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Wirtschaft

Lateinamerika im Sog der Wirtschaftskrise

Ende 2008 glaubten noch viele in Lateinamerika, dass sich die Krise auf die Industrieländer beschränken würde. Jetzt ist die Krise auch dort angekommen. Null-Wachstum und ein Anstieg der Zahl der Armen sind die Folgen.

Fahnen der lateinamerikanischen Länder (AP Photo/Kathryn Cook)

Wolken über den Volkswirtschaften Lateinamerikas

Sinkende Exporteinnahmen in Folge fallender Weltmarktpreise für Rohstoffe, Öl und Agrarprodukte, eine ansetzende Kapitalflucht und eine deutliche Abnahme der Rücküberweisungen von Migranten erschüttern die Volkswirtschaften in Lateinamerika. Null Wachstum für die gesamte Region wird von der Weltbank prognostiziert. Lediglich in Peru wird noch mit einem kleinen Wachstum gerechnet, nach zehn Prozent im letzten Jahr.

Nichtsdestotrotz, die Voraussetzungen für Lateinamerika, diesmal die Turbulenzen besser zu überstehen, sind günstiger als in früheren Jahrzehnten. Wirtschaftswissenschaftler Hartmut Sangmeister von der Uni Heidelberg nennt die erhöhten Devisenreserven als einen Grund: "Diese hohen Devisenreserven helfen jetzt sehr stark, den Verfall der nationalen Währungen zumindest abzubremsen. Brasilien hat schon große Teile seiner Devisenreserven zur Stützung des Real eingesetzt. Chile hat in guten Zeiten ein Stabilisierungsfonds aufgebaut. Jetzt werden Teile dieses Fonds für die Konjunkturstützung verwendet." Zudem sei die Haushaltskonsolidierung in fast allen Ländern der Region deutlich vorangekommen, so dass jetzt die Ausgabenprogramme nicht zu einem Staatsbankrott führen.

"Krise? Welche Krise?"

Lula Da Siva 2007 in Brüssel(Quelle:dpa)

Wollte die Krise zuerst nicht wahrhaben: Brasiliens Präsident Lula

Noch im September 2008 hatte der brasilianische Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva auf Fragen von Journalisten nach den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf sein Land mit der rhetorischen Gegenfrage geantwortet: „Krise? Welche Krise?“. Nur einige Wochen später, auf einem Krisentreffen der G-20, der auch Argentinien, Brasilien und Mexiko angehören, war seine Einschätzung realistischer, als er feststellen musste, dass die globalen Finanzmärkte kollabiert waren und in Folge dessen die reale Wirtschaft und der Handel auch bald einbrechen würden.

Anstatt auf Hilfe der Industrieländer zu warten, die sich schwer genug mit der eigenen Krise tun, werden nun in vielen Ländern Lateinamerikas schnell keynesianisch inspirierte Programme zur Ankurbelung der Nachfrage auf die Beine gestellt. Auch Hilfsangebote des in einigen Ländern verhassten IWF sind wieder willkommen.

Regierungen überbieten sich mit Konjunkturpaketen

Wasserkraftwerk in Peru(Quelle: DEG)

Hoffnungsträger: Nur in Peru wird ein Wachstum erwartet

Die argentinische Regierung hat ein Konjunkturpaket beschlossen, das u.a. Investitionen in Infrastruktur mit einem Volumen von 32 Milliarden US Dollar, eine Senkung der Exportsteuern für Weizen und Mais sowie günstige Kredite für kleine Unternehmen und private Haushalte vorsieht. Ruheständler und Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen bekommen 200 Pesos vom Staat geschenkt.

In Brasilien will man die Nachfrage auf dem einheimischen Markt durch Steuerentlastungen von fast vier Milliarden US Dollar ankurbeln. Darüber hinaus wurden die Leitzinsen gesenkt und die nationale Entwicklungsbank erhält umfangreiche Mittel, um das Exportgeschäft zu stützen. Die Regierungen in Peru und Mexiko haben Programme in Höhe von 12,5 bzw. drei Milliarden US Dollar angekündigt, die zum großen Teil der Finanzierung öffentlicher Infrastrukturprojekte gewidmet sind. Venezuela hat eine Anhebung der Mehrwertsteuer von neun auf zwölf Prozent, eine 20-prozentige Erhöhung des Mindestlohnes und eine Kürzung des Staatshaushalts um 6,7 Prozent angekündigt.

Ein Anstieg der Armut wird erwartet

Eine Indio-Frau mit ihrem kleinen Kind (Quelle: dpa)

Müssen einen hohen Preis zahlen: Die Armen sind stärker betroffen

Eine abgestimmte Aktion lateinamerikanischer Regierungen, den Auswirkungen der Krise gemeinsam zu begegnen, ist jedoch bislang ausgeblieben. Lateinamerika-Experte Hartmut Sangmeister glaubt, dass dies an den unterschiedlichen Interessen der Länder liegt: "Es sind ja nicht alle Länder gleichermaßen betroffen. Insbesondere die Rohstoff exportierenden Länder wie Brasilien und Argentinien leiden unter dem Verfall der Rohstoffpreise auf den Weltmärkten, während andere Länder eher durch die finanziellen Auswirkungen betroffen sind, z.B. durch den Rückgang der ausländischen Kapitalzuflüsse."

Am Ende werden es laut Sangmeister wahrscheinlich wieder die Armen sein, die den höchsten Preis für die Krise zahlen müssen. Denn die weggefallenen Arbeitsplätze seien vor allem solche für gering Qualifizierte und auch ein weiterer Anstieg der Inflationsraten würde insbesondere die Armen treffen.

Die Erfolge beim Abbau von Armut, die zuvor durch ein jahrelang anhaltendes Wirtschaftswachstum erzielt wurden, werden wahrscheinlich in der Krise wieder zunichte gemacht. Die Zahl der armen Menschen in Lateinamerika droht um weitere sechs Millionen anzusteigen, so die Prognose der Weltbank.

Autor: Pablo Krummetz

Redaktion: Zhang Danhong

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