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Kultur

Lange und tiefe Töne

In Halberstadt im Harz stemmt eine kleine Gemeinde von Enthusiasten ein Mammutvorhaben gegen die Hektik unserer Zeit: Sie inszenieren das längste Orgelstück der Welt. Erst die Urururururenkel werden es verklingen hören.

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St. Burchardi in Halberstadt: Ort des 'John-Cage-Orgelprojekts'

"Die Schweinekoben waren hier unter den Kapitellen." Michael Betzle, Bauunternehmer und Ziehvater des Orgelprojekts, macht eine lapidare Geste. Es riecht muffig, irgendwie nach

Innenaufnahme der Kirche St. Burchardi in Halberstadt

Der Blasebalg in St. Burchardi

Taube. Das Gemäuer ist 800 Jahre alt. Von seiner Geschichte gezeichnet. Einst war St. Burchardi Zwischenstation auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Seit Napoleons Zeiten ist die Kirche Brauhaus, Geräteschuppen, Stall. Die Wände sind abgewetzt. Feiner Schotter knirscht unter den Füßen. Ansonsten ist es ganz still. Bis auf ein leises Schnaufen. In einer Ecke hockt der Blasebalgkasten einer Orgel, wie ein schlafender Riese. Er atmet ein - er atmet aus. Laaaaangsam und tiiiiieeeef.

Musik aus dem "Käfig"

John Cage

John Cage

John Cage - Pianist und Komponist aus Los Angeles, Schüler von Arnold Schönberg -, inszeniert schon frühzeitig das, was heute "Happening" genannt wird. Klemmt Schrauben, Radiergummis und Geldstücke zwischen die Saiten des Flügels und nennt das "Präpariertes Klavier" (1940). Sein bekanntestes Werk ist "4‘33" (1952): Der Pianist kommt auf die Bühne, setzt sich – und exakt 4 Minuten und 33 Sekunden lang erklingt kein einziger Ton. Auch die Geräusche der Stille sind Musik.

In den fünfziger Jahren entdeckt Cage den Zen-Buddhismus für sich. Und findet das Grundübel der westliche Zivilisation:

Innenaufnahme der Kirche St. Burchardi in Halberstadt

Es fehle der 'spirit of acceptance', klagt er. Statt die Dinge zu nehmen, wie sie kommen, verschwende der Mensch seine Zeit mit unsinnigem Streben. "Auch wir wollen eine neue Hörkultur, Stillstand und kontemplative Ruhe", beschwört Musikwissenschaftler Rüdiger Pfeiffer das Halberstädter Orgelprojekt. Eine Revolution gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Besinnung im wahrsten Sinne des Wortes: Das Stück "Organ2/ASLSP" beginnt mit einer Generalpause. Ein Jahr dauert sie nun schon.

Zwischen Gestern, Heute und Morgen

Innenaufnahme der Kirche St. Burchardi in Halberstadt

Pfeifen hat die Orgel in St. Burchardi noch keine. Wozu auch. Der erste Akkord erklingt frühestens im Januar 2003. Bis dahin will die John-Cage-Orgelstiftung das Geld für die ersten Töne zusammen haben. Im Laufe der kommenden Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte soll sich die Kirche mit Orgelmusik füllen. Der letzte wird erst im Jahr 2639 verklingen.

Gegenwärtig können die Halberstädter damit nicht allzu viel anfangen. "Es sind immer dieselben 25 Leute, die hier die Kultur machen", erklärt Tunnelbauer Betzle. Dennoch ist er optimistisch, dass sie es schaffen werden. Bei ihm kann man 'Lautjahre' kaufen – gegen einen Unkostenbeitrag von 1000 Euro gibt es einen Patenbrief für ein Stück Zukunft. Erstaunlicherweise sind viele "Lautjahre" in ferner Zukunft schon vergeben.

Mit der Zeit gehen

Innenaufnahme der Kirche St. Burchardi in Halberstadt

Ins Rollen gebracht wurde das Projekt durch eine an sich harmlose Frage: "Wie langsam ist 'so langsam wie möglich'?" - "Kommt ganz darauf an", sagen 1997 die Fachleute auf der "Ersten Internationalen Woche für Neue Orgelmusik" in Trossingen. "Theoretisch unendlich", sagt einer aus Jux. Denn auf der Orgel klingen die Töne nicht aus, solange sie nur Wind in den Pfeifen haben. Wie bitte?! Die Versammlung springt von den Stühlen. Ans Werk, ans Werk!

Bald haben sie in Halberstadt eine leerstehende Kirche ausfindig gemacht. Und mir nichts, dir nichts ist die Orgelstiftung dabei, St. Burchardi zu erobern. Kirche, Grundstück und Herrenhaus nebenan bekommen sie

St. Burchardi Kirche in Halberstadt

kostenlos von der Stadt. Das war im Jahr 2000. 639 Jahre soll das Experiment dauern – und an ein anderes Epochewerk der Musikgeschichte erinnern: 1361, eben 639 Jahre vor 2000, war in Halberstadt die erste moderne Kirchenorgel Europas gebaut worden. Auch Michael Betzle will über das Hier und Heute hinaus. "Der Dom, die Stadtkirche, das waren alles Projekte für Generationen. Unvernünftige Projekte. Die sind aber die einzigen, die überdauert haben. Alles Vernünftige ist längst kaputt".

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