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Kultur

Latein auf Reformkurs

Ein neues Lateinbuch in Bayern kürzt den Lern-Wortschatz der Sprache auf ein Minimum. Prompt wird ihr Untergang beschworen. Dennoch befindet sich Latein im Aufwind an Deutschlands Schulen. Ebenso wie in Finnland.

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Die alten Römer sind wieder auf dem Vormarsch, allerdings mit Einsparungen

Seit diesem Schuljahr gibt sich der Lateinunterricht in Bayern zeitgemäß. Nach dreißig Jahren "Roma" heißen die Stunden nun "Latein mit Felix". Glücklich und erfolgreich - lateinisch: "felix" - sollen die Schüler damit sein, die schon in der fünften Klasse Latein als Fremdsprache wählen. Deshalb wurde vor allem die optische Gestaltung dem Alter der Kinder angepasst. Und der Lehrplan kräftig entschlackt: Die wichtigsten lateinischen Lektüretexte wurden per Computer erfasst und die statistische Häufigkeit der Vokabeln ausgewertet. Zu spezielle und seltene Wörter wurden gestrichen.

Sparen - ausgerechnet dort, wo es interessant wird

Um knapp tausend Vokabeln auf 1248 Wörter geschrumpft ist der Lektürewortschatz, der für das Verständnis der Lehrbuchtexte ausreichend sein soll: eine Kürzung, die bei Fachleuten nicht nur auf Lob gestoßen ist. Denn was ist die Eroberung der Römer schon wert ohne "silentium", "medicus" oder "theatrum"? Diese und andere (Fremd-)Wörter, die normalerweise jeder Gymnasialanfänger schon einmal gehört hat und einordnen kann, fehlen in "Latein mit Felix 1".

Sie zählen zwar zum so genannten Kulturwortschatz, auf dem die modernen Sprachen der Länder Italien, Frankreich, Spanien, Portugal und Rumänien basieren, aber sie sind den Lehrbuchmachern offenbar nicht allzu wichtig. Die Herkunft vieler Fremdwörter im Deutschen und die Eselsbrücken für Französisch- oder Spanischvokabeln werden die Schüler nur häppchenweise kennen lernen. Lediglich fünfzig Vokabeln pro Jahr sind dafür reserviert.

Sparen - trotz wachsenden Interesses

Mit dem neuen Lehrplan tut sich noch ein anderes Problem auf: Zusätzlich zur Menge der Wörter wurde auch die Anzahl der Lateinstunden gekürzt. Helmut Meißner, Vorsitzender des Deutschen Althpilologenverbandes, befürchtet einen schweren Sprachverlust. "Gymnasialer Fremdsprachenunterricht mit immer weniger Vokabeln und Schulstunden - das klingt heute, nach PISA, wie ein Witz." Dabei hätte der Lateinunterricht ohne Streichungen gute Perspektiven in Deutschland.

Denn das Interesse an der totgesagten Sprache steigt seit zwei Jahren unter den Gymnasiasten wieder an, allein im vergangenen Schuljahr um 4,7 Prozent. Ausschlaggebend ist laut Helmut Meißner häufig die Meinung der Eltern: "Ihre Kinder sollen wieder lernen, dass bleibendes Wissen auch erarbeitet werden muss." Und das soll im Lateinkurs besonders gut funktionieren.

Europäischer Lateinunterricht

Doch nicht nur in Deutschland ist es an der Zeit, die Sprache Caesars attraktiver für das junge Publikum machen. Zu diesem Zweck wurde vor zwei Jahren die "Europäische Initiative zur Förderung der Alten Sprachen" gegründet. "Ad Fontes" - zurück "zu den Quellen" - der abendländischen Kultur soll sie die Schüler und Studenten Europas führen.

Projektleiter Professor Lutz Käppel will vor allem weg vom eisernen Bildungskanon und stattdessen die Jugendlichen selbst neue Wege für alte Sprachen entdecken lassen. Anregungen dafür wurden 2003 im Rahmen einer Sommerakademie gesucht, an der Abiturienten aus sechs europäischen Landern teilnahmen. Mit überraschenden Ergebnissen: Vorbild für einen selbstbewussten Umgang mit den antiken Sprachen ist - Finnland.

Ausgerechnet in dem Land, dessen Sprache überhaupt nichts mit Latein zu tun hat, erlebt Latein in der Schule einen stetigen Zuwachs in den Schülerzahlen. Und auch die Regierung leistet ihren Anteil an der Belebung der Sprache. Während der finnischen EU-Ratspräsidentschaft wurden Bekanntmachungen zur Europäischen Union auch auf Lateinisch im Internet veröffentlicht. Davon könnte sich Deutschland noch inspirieren lassen, meint Professor Käppel. Immerhin habe man hier in den letzten fünf Jahren den Pessimismus überwunden, mit dem Latein zuvor tot geredet wurde.

Hilferuf aus Frankreich

Von einem vergleichbaren Aufschwung ist in den Ländern der romanischen Sprachen allerdings wenig zu spüren. Bereits im Rahmen der "Ad Fontes"-Sommerakademie 2003 sprachen die Teilnehmer aus Italien und Frankreich von einer bedauernswerten Situation der Alten Sprachen. Inzwischen ist die klassische Philologie in Frankreich offenbar mit ihrem Latein am Ende. Im Februar ereilte die Sprachwelt ein Hilferuf: Mit Beginn des Schuljahres 2004/2005 drohe Latein aus den französischen Lehrplänen zu verschwinden. Bisher erbrachte eine Petition 15.000 Unterschriften, aber noch keine Lösung des Problems. Diesem werden sich aber die deutschen Altphilologen auf ihrem Bundeskongress im April annehmen, getreu ihrem solidarischen Leitspruch: "Antike verbindet".