Lange: ″Einzigartiger Gefühlscocktail″ | Sport | DW | 25.12.2017
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Triathlon

Lange: "Einzigartiger Gefühlscocktail"

Weltmeister mit Streckenrekord auf Hawaii: Triathlet Patrick Lange gehört mit seiner fantastischen Leistung zu den Ausnahmesportlern des Jahres. Im DW-Interview spricht er über magische Momente und harte Konkurrenz.

Video ansehen 07:04
Jetzt live
07:04 Min.

Lange: "Dranbleiben war der größte Schlüssel"

DW: Seit ihrem Sieg auf Hawaii sind jetzt schon einige Wochen vergangen, haben sie den Triumph inzwischen schon richtig erfasst?

Patrick Lange: Es ist immer noch komisch. Aber es ist ein positives "komisch". Es ist schon noch so, dass ich auf dem Sofa sitze und meine Freundin in die Seite stoße und sage: "Mensch, weißt Du eigentlich was da passiert ist, wie krass das ist?" Wir alle können das immer noch nicht richtig fassen, wenn ich die Bilder sehe, macht mich das immer noch unglaublich glücklich. Mein Trainer (Anm. d. Red.: Faris Al-Sultan, Hawaii-Sieger 2005) hat gesagt, er habe ein halbes Jahr gebraucht um es zu verarbeiten. Bei mir wird es wahrscheinlich ähnlich lange dauern.

Was war im Rennen dieses Jahr ihr Schlüssel zum Erfolg?

Dranbleiben. Das war der größte Schlüssel. Ich habe mich in dem Rennen nie aufgegeben und bin immer auf dem Gas geblieben, auch wenn ich mal einen Durchhänger hatte. So banal sich das anhört, es war tatsächlich der Schlüssel. Ich habe mich in die Top Ten gearbeitet, dann war ich in den Top Fünf und habe die Abstände gehört, die permanent kleiner wurden, das hat mich motiviert.

Sie hatten rund zehn Minuten Rückstand nach dem Radfahren, im abschließenden Marathon haben sie unglaublich aufgeholt und erst wenige Kilometer vor dem Ziel den bis dahin Führenden Lionel Sanders überholt. Gab es den Moment in dem sie wussten: Jetzt gewinne ich ?

Den darf man in Hawaii erst haben, wenn man über die Ziellinie gelaufen ist. Wir haben schon alles gesehen auf der Zielgeraden dort. Dass die Leute einfach umfallen am Ali'i Drive. Man darf sich nicht zu sicher sein, dass man das Ding eingetütet hat. Man hat das bei mir gesehen, dass ich mich auch auf dem letzten Kilometer weiter verpflegt habe, weiter Cola getrunken habe und Kohlenhydrate zu mir genommen habe, weil man beim Ironman eben nie weiß. Man führt den Körper nicht alle Tage an eine Acht-Stunden-Maximalleistung. Es ist unbekanntes Terrain, auch für mich, der jetzt erst zum vierten Mal über die volle Distanz gegangen ist. Ich war mir erst sicher, als ich das Zielbanner in der Hand gehalten habe.

Einer der ersten Gratulanten im Ziel war ihr Vater. Was war das für ein Moment?

Das ging mir sehr nahe. Als ich mit dem Sport begann, hatte ich für mich den Wunsch meinen Vater einmal so stolz zu machen, dass er vor Freude weint. Das habe ich nie irgendwo gesagt, weil ich das auch nicht forcieren wollte. Mittlerweile habe ich es schon zum zweiten Mal geschafft. Das macht mich sehr stolz und ich freue mich, dass er da so mitgeht. Aber am Ende des Tages gilt der Dank noch vielen weiteren Menschen. Es ist eine Teamleistung von so vielen Leuten die im Hintergrund arbeiten. Trainer, Freundin, Management, Physiotherapeuten, Ärzte, das geht sehr weit. Aber in dieser Situation mit meinem Vater - das war schon überragend.

Patrick Lange Gewinner Ironman Hawaii 2017 (Getty Images/S.M. Haffey)

Große Emotionen: Freundin Laura Sophie Usinger und Vater Wolfgang empfangen Lange

Unterwegs auf der Laufstrecke hat sie Jan Frodeno, der Titelverteidiger, der selbst keinen guten Tag erwischt hatte, angefeuert. Wie haben sie das empfunden?

Das ist nicht üblich. Es zeigt aber schon, wie der Triathlon so aufgebaut ist. Ich finde man kann es nicht oft genug hervorheben, was diese Sportart für einen Spirit hat. In dem ich zum Beispiel auch den letzten Finishern die Ehre erweise, dass ich als Sieger nach 17 Stunden im Ziel stehe und ihnen die Medaille umhänge. Das sind Tugenden und Rituale in unserem Sport, die ich ganz besonders toll finde. Jan hat das schön gemacht und hat mich in dem Moment auch motiviert. Das ist eine tolle Geste, die Fotos sind schön und bringen den Sport weiter, weil man dadurch noch ein bisschen Charakter rein bekommt. Es war nicht rennentscheidend. Aber es hat mich gefreut.

Mit Sebastian Kienle und Jan Frodeno ist allein in Deutschland die Konkurrenz enorm. Sie haben im vergangenen Jah durchblicken lassen, dass Ihnen Ihre ärgsten Rivalen mit gewisser Zurückhaltung begegnet sind. Ist das jetzt besser geworden?

Nein, im Gegenteil! Ich glaube, dass die Zielscheibe noch ein bisschen größer geworden ist, die ich mit mir herumtrage. Nichtsdestotrotz ist Respekt und Fairness absolut gegeben. Wie es in jeder Sportart sein sollte. Ich bin einfach jetzt der Gejagte, aber deswegen geht man nicht anders miteinander um.

