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Filme

Lateinamerikanisches Kino in Oberhausen: experimentell und gesellschaftskritisch

Regisseure aus Lateinamerika kritisieren häufig politische und gesellschaftliche Missstände - teils drastisch, teils subversiv. Einen Einblick ins lateinamerikanische Kino bieten die 62. Kurzfilmtage in Oberhausen.

"Bitte bleiben Sie in Ihren Häusern! Halten Sie sich fern von den Fenstern! Sammeln Sie für die nächsten Tage genug Wasser zum Trinken und für den täglichen Gebrauch." Durch das Unterholz des kolumbianischen Regenwalds tönt eine Männerstimme aus Lautsprechern. Der Orkan komme näher, ruft sie. Mit einem motorisierten Untersatz auf Eisenbahnschienen fährt ein Junge durch den Urwald Kolumbiens und verbreitet die Unwetterwarnungen des Ministeriums, vorbei an einsamen Dörfern, in denen mehr Tiere als Menschen wohnen.

Der atmosphärische Kurzfilm "Echo Chamber" von Guillermo Moncayo fängt die Ruhe vor dem Sturm ein und ist Teil von "El pueblo", einem Themenschwerpunkt der 62. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, die lateinamerikanisches Kino ins Ruhrgebiet bringt. Das Festival findet in diesem Jahr vom 5. bis 10. Mai statt und zählt zu den bedeutendsten und ältesten Kurzfilmfestivals der Welt. Insgesamt werden dort mehr als 550 Filme aus 55 Ländern gezeigt.

"Wir sind das Volk!" hat ausgedient

"Somos el pueblo!" (dt. "Wir sind das Volk!"): Nicht nur in Deutschland, auch in Lateinamerika hat dieser Ausruf eine Geschichte. In den 1960er und 1970er Jahren versuchten die Regisseure des Neuen Lateinamerikanischen Films durch ihre Arbeit sozialpolitische Veränderungen herbeizuführen. Sie suchten nach der nationalen und der lateinamerikanischen Identität. Doch mittlerweile ist die Wirkungskraft von "Somos el pueblo" längst verloren gegangen. Der Schlachtruf von einst wurde von verschiedenen politischen Strömungen vereinnahmt und missbraucht.

Aber es gibt sie trotzdem, die Gemeinsamkeiten. Das spiegelt sich auch in dem Kurzfilmprogramm wider, das rund 50 Arbeiten aus knapp 15 Ländern präsentiert, darunter Argentinien, Brasilien, Chile, Ecuador, Mexiko, Paraguay, Peru und Puerto Rico. "Diese Filme stellen kleine Gruppen und Individuen in den Mittelpunkt und haben eher den Blick hin zu mikroskopischen und zersplitterten Themen wie Verstädterung, Arbeitsrecht und das Erbe des Kolonialismus", erklärt der argentinische Filmwissenschaftler und Kurator des Kurzfilmprogramms "El pueblo", Federico Windhausen.

Regisseure hinterfragen das politische System

Die meisten Filme erzählen von den Problemen Lateinamerikas, sei es Kriminalität, Korruption oder Landraub. Die Filmemacher begeben sich dafür in einen Mikrokosmos. Sie versuchen gar nicht das große Ganze abzubilden, und schaffen es doch, indem sie Details in den Fokus nehmen, das politische System zu hinterfragen.

Besucher vor der Lichtburg bei den 62. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen (Foto: Kurzfilmtage / Daniel Gasenzer)

Die 62. Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen ziehen viele Filmfans aus dem In- und Ausland an

Beispielhaft gelingt dies Federico Adorno, einem jungen Regisseur aus Paraguay. Sein Kurzfilm "La Estancia" (Bild oben) zeigt Menschen im Urwald, die teilnahmslos weggetragen und an einen Baum gefesselt werden. Und Menschen, die durch Wälder irren. Der Film kommt ohne Erzählerstimme aus. Nur die Geräusche des Regenwaldes sind zu hören. Der Film basiert auf einem wahren Ereignis, dem Massaker von Curuguaty am 15. Juni 2012. Ein Fall, der auch international Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Landlose Kleinbauern hatten damals das Land besetzt, um sich und ihren Familien das Überleben zu sichern. Ein Konzern jedoch beanspruchte das Land für sich. Zu unrecht zwar, weil es dem Staat gehörte und damit den Bauern, aber dennoch standen im Juni 2012 rund 60 Bauern 300 Polizisten gegenüber. Die Landbesetzung wurde gewaltsam aufgelöst. Dabei starben elf Bauern und sechs Polizisten. Die Staatsanwaltschaft machte die Bauern für die toten Polizisten verantwortlich und untersuchte lediglich die Todesumstände der sechs Polizisten, nicht die der elf Kleinbauern.

Große Bandbreite: fiktiv, dokumentarisch, experimentell

So wie "La Estancia" beschäftigen sich die meisten Filme der Sektion "El pueblo" mit Ungerechtigkeit und Missständen. Aber sie gehen dabei unterschiedliche Wege. Einige sind fiktiv, andere dokumentarisch-experimentell, wie "Nariño", ein Film des spanischen Regisseurs José Luis Bongore. Er drehte im südkolumbianischen Krisengebiet. Auch hier fehlt ein Erzähler. Stattdessen werden Szenen aus der Region Nariño aneinandergereiht, die das alltägliche Leben der Einwohner zwischen Guerillas, Paramilitärs, Drogenhändlern und Goldsuchern einfangen.

Kurator Federico Windhausen ist - so unterschiedlich die Filme und Länder sind, aus denen sie stammen - eine Mischung gelungen, die vor allem die Gemeinsamkeiten des lateinamerikanischen Kinos aufzeigt. Politisch, gesellschaftskritisch und oft dokumentarisch leuchten die Filmemacher die Schattenseiten des südamerikanischen Kontinents aus und nehmen die dunklen Kapitel der Gegenwart in den Blick. So beeindruckend die Werke sind, so bleiben sie doch oftmals ohne Erklärung kryptisch, da sie zumindest Grundkenntnisse der jüngeren Geschichte Lateinamerikas voraussetzen.

Symbolbild Film Festival roter Teppich

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