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Deutschland

Langer Weg bis zum Demjanjuk-Prozess

Vor dem Landgericht München hat an diesem Montag einer der letzten NS-Kriegsverbrecherprozesse begonnen: John Demjanjuk wird Beihilfe zum Mord in tausenden Fällen vorgeworfen, begangen im Vernichtungslager Sobibór.

John Demjanjuk (Archivfoto)

Schweigt zu den Vorwürfen: John Demjanjuk

Dass der 89-jährige mutmaßliche Massenmörder sich erst heute, mehr als 60 Jahre nach Kriegsende, vor einem deutschen Gericht verantworten muss, hat viele Gründe. Zum einen war es in den Wirren nach Kriegsende nicht schwer, unterzutauchen und seine Spuren zu verwischen. Dazu kommt, dass die deutsche Justiz anfangs nur in seltenen Fällen bereit war, die Gesetzesverstöße im "Tausendjährigen Reich" energisch zu verfolgen. Zu schwer wog da noch die eigene Verstrickung in das untergegangene Unrechtsregime. Die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Deutschland begann eigentlich erst rund zwei Jahrzehnte nach Kriegsende, und zu diesem Zeitpunkt lebte Demjanjuk bereits in den USA.

Rotarmist, SS-Scherge und später Mechaniker

Gedenkstätte des Vernichtungslagers Sobibór (Foto: AP)

Die Gedenkstätte des Vernichtungslagers Sobibór

Es gibt noch einen Grund, warum der geborene Ukrainer so lange der Strafverfolgung entgehen konnte. John Demjanjuk ist ein Opportunist, der sich den Zeitläuften mehr als einmal geschmeidig anpassen konnte. Geboren als Iwan Nikolajewitsch Demjanjuk kämpfte der Ukrainer im Zweiten Weltkrieg mit der Roten Armee gegen die deutschen Invasoren und geriet in Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener wechselte er die Seiten und schloss sich der SS an. Als sogenannter "Hiwi", im Jargon der Zeit hieß das Hilfswilliger, wurde er als Bewacher in das Vernichtungslager Sobibór kommandiert. Dort soll er persönlich an der Ermordung von mehr als 25.000 Menschen mitgewirkt haben - und das will die Staatsanwaltschaft nun im Prozess nachweisen.

Nach dem Krieg wechselte er wieder die Seiten und verdingte sich bei den amerikanischen Truppen, für die er als Chauffeur arbeitete. In den 50er Jahren siedelte er in die Vereinigten Staaten über, erhielt die amerikanische Staatsbürgerschaft und nannte sich fortan John Demjanjuk. Mehr als 20 Jahre lang lebte er unerkannt in den USA, arbeitete unbehelligt als Mechaniker beim Autobauer Ford.

Schon einmal zum Tode verurteilt

In den siebziger Jahren allerdings war Demjanjuk ins Visier der amerikanischen Geheimdienste geraten, die ihn für den sogenannten "Herrn der Gaskammern" im Konzentrationslager Treblinka hielten.

John Demjanjuk vor einem Gericht in Israel (Foto: dpa)

John Demjanjuk vor einem israelischen Gericht

Demjanjuk wurde die US-Staatsbürgerschaft entzogen, er wurde nach Israel ausgeliefert. Dort wurde ihm 1987 der Prozess gemacht, bei dem er zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde nicht vollstreckt und später widerrufen, Demjanjuk kehrte in die USA zurück. Das Revisionsgericht in Israel hatte entschieden, dass die Identität des Verurteilten nicht eindeutig geklärt sei. Er sei vermutlich für die Verbrechen eines ganz anderen Täters, eines Mannes namens Iwan Marchenko, verurteilt worden. Das Todesurteil wurde aufgehoben.

Wahrheitsfindung und Aufklärung

Dass Demjanjuk endlich nach Deutschland ausgeliefert wurde und sich hier einem Verfahren stellen muss, liegt daran, dass John Demjanjuk als Iwan Demjanjuk identifiziert worden ist. Er muss sich nun für Verbrechen in Sobibór verantworten. Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm, der Leiter der "Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg, freut sich über die Eröffnung des Verfahrens. Er möchte den Erfolg seiner Arbeit allerdings nicht von einer Verurteilung des Angeklagten abhängig machen. Der Deutschen Welle sagte er, dass es nicht ausschließlich darauf ankomme, NS-Verbrecher vor Gericht zu stellen und zu verurteilen. Genauso wichtig sei die Aufklärung der Allgemeinheit über das Unrecht im sogenannten "Dritten Reich".

Dienstausweis von Demjanjuk (Foto: dpa)

Der Dienstausweis des "Wachmannes" Iwan Demjanjuk

Thomas Blatt ist ein Überlebender des Vernichtungslagers Sobibór, in dem der Angeklagte als Aufseher tätig gewesen sein soll. Blatt, dem Tod im Lager nur knapp entronnen, zeigte sich im Gespräch mit der Deutschen Welle sehr zufrieden darüber, dass Demjanjuk sich nun vor einem deutschen Gericht verantworten muss. Allerdings, so Blatt, erwarte er keine Rache von dem Gerichtsverfahren. Ihm komme es vor allem darauf an, dass der Angeklagte sich überhaupt äußere und dann auch die Wahrheit sage, dass er "ein Stück von der Geschichte des Holocaust erzählt".

Die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sieht das ganz ähnlich. Ihr ist wichtig, den Opfern nicht weiter ihre Würde zu nehmen, indem man die Verbrechen, die an ihnen verübt worden sind, ungesühnt lässt. Der Deutschen Welle sagte sie, dass es "(…) sehr wichtig ist, dass der mutmaßliche Kriegsverbrecher vor einem ordentlichen Gericht steht (…), so dass unsere jungen Leute noch mal einen Zeitzeugen vor sich haben, der zu den Tätern gehört".

Autor: Dirk Kaufmann
Redaktion: Hartmut Lüning