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Politik & Gesellschaft

Launische Wähler verunsichern Parteien

Auf die Wähler ist kein Verlass mehr. Alte Bindungen an soziale Milieus und damit an die ihnen zugeordneten Parteien verlieren zunehmend an Bedeutung. Eine Entwicklung, die auch die deutsche Parteiendemokratie verändert.

Wie weit scheint das zurück zu liegen, damals als die eigentlich kleine Partei FDP vom Sieg berauscht auf der Regierungsbank Platz nahm. Doch es war erst die letzte Bundestagswahl im September 2009, bei der die Liberalen erstaunliche 14,6 Prozent der Stimmen bekamen und auf eine strahlende Zukunft hofften. Und es ist auch gar nicht so lange her, dass den Grünen die Augen glänzten, als Winfried Kretschmann die Staatskanzlei in Stuttgart übernahm und die Hoffnung schürte, dass auch Berlin gewonnen werden könnte. Beides ging schief.

2009: FDP-Chef Guido Westerwelle grinst (Foto: dpa)

Tage des Glücks: Guido Westerwelle, einst FDP-Chef, nach dem Wahlerfolg 2009

Die Wähler werden immer sprunghafter. Für die Grünen können sich die Sympathiewerte innerhalb weniger Monate verdoppeln, um dann wieder auf alte Werte zurückzufallen. Die Newcomer von der Piratenpartei bekommen bei Umfragen und Wahlen 13 Prozent, davon bleiben wenige Monate später nur noch 3 Prozent übrig. FDP, Grüne und Piratenpartei erleben am deutlichsten, dass sie sich nicht auf die Wähler verlassen können.

Aber auch die großen Parteien werden verunsichert vom wilden Auf und Ab. In einem gut überschaubaren Zeitraum sacken die Unionsparteien auf unter 30 Prozent und sind bald wieder über der 40-Prozent-Marke. Die SPD absolviert eine ähnliche Berg- und Talfahrt bei der Beliebtheit - nur eine Zehnergruppe unter der Union. Die Parteistrategen raufen sich die Haare und fragen verwirrt, was diese Wähler da eigentlich veranstalten?

Dem Wechselwähler auf der Spur

Wahlforscher Bernhard Weßels (Foto: DW / Kiesel)

Wahlforscher Bernhard Weßels

"Die Gruppe derjenigen, die ihre Wahlpräferenzen zwischen zwei Wahlen ändert, hat sich in den letzten 25 Jahren verdoppelt", stellt Bernhard Weßels vom Wissenschaftszentrum Berlin fest. "Mittlerweile machen sie etwa 60 Prozent aus." Der Wahlforscher betreut eine der bislang größten Forschungsstudien zum Wahlverhalten in Deutschland, die "German Longitudinal Election Study". Drei Bundestagswahlen und die dazwischenliegenden Urnengänge in den Bundesländern werden begleitet. Weßels und seine Kollegen wollen unter anderem herausfinden, woher das veränderte Wahlverhalten rührt und wie es sich auf das politische Leben der Bundesrepublik auswirkt. "Es gibt da durchaus Ängste, dass die Wechselwähler anfälliger für Demagogen sind", konstatiert Weßels.

Stammwähler und Wechselwähler

Früher hatten Unionsparteien und SPD ein großes Reservoir an Stammwählern, die vornehmlich aus bestimmten sozialen Milieus kamen. Bürgerliche Kirchgänger wählten CDU oder CSU, gewerkschaftlich organisierte Arbeiter die Sozialdemokraten. Diese Verknüpfungen schwinden. Das Phänomen ist nicht neu. Dennoch lohnt es, sich noch einmal vor Augen zu halten, in welcher Größenordnung das passiert. In den 1960er-Jahren machten die milieuverhafteten Wähler bei den großen Parteien noch 40 Prozent aus. Heutzutage sind es gerade noch zehn Prozent.

