Lars Eidinger: ″Ich mache meine ureigenste Emotionalität geltend″ | Filme | DW | 25.02.2018
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Filme

Lars Eidinger: "Ich mache meine ureigenste Emotionalität geltend"

Zur Berlinale guckt die Filmwelt auf Deutschland, wo Lars Eidinger dauerpräsent ist: Sein intensives Spiel beeindruckt - in Theater, Kino und TV. Mit der DW spricht er über Rausch, Realität und die Hollywood-Traumrolle.

Wenn er Hamlet oder Richard III. gibt, ist die Berliner Schaubühne meistens ausverkauft. Der deutsche Schauspieler Lars Eidinger spielt seine Rollen leidenschaftlich und hat eine gewaltige Präsenz, auf der Bühne wie auf der Leinwand. Er mimte den russischen Zaren in dem Historiendrama "Mathilde" und wirkte auch in der Krimi-Serie "Babylon Berlin" mit. Für "Die Blumen von gestern", ein Film, in dem Eidinger einen Holocaust-Forscher spielt, erhielt er unlängst den österreichischen Filmpreis für die beste männliche Hauptrolle.

Deutsche Welle: Ist es eine neue Entwicklung, dass der Deutsche Film und deutsche Schauspieler aktuell in den USA stark nachgefragt werden?

Lars Eidinger (Barak Shrama)

Lars Eidinger beim Filmfestival "Berlin & Beyond" in San Francisco

Lars Eidinger: Es gibt in jeder Dekade herausragende deutsche Schauspieler und Regisseure, die auch international Relevanz haben. Ob das jetzt ein Fritz Lang ist, ob das Fassbinder ist, oder deutschsprachige Regisseure, um jetzt auch einen Michael Haneke zu nennen, der Österreicher ist, die gibt es immer. Und jetzt sind es Fatih Akin oder Christian Petzold. Ich tue mich sowieso immer schwer damit, mich einzureihen und goldene Zeiten oder das Gegenteil zu beschwören. Ich habe das Gefühl, die Relevanz des deutschen Films ist international relativ konstant.

Was muss denn der deutsche Film mitbringen, damit er in Amerika wahrgenommen wird?

Ich finde schon bemerkenswert, welche enorme Leistung Christoph Waltz, der jetzt kein Deutscher, aber als Österreicher ein deutschsprachiger Schauspieler ist, bei "Inglourious  Basterds" gezeigt hat. Das hat ganz viel damit zu tun, dass da jemand sagt: Ich spiele nicht mit, sondern ich spiele besser als ihr.

Lars Eidinger als Zar Nikolaus (Kinostar Filmverleih)

In Russland war der Film "Mathilde" umstritten: Lars Eidinger spielt darin Zar Nikolaus

Das war, zum Bespiel, würde ich jetzt mal unterstellen, eine Haltung, mit der Fassbinder Filme gemacht hat. Der hat den Film neu erfunden, für sich. Der hat seine eigenen Maßstäbe angesetzt. Der hat zwar auch dem amerikanischen Kino nachgeeifert, aber er hat einen sehr eigenen Zugriff gehabt. Und ich glaube, das ist das Wichtigste. Letztlich geht es immer darum, sich persönlich auszudrücken und die deutsche Persönlichkeit, der deutsche Geist ist natürlich ein ganz anderer als der amerikanische Geist. Insofern macht das gar keinen Sinn für Deutsche, nach amerikanischem Vorbild Filme zu machen, weil es nicht ihrer Identität entspricht.

Reizt es Sie, mal in Hollywood mitzuspielen?

Nein, gar nicht! Kleiner Witz. Nein, ich wundere mich immer über Kollegen, die sagen, es reize sie nicht. Wir sind doch alle mit Hollywood-Filmen groß geworden. Begriffe wie "Traumfabrik" treffen es halt auch. Den Schritt, zu meiner Familie zu sagen, wir ziehen jetzt nach Los Angeles, fände ich allerdings schon schwierig. Ich fühle mich in Deutschland wohl, aber warum nicht.

Wenn Sie die Wahl hätten, welche Rollen würden Sie sich aussuchen? James Bond?

Der James-Bond-Bösewicht wäre auf jeden Fall eine absolute Traumrolle. Das würde ich sofort machen.

Sie kennen die Rolle der Bösewichte und gelten als Naturgewalt auf der Theaterbühne und am Filmset. Sie sagen selbst, es sei schwierig, nach diesen Auftritten wieder die Alltagstauglichkeit zurückzugewinnen.

Ich stehe ja in einer wahnsinnigen Frequenz auf der Theaterbühne. Ich habe jetzt drei Vorstellungen "Richard III." hintereinander gespielt und am Ende stehe ich immer auf der Bühne und die Leute applaudieren und schreien "Bravo". Ich habe eigentlich ständig Geburtstag.

Lars Eidinger (picture-alliance/dpa/E.Fylaktou)

Wenn er auf der Bühne steht, wird er eins mit seiner Rolle: Lars Eidinger als Hamlet

Das führt aber zu einem rauschhaften Zustand, weil es auch etwas mit Adrenalin zu tun hat und mit Glückshormonen, die ausgeschüttet werden. Der Alltag läuft dann immer Gefahr, schal zu werden. Ich vergleiche das oft mit einem Wollpullover, den man ausleiert und der dann einfach zu groß ist. So fühlt sich manchmal das Leben für mich an. Ich spüre mich darin nicht mehr. Ich spüre mich nur, wenn ich übergroß bin und den Pullover wieder ausfülle.

Das klingt nach ständiger Grenzüberschreitung.

Eine wichtige Erkenntnis für mich war, dass es gar keinen so großen Unterschied zwischen der Fiktion und der Realität gibt. Es gibt in diesem als Schlager verpönten Lied "Theater" von Katja Ebstein, das Bernd Meinunger getextet hat, diesen Satz: "Alles ist nur Theater und ist doch auch Wirklichkeit."

Lars Eidinger hinter einem DJ-Pult (picture alliance/ZB/G. Matzka)

Eine andere Seite von Lars Eidinger: Der Schauspieler ist auch ein gefragter DJ

Das ist für mich auch ein Schlüssel. Das, was ich in der Fiktion erlebe, ist in dem Moment trotzdem Teil meiner Realität. Ich trenne da gar nicht. Ich mache meine ureigenste Emotionalität geltend. In dem Moment, in dem ich spiele, ist es keine Fassade, es geht tiefer. Dann wird es auch glaubhaft. Nur dann habe ich auch Spaß daran, weil ich auch nur dann etwas erlebe. Wenn sich alles nur auf der Oberfläche abspielen würde, hätte ich gar keinen Genuss beim Spielen. 

Das Interview führte Dagmar Michel bei "Berlin & Beyond", dem größten deutschen Filmfestival in den USA. Es wird vom Goethe-Institut in San Francisco veranstaltet. Die DW ist in diesem Jahr Medienpartner.

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