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Kultur

Lasst Schuhe sprechen!

Schuhe erden, sie sind die Verbindung zum Boden. In Palästina ist dieser Boden historisch und politisch belastet. Eine deutsche Künstlerin lässt Schuhe die Geschichten ihrer palästinensischen Besitzerinnen erzählen.

Die Beine einer Frau mit weißen Turnschuhen (Foto: Ulrika Eller-Rüter)

Den schwarzen Pumps sieht man nur von innen an, dass sie schon getragen wurden: Feine Risse durchziehen ihr helles Futter. Die Pumps sind schick - haben an ihrer Spitze eine runde Öffnung, die die Fußnägel ihrer Trägerin entblößt. Man könnte sie noch gut tragen, doch ihre Besitzerin braucht sie nicht mehr: Für die Arbeit sind sie nicht geeignet. Weder für das Abwaschen in der Hotelküche, noch für das Gemüseputzen, Kochen oder Bettenmachen.

Früher hatte die Frau diese Pumps zu feierlichen Anlässen an den Füßen. Davon gab es aber nie viele. Denn die 54 Jahre alte Pumps-Besitzerin muss ihre elf Kinder ernähren - allein, da ihr Mann krank ist und seit 18 Jahren nicht mehr arbeiten kann.

Schwarze Pumps in der Bonner Ausstellung 'Tell me the Story about your shoes' (Foto: DW)

Pumps mit ganz deutlichen Lebensspuren

Die Besitzerin der Schuhe möchte anonym bleiben, aber ihre Geschichte sollen alle erfahren - hat sie Ulrika Eller-Rüter gesagt. Ihr war es wichtig, dass jemand von ihrer Biografie erfährt. Dass sie als Kind mit ihren Eltern aus Beit Natif fliehen musste - zuerst nach Jericho, dann weiter nach Jordanien, bis sie schließlich in Bait Dschala ein Zuhause fand. Sie war regelrecht dankbar dafür, dass ihre Geschichte über die Grenzen hinweg ins Ausland getragen wird, meint Eller-Rüter.

Verlobungsschuhe, Fußballschuhe, Trauerschuhe

Ulrika Eller-Rüter ist eine deutsche Künstlerin und hat Frauen aus Palästina porträtiert. Dabei hat sie sich nicht auf die Gesichter der Frauen konzentriert, sondern auf ihre Schuhe: "Der Boden in Palästina ist besetzt - auf Schritt und Tritt - das ist meine Erfahrung. Deshalb wollte ich wissen, was mir der Boden erzählt. Und wer betritt den Boden? Das sind Schuhe, das sind Menschen. Und so bin ich auf die Idee gekommen, Schuhe als Speicher von Geschichten und Biografien zu zeigen." Zwölf Paar Schuhe von Palästinenserinnen hat die 49 Jahre alte Kunst-Professorin nach Deutschland geholt.

Ausgetretene und dreckige Lederlatschen in der Bonner Ausstellung 'Tell me the Story about your shoes' (Foto: DW)

Sie stehen zurzeit im Frauenmuseum in Bonn in der Ausstellung "Tell me the story about your shoes". "Ich bin überwältigt worden von einer Fülle von wirklich tiefgründigen Geschichten. Es hat mich gewundert, dass die Frauen so offen auf mich zugegangen sind. Innerhalb von einer Viertelstunde haben sie mir ihre tiefsten Lebensgeheimnisse preisgegeben", sagt Eller-Rüter. Sie war an verschiedenen Orten in Palästina: Bait Dschala, Al Ubiedyeh und Ramallah.

So unterschiedlich wie die Frauen, die sie traf, waren ihre Geschichten und Schuhe, sagt die Künstlerin: "Verlobungsschuhe oder Schuhe, die vom ersten selbstverdienten Geld für die Mutter gekauft wurden. Eine Frau hat in einem Jungenheim gearbeitet und mit ihren Schuhen donnerstags und freitags Fußball gespielt - es ist kein Schuhpaar dabei, das beliebig ist." Über die Schuhe ist sie aber auch auf viele leidvolle Geschichten gestoßen. Zum Beispiel auf die einer Frau, die ihr Patenkind in Jerusalem nicht besuchen darf, weil sie nicht durch die Checkpoints kommt. Oder die einer Frau, deren ältester Sohn bei einem Sturz aus dem Fenster ums Leben kam.