Die potenziellen Stimmengeber werden von den großen Parteien mit Nachdruck gesucht. Und zwar vor allem in einer nicht näher definierten politischen Mitte. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück reklamiert für seine Partei die "Deutungshoheit über die politische Mitte", während CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Partei zur "Volkspartei der Mitte" erklärt. Wo wir sind, da ist Mitte, heißt es. Diese Botschaft soll Wechselwähler anlocken.

Doch auch die sind schwer zu fassen. "Wechselwähler sind keine homogene Gruppe", meint Wahlforscher Weßels. "Und so lange kein großes, die ganze Gesellschaft betreffendes Thema aufkommt, sind sie auch nicht als Gesamtheit ansprechbar."

Kritische Wähler

Grünen-Wahlkampfmanager Robert Heinrich (Foto: DW / Kiesel)

Grünen-Wahlkampfmanager Robert Heinrich muss kritische Wähler überzeugen

Für kleinere Parteien ohne gewachsene Milieus bleibt nicht einmal das Wehklagen über schwindende Stammwählerschaften. "Wir müssen bis zur letzten Minute kämpfen", sagt Robert Heinrich, Wahlkampfmanager der Grünen im Bundestagswahlkampf 2013. "Wir wissen über unsere Wähler, dass sie gut informiert und gebildet sind, aber ihre Entscheidung oft erst am Wahltag fällen." Kritische Wähler zu haben, macht den Wahlkampf schwieriger. "Klar, haben wir auch unsere treuen Wähler, aber viele schauen sich bei jeder Wahl erneut an, ob wir ihr Thema kompetent und glaubwürdig vertreten."

Dieser Wählertypus sei häufig unter den Wechslern zu finden, weiß Bernhard Weßels zu berichten. "Es sind keineswegs Leute, die irgendwie nach Laune im letzten Augenblick ihr Kreuzchen machen", sagt der Wahlforscher, "sondern häufig gut informierte und gebildete Wähler, die rational und vorausschauend vorgehen."

Mehr und mehr machen sich die Wähler auch von ideologischen Barrieren frei. "Es fällt den Wechslern aber nicht leicht, zwischen links und rechts zu wechseln", beobachtet Weßels. "Wenn sie es tun, dann legen sie oft eine Wahlpause ein." Vor allem zählt für die Wechselbereiten, wie ihre Themen von den Parteien vertreten und umgesetzt werden. Sie achten darauf, dass ihre Stimme die größtmögliche Wirkung entfaltet. "Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich der Anteil beim Stimmensplitting von 6 auf 28 Prozent erhöht", so Weßels. Die Bürger drückten ihre Präferenz damit nicht mehr nur für einzelnen Parteien, sondern auch für ihre Wunschkoalition aus.

Abseits der "Mitte"

Eine Urne mit Wahlzetteln für die Kommunalwahl wird am Sonntag (22.04.2012) in einem Wahllokal in Ilmenau nach Wahlschluss zur Auszählung ausgeschüttet. Heute werden in Thüringen die hauptamtlichen Bürgermeister, Oberbürgermeister und Landräte gewählt. Foto: Michael Reichel/lth pixel

Wahlen werden zunehmend durch regional angepasste Kampagnen geprägt

Für die Wahlkämpfer stellt die steigende Zahl der Wechselwähler jedoch eine komplexe Herausforderung dar. Wegen dieser wachsenden heterogenen Gruppe müssen sie kleinräumiger Wahlkampf führen. "Da muss die SPD zum Beispiel herausfinden, bei welchem Thema sie in Berlin-Kreuzberg Wechsler und Nichtwähler mobilisieren kann", vermutet Weßels. Eine Vielzahl von regionalen und sachlichen Kampagnen ist von den Parteistrategen auszuloten und dann mit dem richtigen Kommunikationsweg an den potenziellen Wähler zu bringen.

Das ist kleinteilig, und hat wenig mit der vermuteten großen "Mitte" zu tun, die man in umfassenden Kampagnen ansprechen kann. An diese Situation scheinen sich die kleineren Parteien einfacher anpassen zu können. "Die sind langfristig gesehen im Aufwind", liest Wahlforscher Weßels aus seinen Datensätzen.

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