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Kultur

Laut, aufdringlich, überraschend und europäisch

In der griechischen Hauptstadt Athen kämpfen 24 Länder im Finale des 51. Eurovision Song Contests um die europäische Musikkrone. Was sagt dieser Wettbewerb über Europa aus? Einiges.

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Der Sänger der finnischen Band Lordi

Was ist Europa überhaupt? Ein großes Stück Land zwischen den Bergen des Ural und dem Atlantischen Ozean, von dem die eine Hälfte für Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang verfaulte, während die andere Hälfte ein armseliger Ableger des mächtigen Fastfood-Imperiums wurde? Nach dem Ende des Kommunismus und seit der EU-Erweiterung ist der alte Kontinent noch immer ein Missklang von echten und eingebildeten Stimmen. Ein Mischmasch von anspruchvoller Hochkultur und archaischen Bräuchen. Ein moderner Turm zu Babel in der Landschaft von eigenem Größenwahn und Träumen von vergangenem Ruhm.

Eigenartige Franzosen und kleinliche Niederländer

Doch trotz der Bücher über die Krise des europäischen Themas. Trotz der blockierten Europäischen Verfassung – oder sollte man sagen trotz der Franzosen mit ihrem Wunsch nach dem Anders sein und der kleinlichen Niederländer. Und trotz der absurden königlichen Familien und ihrer noch absurderen Anhänger: Europa ist wirklich nicht in Gefahr, von der Erdoberfläche zu verschwinden. Zumindest solange nicht, wie Europa seinen ganz eigenen Eurovision Song Contest hat.

Er ist eine Tradition des Kontinents seit 1956. Der Grand Prix de la Chanson hat fanatische Anhänger und erbitterte Gegner. Erstere betonen gerne, dass die schwedische Band ABBA womöglich in einem Massagesalon in Uppsala geendet hätte, wenn sie nicht 1974 den Wettbewerb glorios gewonnen hätte. Letztere argumentieren, dass die Welt von Celine Dions Gewinsel verschont geblieben wäre, wenn sie den Wettbewerb nicht 1988 gewonnen hätte.

Doch die Wahrheit ist, dass kein anderes Kultur- oder Sportereignis die Europäer derart vereinen kann – Gegner wie Anhänger – wie dieses wunderbare Fest des Pomps und des schlechten Geschmacks.

"Hat hier jemand Balkanisierung gesagt?"

Die Balkanstaaten beispielsweise: Sie sind seit Jahrhunderten aufeinander losgegangen. Sie sind für den schlimmsten Gräueltaten auf dem Kontinent seit Ende des Zweiten Weltkrieges verantwortlich. Doch immer prügelt man sich untereinander bei Fußballspielen. Aber sobald man sie auf die Bühne des Eurovision Song Contests lässt, verwandeln sie sich auf wundersame Weise in Botschafter der Freude und der internationalen Verständigung.

Als die mittelalterliche Technopop-Beerdigungshymne von Serbien-Montenegro 2004 beinahe den Wettbewerb gewonnen hätte – sie wurde schließlich zweite nach der ukrainischen Löwenbändigerin und Leder-Domina Ruslana – schworen die Balkanländern, die sich leidenschaftlich gegenseitig Punkte gaben, sie könnten sich nicht erinnern, worum es bei den diversen Kriegen eigentlich ging.

"Life is a cabaret"

Das bedeutet nicht, dass innere Angelegenheiten immer so rosig sind. Serbien und Montenegro, die in der letzten Phase der Trennung sind, nehmen dieses Mal in Athen nicht teil. Die beiden schrumpfenden Staaten konnten sich nicht auf einen Beitrag einigen, der beiden Seiten zusagte. Das bedeutet aber nicht, dass sie im nächsten Jahr nicht wieder beste Freunde sein könnten. "Wir kämpfen gegeneinander und wir machen Frieden miteinander. Wir weinen zusammen und wir lachen zusammen. Das Leben ist ein Cabaret."

Laut und aufdringlich

Eurovision 2006 Symbolbild

Schön bunt soll es werden, wie schon beim Halbfinale

In diesem Jahr ist der Contest mit seinem Finale am Samstag (20.5.2006) zu Gast beim griechischen Sender ERT. Zuvor gab es noch ein Halbfinale am Donnerstag. Zuschauer aus Europa, der Türkei und Israel geben ihre Stimmen ab und schicken SMS an eine zentrale Sammelstelle.

Wer also wird dieses Jahr gewinnen? Die finnische Rockgruppe Lordi – ein Hardrock-Quintett mit Monstermasken und mittelalterlicher Rüstung? Severina, die kroatische Pamela Anderson, deren Sexspielchen auf Video die Balkan-Machos mindestens so sehr erfreut hat, wie ihr Volkslied vor einigen Jahren? Oder könnte der deutsche Beitrag Texas Lightning dieses Mal dafür sorgen, dass das Land nicht wieder so blamiert wird wie mit dem Gracia-Debakel im vorigen Jahr: Ihr Beitrag mit dem passenden Titel "Run and Hide – Lauf und versteck dich" sorgte dafür, dass jeder Deutsche genau das am liebsten getan hätte. Das ist schwer zu sagen, weil der Eurovision Song Contest so skurril und unvorhersehbar ist, wie er laut und aufdringlich ist. Weil die Europäer sich manchmal gerne gegenseitig überraschen. Weil der Eurovision Song Contest Europa ist.