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Digitales Leben

Lass uns nicht über Facebook reden

Immer häufiger sieht man, welch groteske Züge das Digitale Leben zuweilen annehmen kann. Zumindest für den unwissenden Beobachter. Marcus Bösch hingegen weiß genau, was da passiert und macht sich Sorgen.

Symbolbild iPhone im Gras. Bild von Marcus Bösch für die DW, September 2012

Symbolbild iPhone im Gras

Vor kurzem schien die Sonne, wir saßen in einem Park. Es gab Decken und Salate, ein Grill knisterte leise im Hintergrund. Und dann sagte Anna zu Sandra: "Ich habe dir das ja gestern bei Facebook gepostet." Und dann sagte Sandra zu Anna: "Ja, und dann habe ich das ja kommentiert." Und dann sagte Anna zu Sandra: "Und dann hab ich das ja auch kommentiert."

Dieses Gespräch ging noch eine ganze Weile so weiter. Es handelte ausschließlich davon, wer wem was gepostet, wer dann was kommentiert und wer dann wie darauf reagiert hatte. Es war ein bisschen albern und ein bisschen absurd. Denn die beiden saßen dabei sonnenbebrillt auf einer Wiese, nebeneinander, in ihren Händen ein Mobiltelefon, auf den Displays der gesamte Text ihres Dialogs.

Das Ende der Mund-zu-Mund-Kommunikation

Hier wurde ganz offensichtlich ein dadaistisches Theaterstück aufgeführt. Die Simulation eines digitalen Gesprächs im realen Raum. Ein Reenactment, eine Inszenierung mit Verfremdungseffekt. Auf der Bühne ist das große Kunst. Hier aber ist es die Bankrotterklärung einer Gesprächskultur, die Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende gebraucht hat, um sich zu entfalten. Zunichte gemacht in Minuten. Das Ende! Dank Apple, Facebook und Anna.

Derzeit kursiert - natürlich bei Facebook - die Zeichnung eines Herrn im Lehnstuhl, mit Zigarette, Getränk und Sprechblase: "Ein paar Freunde kommen heute Abend vorbei, um mit ihren Telefonen rumzuspielen." Eine Situation, die sehr viele Menschen mittleren Alters aus eigener Anschauung kennen. Das sieht dann so aus:

Man steht mit einer Gruppe mehr oder minder freundschaftlich verbundener Menschen in einer Wohnung. Und hat sich gar nichts zu sagen. Es kommt einfach nichts - kein Gedanke ins Gehirn, kein Wort aus dem Mund und kein Gespräch in Gang. Leere.

Bis plötzlich jemand sein Telefon zückt. Ein kaum merklicher Ruck geht durch die Gruppe und plötzlich fingert jeder und jede am eigenen Gerät herum.

Das ist traurig, bedenklich - und natürlich zu ändern. Hier steht, wie es geht:

1.  Beginnen Sie ein so genanntes Gespräch mit einer interessanten Beobachtung, Meinung oder Frage – mit einem verbalen Posting sozusagen.

2.  Warten Sie nun auf Antworten, diese ähneln der bekannten Kommentarfunktion.

3.  Zustimmung können Sie durch Nicken signalisieren, das entspricht in etwa dem Drücken des "Gefällt mir"-Buttons.

4.  Falls es keine weiteren Äußerungen zu einem Thema (siehe 1.) gibt und auch Sie nichts mehr hinzufügen mögen, dann springen sie zu 1 und posten einen neuen Gedanken/eröffnen ein neues "Thread".

5.  Orientieren Sie sich bei Gesprächen an den Ihnen bekannten Auswahlkriterien für Facebook-Postings: besonders neu, besonders schräg oder einfach nur besonders.

So kann man Kommunikation im Facebook-Stil jederzeit auf das "echte" Leben umsetzen. Ein Versuch lohnt sich.

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch Bild von Marcus Bösch für die DW, September 2012

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch. Eine Selbstansicht.

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es jetzt hier jeden Donnerstag neu.