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Amerika

Lateinamerika hat die Krise gemeistert

Die Region hat aus den vergangenen Krisen gelernt und eine stabile Finanazarchitektur entwickelt.

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Optimistisch blickten die Teilnehmer des Lateinamerikatages nach vorn

Weltwirtschaftskrise? Welche Weltwirtschaftskrise? Lateinamerika hat das große Finanz- und Wirtschaftserdbeben gut überstanden. Die Region hat aus dem Krise Anfang der 80er Jahre gelernt, stellt Osvaldo Rosales von der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik, CEPAL, zufrieden fest. "Wir haben durchweg eine niedrige Inflationsrate, eine Fiskalpolitik, die in den meisten Ländern der Region zu einem Staatsüberschuss geführt hat, eine hohes Niveau an Devisenreserven und eine flexible Wechselpolitik, die äußere Shocks besser abfedert."

Osvaldo Rosales Villavicencio Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik

Osvaldo Rosales: "Die Region hat ihre Lektion gelernt."

Diese Entwicklung der letzten 15 Jahren hat den Regierungen Lateinamerikas angesichts der Weltwirtschaftskrise größere Handlungsspielräume ermöglicht, erläutert Germán Ríos, Direktor der Förderbank der Andengemeinschaft: "Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Länder der Region eine antizyklische Politik betrieben. Angesichts der sinkenden Nachfrage auf den Weltmärkten sowie der nationalen Probleme waren die Regierungen in der Lage die öffentlichen Investitionen zu erhöhen und die Steuern zu senken." So konnten die nationalen Märkte in Lateinamerika geschützt werden und bekamen die Krise weniger stark zu spüren als das in der Vergangenheit der Fall war, erläutert Ríos.

Erfolgereiche Diversifizierung

Doch nicht allein die Reformen des Bankensektors haben zur Stabilität der Region beigetragen. Lateinamerika hat sich vom reinen Rohstofflieferanten für den Weltmarkt inzwischen zum attraktiven Produktionsstandort für die deutsche Industrie entwickelt. Die Region ist sowohl Bezugsquelle als auch Markt für deutsche Unternehmen.

Dank zahlreicher Freihandelsabkommen einzelner Länder sowie regionaler Blöcke mit den USA und mit Europa ist Lateinamerika zu einem wichtigen Bindeglied im Welthandel geworden. Am Beispiel von Mittelamerika wird die besonders deutlich, sagt Yolanda Mayora, die Generalsekretärin des Sekretariats für die Wirtschaftliche Integration Mittelamerikas, SIECA: "Mittelamerika hat ein Freihandelsabkommen mit den USA, dem größten Markt der Welt, unterzeichnet. Wir profitieren von der geographische Nähe zu diesem Markt. Mittelamerika kann für seine europäischen Partner zu einer wichtigen Exportplattform werden, denn auch mit Europa streben wir ein Freihandelsabkommen an." Das eröffne europäischen Investoren gute Chancen beim Zugang zum US-Amerikanischen Markt, betont Mayora.

Gute Rahmenbedingungen


Zu den strategisch wichtigen Standortvorteilen zählt jedoch nicht allein die geographische Lage. Neben der Rechtssicherheit sind auch die politische Stabilität, das Billdungsniveau der Bevölkerung und die allgemeine Sicherheitslage ausschlaggebend für Investitionsentscheidungen.

Lateinamerika Tag der dt. Wirtschaft in Hamburg

Emmanuel Hess: "Costa Rica ist eine wichtige Exportplattform."

Hier bietet Costa Rica beste Voraussetzungen. Das sei das Ergebnis einer langfristigen Politik, erläutert Emmanuel Hess von der costaricanischen Außenwirtschaftsagentur Procomer: "Costa Rica hat vor vielen Jahren beschlossen, in Bildung und soziale Sicherheit zu investieren und heute ernten wir die Früchte dieser Politik: wir ziehen viele Investitionen im Technologiesektor aus dem Ausland an." Für Deutschland sei besonders der Automobilsektor interessant. "Dabei geht es gar nicht in erster Linie darum, den Markt in Costa Rica zu bedienen, sondern über unser Land in die USA zu gelangen", so Hess.

