfe der meisten reichen Länder konzentriert sich stark auf Least Developed Countries. Sie erhalten dadurch bevorzugt Zuschüsse, die nicht zurückgezahlt werden müssen, oder Kredite zu günstigeren Konditionen. Mit ihrer "Everything But Arms" ("Alles außer Waffen")-Initiative hat die EU ihre Zollbestimmungen für LDCs gelockert. Und bei UN-Projekten, die der Anpassung an den Klimawandel dienen, werden LDCs vorrangig berücksichtigt.

Ambitionierte Ziele

Wie drängend die UNO die Probleme der ärmsten Länder einschätzt, hat jüngst erst wieder die LDC-Konferenz in Istanbul gezeigt. Dort wurde für die laufende Dekade ein überaus ambitioniertes Arbeitsprogramm verabschiedet. Das Ziel: Bis 2020 wollen die Vereinten Nationen der Hälfte der Least Developed Countries den Aufstieg ermöglichen. Gelingen soll dies mit einem prognostizierten Wirtschaftswachstum von stolzen 7 Prozent jährlich. Nicht nur ein Praktiker der Entwicklungshilfe wie Michael Kühn macht hinter solchen Hoffnungen ein dickes Fragezeichen.

Autorin: Verena Kern
Redaktion: Ranty Islam