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Deutschland

Lange Wanderung durch das Tal

Trotz leichter Konjunktur-Aufhellung dämpfen Wirtschaftexperten die Hoffnung auf einen Aufschwung in Deutschland. Die deutsche Wirtschaft stehe vielmehr vor einem langen Marsch durch die konjunkturelle Talsohle.

Der Präsident des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus F. Zimmermann (Foto: dpa)

Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

DIW-Präsident Klaus Zimmermann dämpft die Hoffnungen auf ein Ende der Krise. Zwar gebe es Anzeichen für eine Aufhellung, etwa in den USA. Diese Einschätzung habe er von den Gesprächen mit Wirtschaftsberatern von US-Präsident Barack Obama mitgebracht. Und auch in asiatischen Schwellenländern wie China oder Indien sei eine leichte konjunkturelle Erholung zu beobachten. Doch das Ende der Krise sei das nicht. Gerade Deutschland müsse sich in Geduld üben.

Die deutsche Wirtschaft werde im laufenden Jahr um 6,4 Prozent schrumpfen und 2010 nur um ein halbes Prozent wachsen. Mit dem Buchstaben "V" sei die absehbare Entwicklung der Wirtschaft nicht zu beschreiben, sagt Zimmermann. Sprich: So schnell wie es bergab ging, wird es nicht bergauf gehen. Vielmehr sehe er eher im "L" eine adäquate Beschreibung der Wirtschaftslage Deutschlands. Also: Unten angekommen und kein schneller Aufstieg in Sicht. Der Grund: Die Welt braucht Deutschlands Güter derzeit nicht.

Euro-Raum braucht einen Wachstumstreiber

Christian Dreger vom DIW (Foto: DW-TV)

Die deutsche Exportwirtschaft hängt von Mittel- und Osteuropa ab, sagt Christian Dreger vom DIW

Anders als etwa Asien fehle Deutschland und dem Euro-Raum ein Wachstumstreiber wie China oder Indien, sagt Christian Dreger, Leiter der Konjunkturabteilung des DIW. Für Deutschland entscheidend sei vor allem die Lage in Mittel- und Osteuropa. Dorthin habe die deutsche Wirtschaft in der Vergangenheit besonders viele Waren verkauft. Damit ist es vorerst vorbei. "Diese Länder kommen eher langsamer aus der Krise, und das behindert natürlich die Exporte", sagt Dreger.

Kreditklemme in Deutschland nicht ausgeschlossen

Die in sich zusammengefallene Nachfrage in Osteuropa ist nicht die einzige Unwägbarkeit für die deutsche Wirtschaft auf ihrem Weg durch das konjunkturelle Tal. Wichtig ist laut DIW auch, dass der Protektionismus nicht um sich greife. Das zeige ein Blick zurück: Die Abschottung einzelner Staaten habe schon die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren drastisch verschärft.

Auch die Gefahr einer Kreditklemme sieht das DIW nicht gebannt. Die Vergabe von Unternehmenskrediten durch Geschäftsbanken sei teilweise restriktiv. Zugleich sei nicht sicher, dass das Bad-Bank-Konzept der Bundesregierung greife, das auf Freiwilligkeit beruhe. Im Notfall müsse der Staat Banken mit Eigenkapital versorgen, sich also stärker in die Finanzwirtschaft einmischen, um eine Kreditklemme zu verhindern.

"Die Kurzarbeit gerät an ihre Grenzen"

Stahlkocher (Foto: DW-TV)

Wann geht dem Instrument der Kurzarbeit die Luft aus?

Weitere punktuelle staatliche Investitionen lehnt das DIW ab. Stattdessen sei ein mittelfristig angelegtes Konjunktur- und Wachstumsprogramm sinnvoll. Das Institut setzt damit auf langfristig angelegte Lösungen für den "langen Marsch durch die Talsohle", wie Zimmermann die nahe Zukunft der deutschen Wirtschaft umschreibt. Lang und unwägbar werde der Marsch auch, weil der deutsche Arbeitsmarkt erst wenig von der Wirtschaftkrise getroffen sei. Das aber könne sich schnell ändern. Bis jetzt würden die krisengeschüttelten Branchen ihre gut ausgebildeten Facharbeiter halten, auch wenn dies die Produktion verteure, erklärt Zimmermann. Dies sei möglich, weil der Staat mit seinem Kurzarbeitsprogramm die Arbeitszeitreduzierung fördere. "Die Kurzarbeit gerät an ihre Grenzen", warnt Zimmermann. "Wenn die Krise anhält, wird es zu erheblichen Steigerungen in der Arbeitslosigkeit kommen."

Privater Konsum stützt die deutsche Wirtschaft

Mit zahlreichen Tüten in der Hand eilt ein Passant über die Frankfurter Zeil (Foto: picture alliance)

Der krisensichere Konsum in Deutschland stabilisiert die Konjunktur

Das DIW prognostiziert für 2010 eine zweistellige Arbeitslosenquote und einen Jahresdurchschnitt von 4,7 Millionen Erwerbslosen in Deutschland. Betroffen wären – ganz entgegen der landläufigen Vorstellung - vor allem als leistungsstark geltende Branchen wie die Metall- oder Automobilindustrie.

Bei aller Krisenstimmung kann die deutsche Wirtschaft sich auf einen Antrieb verlassen, auf den privaten Konsum. Trotz Krise kaufen die Deutschen kräftig ein. Woher das Geld dafür kommt? "Die Wucht der ausfallenden Produktion trifft vor allem die Unternehmen", erklärt Stefan Kooths vom DIW. Bisher seien die Einkommen der privaten Haushalte verschont geblieben. Die Unternehmensgewinne dienten dabei als Puffer und die bisher stabile Arbeitslosenquote tue ihr Übriges. Die außerplanmäßige Erhöhung der Renten durch die Bundesregierung und die Zahlung von Arbeitslosengeld werden laut Kooths im kommende Jahr sogar dazu führen, "dass die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte im nächsten Jahr sogar noch ansteigen können".

Die Kauflaune dürfte also die lange Wanderung durch das Konjunkturtal überdauern. Sicher ist indes auch, dass die dramatisch gestiegenen staatlichen Ausgaben im kommenden Jahr zu einem Rekorddefizit führen werden. Das DIW rechnet mit 6,4 Prozent. Was die Topographie der wirtschaftlichen Talsohle angeht, übt Zimmermann sich angesichts der Sommerprognose des DIW in Bescheidenheit: Bestenfalls werden kleine Hügel in Sicht kommen.

Autor: Benjamin Braden
Redaktion: Martin Schrader

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