Allerdings könnte ein Land wie Costa Rica sich wohl kaum als Einzelkämpfer auf dem Weltmarkt behaupten, mit gerade mal etwas über 4 Millionen Einwohnern und einer Fläche etwas größer als Niedersachsen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in erster Linie in der regionalen Integration Mittelamerikas. Fast der gesamte Warenaustausch von Guatemala bis Costa Rica ist vom Zoll befreit, Handels – und Migrationsbarrieren sind abgebaut worden. Seit den 90er Jahren ist der Warenaustausch zwischen den mittelamerikanischen Ländern um das siebenfache gewachsen, rechnet SIECA-Generalsekretärin Yolanda Mayora vor:

"Der Handel in der Region wird zu über 90% von kleinen und mittleren Unternehmen bestritten. In diesem Sektor sind viele neue Arbeitsplätze entstanden, und das wiederum hat in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Rückgang der Armut beigetragen."

Erste Erfolge im Kampf gegen die Armut

Noch immer ist Lateinamerika die Weltregion mit der größten sozialen Ungleichheit. Zwar sei die Armut in den Boomjahren 2003 bis 2007 zurückgegangen, bestätigt Germán Ríos der Förderbank der Andengemeinschaft. Diese Entwicklung fällt zusammen mit dem in Europa zum Teil mit Sorge beobachteten Linksruck in Lateinamerika. "Viele der politischen Veränderungen, die wir in den letzten Jahren beobachtet haben, stehen im Zusammenhang mit den Bedürfnissen der Menschen. Es geht nicht an, dass eine Region wirtschaftlich konstant wächst und sich das nicht in besseren Lebensbedingungen niederschlägt."

Doch Ríos beruhigt ausländische Investoren. Ungeachtet der mehr oder weniger stark ausgeprägten ideologischen Ausrichtung mancher Regierungen, allen voran Venezuela, aber auch Bolivien und Ecuador, sei in fast allen Ländern eine pragmatisch ausgerichtete Wachstumspolitik zu beobachten. Brasilien beispielsweise habe sich in den letzten 15 Jahren sehr gut entwickelt, so Ríos. "Die Wirtschaft ist gewachsen, die makroökonomischen Indikatoren sind stabil. Der Regierungswechsel von Cardoso zu Lula da Silva, also der deutliche Linksruck, hat kaum wirtschaftspolitische Auswirkungen gehabt, auch wenn Lula sich mehr auf Sozialpolitik konzentriert hat."

Gerardo Rios Corporacion Andina de Fomento

Gerardo Ríos: "Wir brauchen von Europa Technologietransfer."

Ähnliches gelte für Uruguay und Chile, "wo nicht die politische Ideologie im Mittelpunkt steht, sondern die Suche nach pragmatischen Lösungsansätzen und nach Kontinuität."

Im Sinne dieser Stabilität und Kontinuität fordert Germán Ríos von Europa weitere Unterstützung. Dem Bekenntnis zu den historisch gewachsenen guten Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika müssten jetzt konkrete, vorwärtsgewandte Schritte folgen. Dazu zählt Ríos einen stärkeren Beitrag zur Integration. Hier sei positiv zu vermerken, dass die EU grundsätzlich darauf besteht, mit regionalen Bündnissen zu verhandeln, wie aktuell mit Mittelamerika und dem Mercosur, und keine bilateralen Abkommen abschließt.

Darüber hinaus fordert Germán Rios, dass "die ausländischen Direktinvestitionen zu einer stärkeren sozialen Verantwortung der Unternehmen beitragen. Wir brauchen von Europa Technologietransfer, Investitionen in unser Humankapital und ein Bekenntnis zu umweltfreundlicher Produktion."

Gemeinsame Interessen

Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz von Kopenhagen sowie angesichts der Doha-Verhandlungen hoffen Politiker und Wirtschaftswissenschaftler aus Lateinamerika auf ein klares Bekenntnis Europas zu der Partnerregion jenseits des Atlantiks. "Wenn die Doha-Runde keinen Fortschritt erzielt, dann wird der Protektionismus wieder zunehmen und das schadet dem Wachstum", prognostiziert Osvaldo Rosales von der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik, CEPAL, und "wenn wir dem Klimawandel nicht auf einer multilateralen Ebene begegnen, dann besteht die Gefahr, dass einzelne Länder einseitige Maßnahmen ergreifen, und das geht zu Lasten der Entwicklungsländer."

Autorin: Mirjam Gehrke
Redaktion: Oliver Pieper

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