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Europa

Langes Warten auf die Brücke

Die Donaubrücke zwischen Bulgarien und Rumänien sollte ein Musterprojekt in Südosteuropa werden. Nun ist sie fertig - doch die Einweihung ist verschoben. Man streitet um die Verteilung von Einnahmen.

Zweite Donaubrücke, Vildin/Calafat (Foto: Keno Verseck)

Die zweite Donaubrücke zwischen Bulgarien und Rumänien

Kamen Kalnidolski, LKW-Fahrer (Foto: Keno Verseck)

Kamen Kalnidolski wartet manchmal 20 Stunden darauf die Donau zu überqueren

Diesmal hat der Fernfahrer Kamen Kalnidolski einen guten Tag und eine gute Uhrzeit erwischt: Es ist Montagvormittag, er wird höchstens zwei Stunden warten, dann kommt die Fähre. Eine Stunde Überfahrt, die Pass- und Zollkontrolle geht schnell. Schon am frühen Nachmittag könnte er bei seiner Frau sein. Sie lebt in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Der 52-Jährige freut sich: "Mittwochs und donnerstags ist hier ein Riesenstau, dann warten wir mindestens 20 Stunden!“

Zwei, drei Mal im Monat steckt Kalnidolski hier fest. Unter Fernfahrern ist der rumänische Ort Calafat ein gefürchtetes Nadelöhr auf dem Weg von Mittel- nach Südosteuropa. Rumänien und Bulgarien haben eine 450 Kilometer lange Donaugrenze, doch es gibt nur eine einzige Brücke. Die aber liegt weit im Osten in der Nähe der rumänischen Hauptstadt Bukarest. Für manche Routen bedeutet das einen Umweg von mehreren hundert Kilometern. Deshalb heißt es für viele Fernfahrer: Warten in Calafat – oder in Vidin auf der bulgarischen Seite.

Enttäuschte Hoffnung auf ein "Vorbildprojekt"

Die Autofähre Vildin/Calafat (Foto: Keno Verseck)

Immer noch im Betrieb: Die Autofähre Vildin/Calafat

Jeweils zwei Fähren sind täglich im Einsatz, sechs bis 15 Sattelschlepper können sie während einer Fahrt hinüber schiffen. Die LKWs stauen sich manchmal bis mitten in das 15.000-Einwohner-Städtchen Calafat hinein. Besonders schlecht hat es getroffen, wer erst in der Dämmerung ankommt: Nach Einbruch der Dunkelheit wird der Fährbetrieb bis zum nächsten Morgen eingestellt.

Dabei hätte es hier längst eine Brücke geben sollen. Bereits 1994 wurde im fernen  Brüssel der Ausbau des sogenannten "Paneuropäischen Verkehrskorridors IV" beschlossen. Die Route verbindet mehrere osteuropäische Metropolen und führt von Dresden über Prag, Bratislava, Budapest und Sofia bis nach Istanbul. Schon damals stritten Rumänien und Bulgarien um den Standort der Brücke. Die Rumänen hätten gerne einen für sie günstigeren östlicheren Standort gewählt. Auf Druck der Europäischen Union begann der Bau der Brücke schließlich 2004 bei Calafat und Vidin.

Zweite Donaubrücke, Vildin/Calafat (Foto: Keno Verseck)

Ursprünglich sollte die Brücke noch vor 2010 fertig sein

Es sollte, so hatte man es sich damals in Brüssel ausgemalt, ein Vorbildprojekt der bilateralen Kooperation in Südosteuropa werden – in einer Region, in der die Länder traditionell zerstritten sind. Doch aus dem Vorhaben wurde nichts. Bulgarien organisierte den Brückenbau größtenteils allein und beauftragte das spanische Unternehmen FCC mit dem 270 Millionen Euro teuren Bau. Das beschäftigt neben spanischen Spezialisten vor allem bulgarische Arbeiter und Unternehmen. Nur wenige rumänische Firmen bekamen einen Auftrag als Subunternehmer.

Einweihungstermin erneut verschoben

Ursprünglich war geplant, die Brücke noch vor 2010 fertig zu stellen, aber wegen geologischer Besonderheiten musste die Statik der Brücke neu berechnet werden. Doch auch der vor Monaten festgelegte Einweihungstermin für den 29. November 2012 konnte nicht mehr gehalten werden. Zwar sind die Brückenarbeiten im Wesentlichen abgeschlossen: Vor wenigen Wochen wurde das letzte, 18 Meter lange Segment vor dem rumänischen Ufer eingefügt. Fußgänger könnten das imposante, über zwei Kilometer lange Bauwerk schon jetzt überqueren. Und öffentlichkeitswirksam hat der EU-Regionalkommissar Johannes Hahn mit den Regierungchefs beider Länder die Brücke als "finalisiert" bezeichnet.

Allerdings gilt das nur theoretisch. Denn die Zufahrtswege sind noch nicht fertig und auch Grenzkontrollpunkte müssen erst noch eingerichtet werden. So dämpft der stellvertretende Bauleiter Julio Ruís die Hoffnung auf eine baldige Eröffnung der Brücke. "Wir brauchen bestimmt noch ein Jahr für Belastungstests."

Grenzübergang zwischen Bulgarien und Rumänien (Foto: Keno Verseck)

Noch gibt es keine Einigung über die Kostenverteilung und die Brückenmaut

In der Region, die wirtschaftlich stark unterentwickelt ist, träumen die Verantwortlichen unterdessen bereits von den ökonomischen Impulsen, die ihrer Ansicht nach irgendwann von der Brücke ausgehen könnten. "Die Brücke wird die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern erleichtern“, glaubt Gergo Gergov, der Bürgermeister der 50.000-Einwohner-Stadt Vidin in Bulgarien. Auf der anderen Seite des Flusses, in Calafat, erscheint die Brücke ebenfalls als Versprechen einer besseren Zukunft. "Wir hoffen inständig, dass sich unsere Stadt durch die Brücke wirtschaftlich und touristisch entwickeln kann und dass es neue Arbeitsplätze geben wird", sagt Constanza Vărzaru, die Chefarchitektin im Bürgermeisteramt.

Politische Streitigkeiten gehen weiter

Der Fernfahrer Kamen Kalnidolski wird, wie alle seine Kollegen, noch für längere Zeit den Fährweg nehmen müssen - wie in den letzten zwei Jahrzehnten. Trotzdem lässt auch er sich seine Vorfreude nicht nehmen: "Wenn die Brücke endlich fertig ist, sind wir in 20 Minuten drüben“, freut sich Kalnidolski, "nicht wie jetzt in manchmal 20 Stunden." Erst einmal zeichnen sich aber bereits weitere politische Streitigkeiten ab: Rumänien und Bulgarien wollen sich gegenseitig verklagen – denn sie können sich nicht über die Verteilung der Gebühren und der Brückenmaut einigen.

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