Was war es, dass Sie in der Jugend am Triathlon so fasziniert hat?

Ich bin durch einen relativ heftigen Sturz beim Mountainbike-Rennen zum Triathlon gekommen, indem ich Martin Zülch getroffen habe, der mich trainiert hat und der ein gewisses Talent entdeckt hat. Er hat mich da herangeführt und mir viel über die Geschichte vom Ironman Hawaii erzählt, weil er selbst dort sechs Mal gestartet ist. Insofern war dieses Feuer, gerade für den Ironman Hawaii, sehr früh geweckt. Es war relativ schnell klar, dass das in meinem Ranking, dass ich im Kopf habe auch über den Olympischen Spielen angesiedelt ist. Es war für mich ganz klar die Faszination Hawaii, auf die ich mich in dieser Sportart am meisten gefreut habe.

Ironman Hawaii 2017 Laufen Patrick Lange (Getty Images/Ironman/T. Pennington)

Harte Bedingungen: Hitze und Luftfeuchtigkeit auf Hawaii

Für den Normalmenschen bleibt trotzdem die Frage: Warum tut man sich so etwas an?

Das ist eine schwierige Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Ich bin da hinein gewachsen, ich hatte diesen Wunsch. Früher habe ich meinen Vater gesehen, als er Marathon gelaufen ist. Ich stand an der Strecke und fand es großartig, diese langen Strecken zu absolvieren. Als Kind war ich auch immer derjenige, der am Fußballfeld am meisten auf und ab gerannt ist. Deswegen, glaube ich, war auch eine kleine genetische Disposition schon da. Man kann das nur mit dem Weg beschreiben, den man da geht, wenn man sich auf eine Langdistanz vorbereitet. Das macht auch menschlich was mit dir. Du arbeitest gegen Widerstände, du musst immer neue Hürden überwinden, du musst Arbeit, Familie und Sport kombinieren. Ich musste lange Jahre auch Arbeit und Sport kombinieren. Ich bin überzeugt, dass man da viel über das Leben lernt. Und wenn man diesen Weg gegangen ist, seine Lehren gezogen hat, sich durchgekämpft hat und dann über die Ziellinie läuft, das ergibt einen einzigartigen Gefühlscocktail. Wenn man davon gekostet hat, will man immer mehr haben. Das hat bei mir gut gefruchtet.

Was unterscheidet den Triathlon von anderen Sportarten, ist es dieser "Spirit"?

Auf Hawaii auf jeden Fall. Der Spirit auf Hawaii, die Energie dieser Insel ist einfach unerreicht. Aber auch im Triathlon generell. In kaum einer anderen Sportart sind Profis gemeinsam mit allen anderen Teilnehmern in einem Rennen unterwegs und können sich am gleichen Ort, auf der gleichen Strecke miteinander messen. Und im Ziel dann einfach rüber gehen und seinem Vorbild vielleicht die Hand schütteln. Versuchen sie das mal bei einem Formel 1-Rennen. Das wird schwierig. Spitzensport und Amateursport  zu vereinen, das hat der Triathlon hinbekommen wie keine andere Sportart.

Kürzlich haben sie tatsächlich Formel 1-Weltmeister Nico Rosberg getroffen. Er ist nach seinem ersten WM-Titel zurückgetreten. Das ist aber nicht ihr Plan, oder?

Nein (lacht). Ich mag Nico total, er ist ein sehr netter Typ. Das Treffen mit ihm gehört zu den sehr positiven Begegnungen, die ich seit Hawaii hatte. Meine Karriere steht erst am Anfang, ich werde noch einige Jahre dem Triathlon treu bleiben und habe noch einiges auf der Liste.

IRONMAN World Championship 2017 Patrick Lange in Rekordzeit (Getty Images/Ironman/M. Wolfson)

Vom Kindheitstraum zum Streckenrekord: Lange kratzt bei seinem Sieg an der Acht-Stunden-Marke

Dabei sind sie Weltmeister, Inhaber der Marathon-Bestzeit und Streckenrekordler auf Hawaii. Das fordert eine Neuausrichtung der Ziele. Haben sie das schon gemacht?

Das Ziel ist immer Hawaii. Das wird sich auch nicht ändern. Das Rennen genießt höchste Priorität und ich möchte es gerne noch einmal gewinnen. Ich möchte einfach einer der Großen werden und mich dort etablieren. Mit den Bedingungen die dort herrschen, kann ich besonders gut umgehen. Aber es gibt natürlich auch noch andere Rennen die mich anspornen. Die Challenge Roth zum Beispiel ist ein fantastisches Rennen, dass ich gerne mal absolvieren würde, genauso wie die Ironman-EM in Frankfurt. Also da gibt es einige, für die es sich zu quälen lohnt.

Patrick Lange (31) ist Profi-Triathlet. Im Oktober 2017 sicherte er sich bei der Ironman-WM auf Hawaii den WM-Titel auf der Langdistanz mit Streckenrekord in 8:01:39 Stunden. Anfang 2016 stand er noch komplett ohne Sponsoren da, im Oktober desselben Jahres knackte er auf Hawaii den Uralt-Marathonrekord von Triathlon-Legende Mark Allen und komplettierte als Dritter hinter  Jan Frodeno und Sebastian Kienle ein rein deutsches Podium bei der WM. Lange ist in Bad Wildungen geboren und lebt in Darmstadt.

Das Interview führte Jens Krepela.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema