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Kultur

Langhoff: "Im deutschen Theater fehlte etwas"

Seit 2008 leitet Shermin Langhoff das kleine Theater Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg. Sie hat das Thema Migration in die deutsche Theaterszene gebracht. 2013 geht sie zum Gorki-Theater. Zeit für eine Bilanz.

Shermin Langhoff

Shermin Langhoff Leiterin des Theaters Ballhaus Preisträgerin Naunynstraße Berlin-Kreuzberg

DW: Welche Bedeutung hat das Theater Ballhaus Naunynstraße beim Thema Migration in der deutschen Theaterszene?

Shermin Langhoff: Zum einen ist es Modellprojekt für ein politisches, partizipatives, öffentliches Theaterhaus, das auf viel künstlerisches und gesamtgesellschaftliches Interesse und Nachahmung stößt - auch über Deutschland hinaus. Zum anderen war es in den vergangenen Jahren sicherlich ein Motor für einen Prozess und Diskurs im Kulturbetrieb über das Theater und seine gesellschaftliche Relevanz.

Das Besondere am Ballhaus Naunynstraße ist, dass hier vor allem Menschen mit türkischen oder anderen ausländischen Wurzeln arbeiten: als Autoren, Schauspieler, Regisseure. Warum ist das so - im Gegensatz zu anderen Theatern?

Das sind die Realitäten, mit denen wir leben. Ich bin türkischer Herkunft und ich finde, dass mein Leben und das meiner Mutter, die als so genannte Gastarbeiterin hierher kam, etwas Selbstverständliches sind. Diese Selbstverständlichkeit finde ich aber im deutschen Theater nicht vor. Deshalb musste ich etwas mit einem Label versehen - "Postmigrantisches Theater" - um es kulturpolitisch in die Diskussion zu bringen. Und dabei kommen auch noch schöne Theaterabende heraus. Im Theater fehlte etwas: Die neuen Deutschen als Erzählende, als Protagonisten, als Publikum.

Das Ballhaus gilt inzwischen bundesweit als wichtigste Experimentierbühne zum Thema Migration: Was hat für diesen Erfolg gesorgt?

Szene aus dem Tanzstück In motion am Ballhaus Naunynstraße

Szene aus dem Tanzstück "In motion" am Ballhaus Naunynstraße

Das Ballhaus Naunynstraße war von Anfang an ein Labor, in dem die kontinuierliche Förderung von Nachwuchs das Hauptanliegen war. Dass das Ballhaus gebraucht wird, war klar. Und zwar vom Publikum genauso wie von Produzierenden. Ich wollte aber auch die deutsche Narration, die Erzählweise im Theater fortschreiben. Weil das deutsche Theater, mit einzelnen Ausnahmen, die letzte Trutzburg war, in der das Thema Migration kaum stattfand. Es geht letztendlich um die Fragen: Was könnte Theater heute sein und welche Geschichten könnten darin stattfinden - über den bislang gewohnten klassischen Kanon hinaus? Den Erfolg des Ballhauses macht sicherlich auch aus, dass wir die Diversität der Gesellschaft immer wieder recherchieren und berücksichtigen. Und dass es uns nicht um einfache Antworten geht.

Was hat sich in der deutschen Theaterlandschaft geändert, zum Beispiel bei der Besetzung von Rollen und Posten?

Personell hat sich nicht so viel verändert. Es gab zum Beispiel Konzepte wie am Stadttheater in Köln, wo sehr auf ein interkulturelles Ensemble gesetzt wurde. Das ist ganz klar gescheitert. Nach den Gründen gefragt, sagt die Intendantin leider, es habe an der Qualität der Schauspieler gelegen. In den künstlerischen Leitungen an deutschen Theatern aber scheint es jetzt die eine oder andere internationale Bewegung zu geben: die Intendanten Staffan Holm aus Schweden am Schauspielhaus Düsseldorf oder der Niederländer Johan Simons bei den Münchner Kammerspielen. Dadurch gibt es dann oft auch einen anderen Umgang mit der Vielfalt der Gesellschaft. Die Lust, die Neugier, die Liebe im Umgang mit Diversitäten und den Möglichkeiten spielen eine große Rolle. Das hat nicht zwangsläufig mit Herkunft oder migrantischer Biografie zu tun, aber sie fördert das sicher.

Wie in jedem Theater auch: Vorbereitungen für die nächste Premiere auf der Ballhaus-Bühne

Wie in jedem Theater auch: Vorbereitungen für die nächste Premiere auf der Ballhaus-Bühne

Wie wird es Ihrer Meinung nach weitergehen mit dem Thema Migration in der deutschen Theaterszene?

Das Thema ist natürlich unerschöpflich. Es gibt kein Ende der Migration, so ist unser Ansatz im Ballhaus auch nicht gemeint. Sondern als Reflektieren unserer Blicke. Und als Wahrnehmen unseres heutigen Deutschlands. Ich denke, dass das Thema Migration eines der Urthemen der Menschheit ist, in dem all die anderen Themen stecken. Es bleibt natürlich ein spannendes Thema in unseren globalisierten und neoliberalisierten Zeiten, in denen es immer wieder um Werte, Orientierung und Orientierungslosigkeit geht. Und wo sonst ist der Dialog so möglich, wenn nicht in einem Theater, das sich als politischer Raum versteht und an der Gesellschaft aktuell dran bleibt.

Sie wechseln Anfang Januar 2013 an das Maxim Gorki Theater, das kleinste der staatlichen Theater in Berlin. Im August übernehmen Sie dann die Intendanz. Gibt es Pläne für Projekte mit dem Ballhaus?

Ballhaus und Gorki-Theater wollen ab Oktober 2013 eine gemeinsame Nachwuchsförderung betreiben, wenn meine erste eigene Saison am Gorki-Theater eröffnet. Das ist eine fest geplante Koproduktion, in der wir im Jahr mindestens vier Produktionen mit jungen Regisseuren planen, die wir gemeinsam einladen und kuratieren. Es gibt auch eine gemeinsame postmigrantische Literaturwerkstatt mit sechs jungen Autorinnen und Autoren, die wir mit ihren ersten Ergebnissen im November 2013 präsentieren. Alles Kooperationen und Koproduktionen, die jetzt bereits lanciert und angestoßen sind. Ich denke, dass das Ballhaus weiterhin eine große Relevanz in der Stadt und im Land haben kann, weil es echte Nachwuchsförderung weiter betreiben wird. Weder das Gorki noch andere Stadt- und Staatstheater haben größere Kapazitäten dazu. Weil sie es sich meist nicht leisten können, als Labor zu funktionieren und auch mal zu scheitern.

Das Maxim Gorki Theater in Berlin

Das Maxim Gorki Theater in Berlin

War es nun auch Zeit für eine Intendantin mit türkischen Wurzeln an einer deutschen staatlichen Bühne wie dem Gorki-Theater?

Die erste türkisch-herkünftige Ministerin, Senatorin, Intendantin - das sind immer einfache Symbole. Wenn es etwas nützt als Vorbild für junge Frauen, die wissen, dass ich ein Arbeiterkind bin, dann freue ich mich. Ansonsten ist es Tatsache, dass ich gerade ein staatliches Theater übernommen habe, das an großen finanziellen Problemen leidet und man mit mir auch eine gute Managerin gerufen hat. Dazu habe ich mir Jens Hillje als erfahrenen leitenden Dramaturgen und Co-Intendanten an die Seite geholt. Und mit Jürgen Maier, der vorher dem Goethe-Institut weltweit geschäftsführend vorgestanden hat, einen geschäftsführenden Direktor. Wir haben uns vorgenommen, dass wir in fünf Jahren ein anderes Staatstheater sind als zuvor. Das passiert mit einem Ensemble, mit Stoffen, Regisseuren, mit dem Publikum. Das ist eine Entwicklung, die am Staatstheater nicht so schnell gelingen wird wie am Ballhaus. Aber die drei Musketiere stehen bereit (lacht).

Shermin Langhoff (Jahrgang 1969) leitet seit 2008 das Theater Ballhaus Naunynstraße im Berliner Bezirk Kreuzberg, in dem ein großer Anteil der Bewohner türkische oder andere ausländische Wurzeln hat. Das Ballhaus wird unter anderem vom Land Berlin gefördert. Langhoff wurde in der Türkei geboren und kam mit neun Jahren nach Deutschland. Bevor sie zum Ballhaus ging, hat sie unter anderem am Berliner Theater "Hebbel am Ufer" mit seinen drei Bühnen gearbeitet. 2011 war Langhoff Preisträgerin des KAIROS-Preises, einem der höchstdotierten Kulturpreise in Europa. Anfang 2013 wechselt sie zum Maxim Gorki Theater in Berlin, im August 2013 übernimmt sie dort die Intendanz.

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