Schuhe setzen das Ich in Szene

Verschleierte Frau mit Pumps (Foto: DW)

Obenrum Einheitsbrei, untenrum Inszenierung

Geschichten, die man nicht erwartet, wenn man über etwas vermeintlich so Belangloses wie Schuhe redet. Eller-Rüter hat jedoch die Erfahrung gemacht, dass Schuhe in Palästina einen besonderen Stellenwert haben: "Die Frauen sind verschleiert und bis zu den Fußknöcheln verdeckt, die Schuhe sind sozusagen der Platz für Inszenierungen." In Ramallah sehe man innerhalb weniger Minuten mehr High Heels auf der Straße, als sie es jemals in Deutschland erlebt habe. Eller-Rüter ist zwar überzeugt, dass auch deutsche Schuhe Geschichten erzählen könnten, aber das wären andere, sagt sie. "Vielleicht würden die sich eher um Konsum drehen - je nachdem, wen man in Deutschland interviewen würde. Ich habe gerade in Palästina nach Schuhgeschichten gefragt, weil mich dort die Verbindung zum historisch belasteten Boden interessiert hat."

Die Frauen, die sie getroffen hat, möchten ihre Geschichten zwar teilen, es sei ihnen aber unangenehm, wenn Fremde ihre Schicksale mit Namen oder Bildern verknüpfen könnten, sagt Eller-Rüter. Doch sie hat einen Weg gefunden, die Abbilder der Frauen auch anonym ins Museum zu bringen. Da sie keine Tonaufnahmen machen durfte, keine Videos oder Fotos von den Gesichtern der Frauen, habe sie deren Rückenansichten porträtiert. Allerdings nicht ästhetisch in Öl auf Leinwand - das habe sie als unpassend empfunden in Kombination mit Geschichten von Schmerz, Arbeitslosigkeit und Einschränkungen: "Ich habe nach einem Material gesucht, mit dem ich Ätzendes eingravieren und sichtbar machen kann. So ich bin auf meine jetzige Technik gekommen: Ich arbeite mit Salzsäure auf Eisenblech."

Blick in die Ausstellung 'Tell me the Story about your shoes' (Foto: DW)

Die Rostporträts der Schuhbesitzerinnen vor den entsprechenden Schuhe

Form und Inhalt stimmen überein. Die Säure frisst sich durch das Blech, wie sich Schicksalsschläge durch Biografien fressen. Die Säure malt rostige Lebenswege. Konturen werden deutlich, Unebenheiten entstehen, Formen verwischen. Und die Bilder rosten weiter: In ein paar Jahren werden die Frauen auf den Blechen nicht mehr zu erkennen sein.

Mit der Kunst in soziale Brennpunkte

Eller-Rüter will mit ihrer Kunst bewegen. Nicht nur in Deutschland. 2008 hat sie das "Institut für Kunst in sozialen Brennpunkten" gegründet. Damit reist sie zum Beispiel nach Südafrika, Rumänien oder Ungarn und arbeitet mit Jugendlichen vor Ort. "Mit der Kunst in die soziale Wirklichkeit gehen", nennt sie das. Sie verschönert mit den Jugendlichen ihre Klassenräume, fordert ihre Kreativität, leitet sie an, ihre eigene Welt durch Kunst zu gestalten. Wenn Eller-Rüter davon erzählt, bekommt ihre Stimme einen schwärmerischen Ton. "Ich glaube, dass Kunst den Menschen erst zum Menschen macht", sagt sie dann. Sie möchte, dass jeder, unabhängig von Geld oder gesellschaftlichem Status, die Chance bekommt, sich durch Kunst und Kultur selbst zu entdecken, sich zu definieren. Dass das funktioniere, habe sie bei einem Projekt in einem rumänischen Dorf gemerkt: Ein kleines Roma-Mädchen sei dort das erste Mal mit Kunst in Berührung gekommen und habe ihr danach erzählt, dass Malerei das Schönste in ihrem Leben sei.

Ulrika Eller-Rüter (Foto: DW)

Ulrika Eller-Rüter

Den palästinensischen Frauen schickt Ulrika Eller-Rüter bald Fotos von der Ausstellung, in der ihre Schuhe stehen. Dass diese Schuhe tatsächlich dort stehen, auf dem Boden des hellen Ausstellungsraums im Bonner Frauenmuseum, macht ihre Geschichten glaubwürdig. Die Schuhe sind Zeugen. Sie sind nicht bloße Dekoration, sondern ein greifbares Bindeglied zu den Frauen, denen sie mal gehörten. Als Tausch für ihre alten haben die Frauen übrigens ein Paar neue Schuhe von Ulrika Eller-Rüter bekommen. Neue Schuhe, die bald neue Geschichten erzählen werden.

Autorin: Laura Döing
Redaktion: Marlis Schaum