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Kultur

Lead Awards: Klassenbeste der Medien

Zum 22. Mal fand in Hamburg die Verleihung der Lead Awards statt – der wichtigsten deutschen Preise für Journalismus. Der Fotograf Daniel Josefsohn war der Star des Abends. Seit einem Schlaganfall sitzt er im Rollstuhl.

Daniel Josefsohn tauchte in einem goldenen Helmut Lang-Anzug auf der Bühne der Hamburger Markthalle auf und nahm den Preis für die beste Reportagefotografie entgegen. Der 53-Jährige ist der "wildeste" unter Deutschlands Fotografen. Und er bewies, dass man, wie er selbst sagt, auch im Rollstuhl, auf den er seit seinem Schlaganfall angewiesen ist, sexy aussehen kann.

Neben den Magazinen der Süddeutschen Zeitung und der Zeit war er der große Gewinner der diesjährigen Lead Awards, die Freitagabend (14.11.) in Hamburg verliehen wurden. "Für die Jury war die Entscheidung in dieser Kategorie die schwierigste in diesem Jahr", so Markus Peichl, Medienmacher und langjähriger Initiator der Verleihung. Seit mehr als 20 Jahren werden mit den Lead Awards bewegende Fotografien sowie beispielhafte Arbeiten aus der Medien- und Werbebranche ausgezeichnet. Eine Jury aus insgesamt etwa hundert Chefredakteuren, Fotografen und Artdirektoren sichtet jeweils den gesamten Jahrgang von rund 450 Zeitschriften, 300 Online-Angebote, 80 Zeitungen und Werbekampagnen.

Daniel Josefsohn: "Das Zeit-Magazin hat mir das Leben gerettet. "

Daniel Josefsohn Wichsvorlage

Pferd mit Action Painting auf dem Fell: " Wichsvorlage" eins von vielen außergewöhnlichen Bildern im Fotobuch "Ok DJ" im Hatje Cantz-Verlag

Warum entschied sich die Jury für Daniel Josefsohn? Im November 2012 erleidet der Fotograf einen Schlaganfall. Um Haaresbreite entkommt er dem Tod. Sein Schicksal, das er selbst nicht Schicksal nennen will, dokumentiert er unter der Überschrift "Am Leben" in einer wöchentlichen Kolumne im Zeit Magazin. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Karin Müller zeigt Josefsohn seine zwei Leben, vor und nach dem Schlaganfall. Zwei Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch eins sind. "Das Zeit-Magazin hat uns – mir – das Leben gerettet", bedankte sich Josefsohn auf der Bühne bei den Machern des Magazins, Christoph Amend und Mirko Borsche. "Das hat mir irre viel Kraft gegeben."

Daniel Josefsohn, geboren 1961 als Sohn jüdischer Eltern in Hamburg, wurde Mitte der 90er Jahre berühmt mit der legendären "Miststück"-Kampagne für den Musiksender MTV. Josefsohn war schon immer eine Art "Testosteron-Typ", der seinen Körper nie geschont und nichts ausgelassen hat: Schulverweise, Alkohol, LSD, Heroin, Knast. "Ich habe immer Ärger gemacht", sagt er. "Ein Extremer, der die Nacht liebt und den Exzess", schrieb das Nachrichtenmagazin Spiegel gerade über ihn. Auch für seine Projekte ging er an die Grenzen: So war er drei Tage mit dem Schauspieler Alexander Scheer in Las Vegas unterwegs und hat dort nach eigenen Angaben all das gemacht, was man dort nicht machen dürfe – und davon gibt es in Las Vegas bekanntermaßen nicht viel.

Holt Ausnahmestars vor die Kamera

Daniel Josefsohn Blitzkrieg

Burka mit böser Botschaft: "Blitzkrieg" von Daniel Josefsohn

Er arbeitete für alle großen deutschen Magazine und fotografierte bevorzugt die Enfant Terribles – Udo Kier, Charlotte Roche und Helmut Berger. "Josefsohns Aufnahmen wirken gekonnt beiläufig, authentisch und in ihrer Direktheit manchmal schockierend. Mit dieser Art hat er einen neuen Stil in der Mode- und Porträtfotografie geprägt", findet Lead Awards-Macher Markus Peichl.

Und so sind Josefsohns Arbeiten ein gutes Beispiel für das Potential in den Printmedien – allen Unkenrufen zum Trotz. "Es steckt noch viel Rock 'n' Roll in der Branche", prognostiziert Peichl. Trotzdem wolle man die Augen nicht verschließen, vor den enormen Umwälzungen, Erschütterungen und Umbrüchen, die diese Branche gerade durchmache.

Das beobachtet auch der prominenteste Redner des Abends mit Sorge, der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier: "Die Medien stecken zur Zeit sogar in einer doppelten Krise. Ihr Wirtschaftsmodell ist in Bedrängnis geraten, und gleichzeitig beginnt eine Debatte über ihren Deutungsanspruch und ihren Informationswert." Und diese Krise könne die demokratische Gesellschaft nicht kalt lassen. Sie brauche die "kritischen, fundierten, relevanten Berichte" der Presse.

Buchcover Daniel Josefsohn OK DJ

Endlich am Gipfel: "Die neue S-Klasse" heißt dieses Foto aus dem Jahr 1988, das Coverbild seines neuen Buches "OK DJ"

Wichtig sei auch die Meinungsvielfalt. "Wenn ich morgens durch den Pressespiegel schaue, habe ich den Eindruck, der Meinungskorridor war auch schon mal breiter", so Steinmeier. Es mache ihn misstrauisch, dass alle das Gleiche schreiben. Wie sieht der Ausweg aus der Krise aus? Qualität, Relevanz und Vielfalt seien das Fundament, auf das man sich zurückbesinnen müsse, so Steinmeier. Sie seien der Schlüssel für die Akzeptanz von Medien.

Steinmeier: "Der Meinungskorridor war auch schon mal breiter."

Und noch etwas verriet Steinmeier: Das deutsche Außenministerium sei nicht Schuld an der Krise. "Das Auswärtige Amt abonniert Zeitschriften und Zeitungen im Wert von über 150.000 Euro im Jahr. Dafür bezieht es unter anderem 45mal den Spiegel und 29 Exemplare der Zeit, wir abonnieren die Süddeutsche Zeitung dreißigmal und die FAZ sogar sechzigmal. " Balsam auf die Seelen der Anwesenden – und vielleicht auch ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass es nach wie vor verlässliche Abonnenten gibt.

Daniel Josefsohn: Ok DJ, Hatje Cantz Verlag

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