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Wirtschaft

Langenfeld - Stadt ohne Schulden

Sie verkaufte keine Stadtwerke wie Düsseldorf und keine Wohnungen wie Dresden. Seit Jahren ist die Gemeinde Langenfeld, was die Bundesrepublik gern wäre - schuldenfrei und Vorbild für Europa.

Im Hallenbad von Langenfeld ziehen morgens ein paar Schwimmer ihre Bahnen. Immer geradeaus, dann die Wende und wieder: immer geradeaus. "Wir haben kein Spaßbad – anders als unsere Nachbarstädte, die hoch verschuldet sind." Bürgermeister Frank Schneider sitzt vor einem Gemälde, wo sich eine Fußballmannschaft im Kreis zur eingeschworenen Truppe zusammenschließt. "Diesen Geist wollten wir in unsere Stadt bekommen." Es ist gelungen. Das Rathaus hat es den Bürgern vorgemacht.

Der Rathauschef kann auf einen Kämmerer bauen, der die gesamte Entschuldungszeit erlebt hat. Der Mann heißt Detlev Müller und weiß noch, wie schwer der Anfang war: "Als erstes haben wir unsere Hierarchien eingeebnet." Müller war bereits 1986 dabei, als Langenfeld beschloss, sich vom Schuldenjoch zu befreien. Damals lag die 60 000-Einwohnerstadt im Rheinland bei Köln mit 80 Millionen D-Mark im Minus. Eine Stahlfirma machte Pleite. Auf einen Schlag waren tausende Arbeitsplätze weg. Immer weniger Steuern kamen rein. "Wir mussten radikal etwas ändern, und das konnte nur hier im Rathaus beginnen. Referatsleiter, Gruppenleiter, Sachgebietsleiter, Abteilungsleiter - von sieben Ebenen haben wir vier beseitigt. Das ging nicht ohne Tränen."

Weniger Häuptlinge

Stadtkämmerer Müller und Bürgermeister Schneider (Foto: DW / W.Dick)

Stadtkämmerer Müller (links) und Bürgermeister Schneider

Doch niemand wurde entlassen. Frei werdende Stellen wurden nicht mehr besetzt. Wer "zurück ins Glied" musste, behielt das alte Gehalt und machte als Sachbearbeiter weiter. Der Finanzchef waltet ohne Sekretärin. "In meinem Vorzimmer sitzen jetzt gut bezahlte Fachleute. Die sind belastbar. Wenn eine Akte kommt, zeichnet jeder selbst per Unterschrift verantwortlich. Lange Aktenwege? Das war einmal." Müller holt den Haushaltsplan von 1987 aus dem Schrank. Stolz hebt er ihn hoch. "Hiermit hat es angefangen. 5,8 Millionen Mark mussten wir damals an Zinsen zahlen. Wir haben uns daran gehalten - keine neuen Kredite mehr."

Die Langenfelder zeigten anfangs die üblichen Reflexe. Plötzlich mussten Vereine für die Hallen eine Gebühr zahlen. Kunst im öffentlichen Raum? Nicht in Langenfeld. Nebenstraßen? Können die Bürger selbst reinigen. Es gab einiges Murren. Doch die Leute merkten, dass die Stadt das Geld in die Sportstätten steckte. Langenfelds Anlagen sind gepflegt und modern. Auch die Schulen sind auf bestem Stand. Es gibt die Stadthalle, eine Bibliothek, das Kulturhaus. Die Stadt sparte nicht nur, sondern setzte frei werdendes Geld gut ein.

Schuldenuhr rückwärts

Beispiel: Die Hausmeister. Früher gab es 50 von ihnen, verteilt auf alle Schulen und städtischen Gebäude. Heute sind noch 20 übrig, bei besserer Bezahlung. Frei werdende Stellen wurden nicht neu besetzt. Die Männer sitzen in einem großen Raum beim Mittag. Der Hausmeister-Pool. Ein Anruf kommt. "Graffiti in der Realschule beseitigen". Michael Schreiber macht sich auf den Weg. "Früher hätte das Wochen gedauert. Heute höchstens zwei Tage."

Ansturm der Bürger der Stadt Langenfeld im November 2006 auf ein Schuldenfreiheits-Zertifikat. Dem Kämmerer der Stadt war es gelungen, die Pro-Kopf-Verschuldung auf 100 Euro zu drücken. Für 100 Euro konnte auf einem Stadtfest jeder Bürger eine Urkunde erwerben: Schuldenfreier Langenfelder. (Foto: Stadt Langenfeld)

Ansturm auf das Schuldenfreiheits- Zertifikat 2006

Hausmeister Schreiber ist sich sicher, dass sich die Mentalität der Langenfelder geändert hat. "Wenn ich nur an die 50.000-Euro-Aktion denke…"  Als die Schulden pro Kopf nur noch 100 Euro betrugen, machte die Stadt ein Fest. Für einen Hunderter konnte man eine Urkunde erwerben. "Schuldenfreier Langenfelder" stand drauf. 500 Leute kauften. Wieder etwas weniger Schulden. 2008 war es dann soweit. Die Schuldenuhr am Rathaus wurde feierlich abgehängt. Jahrelang war sie rückwärts gelaufen. Das motivierte enorm.

Schuldenfrei bleiben - auch eine Kunst

Einkaufszentrum neben der Kirche in Langenfeld (Foto: DW / W.Dick)

Einkaufszentrum neben der Kirche - Langenfeld macht sich für Investoren attraktiv

Weil kein Schuldendienst mehr anfällt, zahlen die Bürger nun mit die niedrigsten Grund- und Gewerbesteuern ihres Bundeslandes. Das zog neue Industrie an. Um ein Gewerbegebiet zu entwickeln, investierte Langenfeld erstmal kräftig. "Totsparen war nicht unser Ziel", erläutert der Kämmerer. "Aber wenn Geld rein soll, muss erstmal auch welches rausgehen." Inzwischen geht die Saat auf. Die Gebühren, zum Beispiel für Müll und Abwasser, sind heute niedriger als vor zehn Jahren. Die Schulen bekommen Fondsgelder, von denen zum Beispiel die Instrumente für ein ganzes Blasorchester beschafft wurden. Die Fußballvereine haben neue Kunstrasenplätze. Wohltaten - verteilt mit Disziplin.

Aber die Umsonst-Mentalität ist weg. "Kindergartengebühren abschaffen wie die Wahlkämpfer der Schuldenstädte? Wir senken sie lieber um 20 Prozent", sagt Stadtkämmerer Müller. Gerade drohte ein Haushaltsloch, der Antischulden-Kurs schlingerte. Langenfeld behalf sich mit Parkgebühren. Früher war die erste Stunde frei. Heute sind es nur noch die ersten 15 Minuten.

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Und es gibt sie doch - Schuldenfreie Städte in Deutschland

Die Schuldenuhr - einst gebaut von einer ortsansässigen Metallfirma - steht jetzt im Keller des Kulturhauses. Sie wurde bereits an kleinere Städte ausgeliehen. Der Kämmerer zieht den Zeigefinger durch Staub auf dem schwarzen Blech. "Ich würde die Uhr auch Herrn Schäuble ausleihen. Noch reicht die Wirtschaftskraft. Aber eigentlich ist  Deutschland mit zwei Billionen Euro Schulden nicht viel anders als die Südländer, auf die wir so schimpfen."

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