Laut und national: Griechen gegen Mazedonien | Europa | DW | 07.06.2018
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Griechisch-mazedonischer Namensstreit

Laut und national: Griechen gegen Mazedonien

Tausende Menschen demonstrieren in Griechenland gegen einen Namenskompromiss mit Mazedonien - und gegen Ministerpräsident Tsipras. Davon profitieren vor allem nationalistische Kräfte.

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Proteste gegen Kompromiss im Namensstreit

Das nordgriechische Pella war einmal die Hauptstadt des antiken Mazedoniens, nur sieht man das dem Dorf kaum mehr an. Dort, wo Alexander der Große einst sein Weltreich plante, sind die Straßen leer. Die Arbeitslosigkeit in der Region liegt bei 30 Prozent. Doch nicht nur deswegen ist man wütend auf Ministerpräsidenten Alexis Tsipras.

Hier, kaum eine Autostunde von der mazedonischen Grenze entfernt, sind die Widerstände gegen die derzeitige Annäherungspolitik zwischen Athen und Skopje am größten. Neben den Ausgrabungen der antiken Stadt gibt es in Pella kaum etwas zu sehen. An diesem Nachmittag aber dringt laute Musik aus Lautsprechern. Menschenmengen drängen sich durch das Dorf, in das sich sonst nur Schulklassen und geschichtsinteressierte Touristen verirren. Wie landesweit in 23 Städten gingen auch hier vor allem Konservative für ein exklusiv griechisches Mazedonien auf die Straße. "Fast alle im Dorf sind dagegen, dass die da oben sich überhaupt Mazedonien nennen, egal ob jetzt ein 'Nord' angehängt wird oder nicht. Mazedonien ist Griechenland", erklärt eine junge Frau. 

Hände weg von Mazedonien!

Interessensvereine, auch unterstützt von der Kirche und Oppositoinsparteien, karrten Demonstranten aus der gesamten Region mit Bussen an. Ein Meer aus Griechenlandfahnen. An vielen Verkaufständen wehte zusätzlich die gelbe byzantinische Flagge mit dem schwarzen Adler - nicht selten ein Erkennungsmerkmal für Nationalisten. T-Shirts mit Aufschriften wie: "Mazedonien ist Griechenland" schicken eine klare Botschaft an die Regierung beider Länder: Finger weg von unserer Geschichte!

"Schaut Euch die Ausgrabungen an. Alles dort steht auf griechisch! Nichts davon ist slawisch", polemisiert der Bürgermeister der Region durch das Mikrofon. Die Menge jubelt ihm zu. Auf einem Schild spricht ein Jugendlicher den mazedonischen Ministerpräsidenten direkt an: "Zaev! Mazedonier wird man nicht auf Wunsch, sondern als solcher geboren!" Die Demonstranten sind sich einig: Mazedonien den Griechen. In Dörfern wie diesen sucht man vergeblich nach Gegenstimmen.

Griechenland Namensstreit mit Mazedonien Protest in Pella (Reuters/A. Avrimidis)

Mit dabei, aber doch auffällig zurückhaltend: Die Haltung der orthodoxen Kirche zum Namensstreit

Dabei ist es den meisten egal, wie sich der nördliche Nachbar denn in Zukunft nennen könnte. Hauptsache das Wort Mazedonien taucht nicht auf. "Das ist doch nicht unser Problem, dass sie die letzten Jahre eine Lüge gelebt haben", beschwert sich ein älterer Mann. Eine Frau in mazedonischer Tracht stimmt ihm zu: "Ich kann nur hoffen, dass sie den Namen nicht behalten. Wie sie sich sonst nennen sollen, kann ich beim besten Willen nicht sagen."

Wind in konservative Segel

Ihre Wut richtet sich vor allem auf Ministerpräsidenten Alexis Tsipras und seinen Außenminister Nikos Kotzias. Trotz diverser Rückschläge in den letzten Wochen halten beide an einer baldigen Lösung fest. "Nur noch ein paar Tage Geduld", bat Kotzias noch am Montag. Vor kurzem kam es beinahe zu einer Einigung. Doch dann plötzlich Rückzug. Auch in Skopje stößt ein möglicher Kompromiss bei der Opposition auf Ablehnung. Vor allem die von Athen geforderte 'Erga-Omnes-Lösung', die eine Namensänderung per Verfassung bestätigen soll und international rechtsgültig wäre, findet in Mazedonien wenig Freunde.

Auch deswegen kam es dort vor kurzem noch zu Demonstrationen, die denen in Griechenland duchaus ähnelten. Viel nationalistische Polemik, wenig Sinn für beidseitig akzeptable Lösungen. Und in Griechenland? Selbst eine Verfassungsänderung wäre für die Demonstranten kein ausreichender Kompromiss. "Geschichte lässt sich nicht auf Lügen bauen. Da bringt es auch nichts, diese konstitutionell in Stein zu meißeln!", ruft ein Podiumsredner ins Mikrofon.

Derweil halten sich viele konservative Wortführer in Griechenland auffallend bedeckt. Selbst die Kirche ließ verlauten, dass es eine Angelegenheit der Regierung und kein Problem des Klerus sei. Und auch der konservative Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis, der sonst bei jeder Gelegenheit gegen seinen Konkurrenten Tsipras redet, ist erstaunlich ruhig. Seinen Parteifreunden stellte er frei, an den Demonstrationen teilzunehmen oder nicht. Einige ließen sich blicken. Viele blieben zu Hause. Die üblichen Wortgefechte zwischen linken und rechten Politikern aber beschränkten sich auf ein Minimum.

Konflikt auf Volksebene

Doch in punkto Mazedonien ist es von offizieller Seite gar nicht nötig, gegen die Annäherungspolitik der Regierung zu wettern. Der Konflikt wird auf Ebene des Volkes ausgetragen, das mit der Arbeit des Ministerpräsidenten auch in punkto Krisenmanagement wenig zufrieden ist. Die balkanfreundliche Außenpolitik des Regierungschefs ist für viele nur zusätzliches Öl ins ohnehin lodernde Feuer. Der Konflikt mit Mazedonien? Eine Grundsatzfrage. Spielraum gibt es hier kaum.

So können sich Tsipras' Gegner genüsslich zurücklehnen. Für Mitsotakis spielt dabei auch eine Rolle, dass EU und NATO eine Lösung des Problems zugunsten Mazedoniens befürworten. Sollten die Wähler bei den anstehenden Parlamentswahlen im nächsten Jahr zu Gunsten seiner Partei entscheiden, so scheint es derzeit besser, sich nicht allzu ideologisch aus dem Fenster zu lehnen. Schließlich will er sich international alle Türen offen halten. Und: der Konflikt brodelt heftig genug, auch ohne sein Zutun. Denn selbst wenn sich die Regierungen innerhalb der nächsten Tage und Wochen auf einen Namen einigen sollten: Für die Menschen in Pella wird dies sicher nicht das Ende der Auseinandersetzung sein.

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