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Kunst

"Lasst uns Wissen teilen!"

Warum es so wichtig ist, Menschen einzubinden, worauf es nach einem Tsunami ankommt - und was ihm der Pritzker-Preis bedeutet: Architekt Alejandro Aravena über Teilhabe, Wohnungsnot und Anerkennung.

Alejandro Aravena über

… soziales Bauen

Als wir mit unseren sozialen Bau-Initiativen begannen, haben wir für uns nie eine moralische Überlegenheit beansprucht, überhaupt nicht. Wir waren - ohne jede falsche Bescheidenheit - davon überzeugt, dass wir gute Architekten und Designer sind. Und wenn man davon überzeugt ist, eine Sache gut zu können, dann will man sich an auch Aufgaben versuchen, die schwierig und von Belang sind. Also haben wir uns fürs soziale Bauen entschieden, weil wir das für ein schwieriges Thema hielten.

… seine Rolle als Architekt

Wir Architekten geben den Orten, an denen Menschen leben, eine Gestalt: Häusern, Gebäuden, Schulen, Straßen, Parks. Beim sozialen Bauen geht es nicht allein darum, Grundbedürfnisse zu erfüllen, Menschen mit Wasser, Sanitäranlagen und Sicherheit zu versorgen. All das sind notwendige Bedingungen, aber sie reichen nicht aus. Architekten sollten außerdem Wünsche der Menschen berücksichtigen können. Am Ende geht es im Leben doch genau darum: um ein Gleichgewicht von Grundbedürfnissen und Wünschen.

… Schönheit

Das Problem ist, dass man über Schönheit nur sehr schwer sprechen kann. Ich denke, dass die Herausforderung heute nicht darin besteht, die Schönheit den Grundbedürfnissen unterzuordnen, sondern beidem gerecht zu werden. Je komplexer ein Problem ist, desto notwendiger ist es, beides zu vereinen. Und Wohnraum für Menschen zu schaffen, ist ein solches komplexes Problem, denn es betrifft die konkreten physischen Lebensbedingungen, aber auch die weniger greifbaren Aspekte - vom Individuellen zum Kollektiven, vom Privaten zum Öffentlichen.

… Teilhabe

Die Menschen wissen doch am besten, welche Prioritäten sie haben. Von ihnen können wir lernen, was besonders wünschenswert und was besonders dringend ist. Wir befinden uns da in einem ständigen Lernprozess. Um ein Beispiel zu geben: Boiler oder Badewanne? Da es nicht genug Geld für beides gab, fragten wir die Leute: Was ist euch lieber? 99 Prozent der Familien stimmten für die Badewanne. Der Grund: Sie hätten das Gas nicht bezahlen können, das sie für den Boiler gebraucht hätten. Die Badewanne konnten sie dagegen vom ersten Tag an benutzen, da Wasser subventioniert wird. Das ist etwas, woran man aus der bequemen Perspektive der Mittelschicht niemals gedacht hätte. Man hält es für selbstverständlich, dass man seine Heizkostenrechnung bezahlen kann.

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Kurz-Interview mit Alejandro Aravena

… den Wiederaufbau einer ganzen Stadt wie Constitución, Chile, nach dem Tsunami

Das war eine Notsituation: Wir hatten etwa hundert Tage, um einen Masterplan und das Design für nahezu alles zu entwerfen: für öffentliche Gebäude, öffentliche Orte, das Energie-System. 80 Prozent der Stadt waren durch das Erdbeben und vor allem durch den Tsunami zerstört worden. Wenn wir sie genau wie zuvor wieder aufgebaut hätten, dann hätten wir die alten Fehler wiederholt. Das war also die Gelegenheit, die Frage zu stellen: Wie könnte ein neues Design der Stadt aussehen? Wir hielten es für wichtig, den Prozess zu öffnen und einmal mehr die Menschen einzubinden. Wir haben von ihnen keine Lösungen erwartet, aber wir wollten so herausfinden, welche Frage die richtige war.

Und die Leute sagten: "Danke, dass ihr an die zukünftigen Tsunamis denkt. Aber wann werden wir es wieder mit einem Tsunami zu tun bekommen? Vielleicht in 20 oder 30 Jahren? Also was immer ihr tut, um uns zu schützen, schön, aber bitte seht zu, dass ihr auch das Hochwasserproblem in den Griff bekommt. In jedem Jahr bricht die Stadt zusammen, weil die Kanalisation nicht funktioniert. Außerdem sind unsere öffentlichen Räume in sehr schlechtem Zustand. Wir haben zwar mehr Geld als früher, aber wir können diese Lebensqualität nicht genießen, weil uns der öffentliche Raum dafür fehlt." Und sie hatten recht.

… Wohnungsnot

Die Wohnungsnot betrifft zwei Milliarden Menschen. Verglichen mit dieser Zahl ist die Flüchtlingskrise in Europa ein verhältnismäßig kleines Problem. In Lateinamerika gab es dieses Problem schon immer. Zu viele Menschen ziehen in die Stadt, wo es zu wenig Geld gibt und zu wenig Raum. Die Antwort auf den Wohnungsmangel ist: Legt die richtigen Grundlagen und öffnet Systeme, die es den Menschen schrittweise ermöglichen, Teil der Lösung zu sein - und nicht des Problems.

… den Biennale-Slogan "Reporting from the front"

Der Slogan "Reporting from the front" hat eine wörtliche und eine metaphorische Bedeutung. Zunächst muss man sich die Frage nach den Herausforderungen stellen: Einwanderung, Verschmutzung, Verschwendung, Unsicherheit, Naturkatastrophen - es gibt eine ganze Reihe von Problemen. Die Idee der "front" besteht darin, Menschen zusammenzubringen, die Architektur dazu genutzt haben, ökonomische, politische, soziale und Umweltprobleme anzugehen. Sie können uns von den Schwierigkeiten berichten, die sie hatten, von den Umschlagspunkten, von den Strategien, die entscheidend waren. Lasst uns dieses Wissen teilen! Wenn man eine Ausstellung besucht, sollte man mit noch mehr Ideen, Strategien und Werkzeugen herauskommen, die dabei helfen, die Probleme zu bewältigen, vor die man zu Hause gestellt ist.

… den Pritzker-Preis und Anerkennung

Wenn man daran glaubt, dass es in der Architektur um Preise geht, dann gibt es natürlich nichts Größeres als den Pritzker-Preis. Aber wir glauben, dass es in der Architektur um die Projekte geht. Und angesichts der großen Zahl an Herausforderungen und ungelösten Problemen, die es da draußen gibt, haben wir noch nicht einmal wirklich begonnen.

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