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Welt

Lateinamerikas gefährlicher Freund China

China verspricht Lateinamerika einen Geldsegen: 250 Milliarden US-Dollar will die Großmacht in den nächsten zehn Jahren in dem Kontinent investieren. Der Entwicklung der Region könnte das schaden.

Xi Jinping will Chinas Einfluss in Lateinamerika weiter ausbauen. Beim Treffen mit der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) in Beijing Anfang Januar kündigte Chinas Staatschef an, in der nächsten Dekade 250 Milliarden Dollar in Lateinamerika zu investieren.

Geht es nach Xi soll sich außerdem das Handelsvolumen zwischen beiden Regionen bis 2025 von heute 280 Milliarden auf 500 Milliarden US-Dollar pro Jahr fast verdoppeln.

Seit 2010 ist China der zweitwichtigste Lieferant Lateinamerikas hinter den Vereinigten Staaten und vor der Europäischen Union. Zudem ist China ein wichtiger Käufer für viele Länder Lateinamerikas: Brasilien und Uruguay liefern rund 15 Prozent ihrer Exporte nach China. Kolumbien und Argentinien etwa acht Prozent. Für Chile ist China mit 25 Prozent am Exportvolumen sogar Exportland Nummer eins.

Eine bekannte Handelsstruktur

Die Struktur der Handelsbeziehungen ähnelt denen, die Lateinamerika auch zu westlichen Industrieländern pflegt: Die Region liefert Öl, Kupfer, Soja und Fleisch und erhält dafür Fertigwaren und Technologie. Solange der Rohstoffmarkt boomte, bekam die Region für ihre Produkte immer mehr Autos, Computer und Maschinen aus China.

Xi Jinping und Nicolas Maduro in Venezuela (Foto: Reuters)

Venezuela ist Chinas größter Schuldner in Lateinamerika

Doch auf die Fiesta folgt nun der Kater: Mit dem weltweiten Rückgang der Rohstoff-Nachfrage sind auch die Preise gefallen: Öl, Kupfer und Soja sind nur noch halb so viel Wert wie noch vor einigen Jahren.

Venezuela muss für die Rückzahlung seiner Schulden nun doppelt so viel Öl nach China schicken wie vor einem Jahr. In Argentinien, einem der größten Sojaexporteure der Welt, trifft es mit der Landwirtschaft den letzten produktiven Wirtschaftssektor. Und auch für Brasiliens stotternden Wirtschaftsmotor bedeutet diese Entwicklung einen weiteren Rückschlag.

Magdalena Forster von Deutsche Bank Research rät den Ländern, sich wirtschaftlich breiter aufzustellen: "Chile ist ein gutes Beispiel, wie Länder den 'Rohstoff-Fluch' minimieren können: Chile hat über Jahre hinweg aktiv seine Handelspartner durch viele bilaterale Freihandelsverträge diversifiziert und alternative Exportprodukte mit höherer Wertschöpfung, wie Lachs oder Wein, gefördert." Auch der Aufbau eines prosperierenden Dienstleistungssektors sei wichtig.

Aber selbst in Chile, dem größten Kupferexporteur der Welt, könnte die Wirtschaft wegen des Preisverfalls künftig langsamer wachsen. Manche Experten sehen sogar die Finanzierung der geplanten Bildungsreform in Gefahr. Forster dagegen erinnert im Gespräch mit der DW: "Chile besitzt Staatsfonds, in die überschüssige Rohstofferlöse eingezahlt werden, die als Puffer für magere Zeiten dienen können."

Investitionen in Rohstoffe

Wie stark die Beziehungen zwischen Lateinamerika und China von den Rohstoffen geprägt sind, zeigt nicht nur der Güterhandel. Rund sechs Prozent der gesamten ausländischen Investitionen in der Region kommen aus China: Seit 2010 investiert es dort jährlich etwa zehn Milliarden US-Dollar. Laut Deutsche Bank Research entfallen 90 Prozent dieser Kapitalanlagen auf die Ausbeutung von Rohstoffen. Und Chinas Lust auf Lateinamerika ist damit noch lange nicht gestillt.

Im April 2014 übernahmen beispielsweise drei chinesische Unternehmen in Peru für rund sechs Milliarden US-Dollar eine der größten Kupferminen der Welt. Und der staatliche chinesische Nahrungsmittelkonzern COFCO kaufte vor kurzem Nidera und Noble, zwei der weltweit wichtigsten Getreidehändler, führend in Südamerika.

Kredite für die Infrastruktur

Zudem werden bilaterale Kredite immer wichtiger. Auf Kuba finanziert China einen neuen Hafen, in Argentinien die Modernisierung einer Eisenbahnlinie und den Bau zweier Wasserkraftwerke. Das brasilianische Vale, eines der drei größten Bergbauunternehmen der Welt, erhielt einen Kredit für den Kauf von Schiffen und Ausrüstung. Im Gespräch ist auch eine Eisenbahnverbindung zwischen Brasilien und Peru durch die Anden. In Nicaragua finanziert eine chinesische Gruppe den Bau eines neuen Pazifik-Atlantik-Kanals.

"Laut der Datenbank des Inter-American Dialogue zu chinesischen Krediten in Lateinamerika sind 55 Prozent der zwischen 2005 und 2013 zugesagten Kredite für die Infrastruktur bestimmt", sagt Deutsche-Bank-Expertin Forster.

Der Satellit mit beiden Nationalflaggen auf einem Schwertransporter (Foto: Inpe)

Seltene Kooperationen auf Augenhöhe: der chinesisch-brasilianische Satellit CBERS-04

Oft haben die Kredite vergleichsweise günstige Zinsen - selbst für Länder, die sich wie Argentinien kein Geld an internationalen Kapitalmärkten leihen können. Doch sie haben einen Haken: "Oft sind Kreditzusagen mit Auflagen verbunden, die sicherstellen, dass chinesische Dienstleistungen oder Ausrüstung für die Projekte verwendet werden", sagt Forster. Dadurch verringere sich das Risiko chinesischer Gläubiger vor allem in instabilen Ländern.

Freunde brauchen Geld

Weiteren Einfluss nimmt China durch Kredite an lateinamerikanische Regierungen, mit denen diese Haushaltsdefizite ausgleichen. Argentinien erhielt 2014 eine Yuan-Kreditlinie im Wert von elf Milliarden US-Dollar, um die akute Devisenknappheit im Land zu lindern. Auch Ecuador und Venezuela eilte China zur Hilfe und versprach neue Kredite über 7,5 beziehungsweise 20 Milliarden US-Dollar.

Laut dem Think-Tank Inter-American Dialogue hat sich Lateinamerika zwischen 2005 und 2013 etwa 98 Milliarden US-Dollar von China geliehen. Das sind allein 60 Prozent dessen, was Deutsche Bank Research für denselben Zeitraum an multilateraler Kreditvergabe durch Weltbank und Interamerikanische Entwicklungsbank anführt. Die größten chinesischen Kredite bekamen demnach Venezuela (50 Milliarden), Argentinien (14 Milliarden), Brasilien (13 Milliarden) und Ecuador (zehn Milliarden).

Um die Entwicklung der lateinamerikanischen Länder geht es China dabei freilich nicht. Das müssen die lateinamerikanischen Regierungen selbst in die Hand nehmen, indem es Wirtschaftsmodelle fördert, die statt auf Rohstoff-Exporten auf den Menschen und deren Wissen basieren. Die Gefahr ist sonst groß, dass der Kontinent der einen in die nächste Abhängigkeit schlittert.

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