1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Musik

Lang lebe der Jazz!

Vor wenigen Wochen schloss der bekannte Hamburger Jazz-Club "Birdland" seine Pforten. Symptom für den Niedergang des Jazz in Deutschland? Es gibt Gegenbeispiele.

Der amerikanische Jazz-Saxophonist , Wayne Shorter (links), zusammen mit John Patitucci am Bass (Foto:Boris Grdanoski/AP/dapd)

Wayne Shorter

Eine Nachricht aus Hamburg ließ die deutsche Jazz-Szene vor wenigen Wochen trauern. Der bekannte Jazz-Club "Birdland" schloss seine Türen. Nach über 20 Jahren hatten die Betreiber genug. Befindet sich der deutsche Jazz also in einer Krise? Ein Blick auf die Landkarte der deutschen Jazz-Szene lässt eher das Gegenteil vermuten. Sei es München, Dortmund oder Berlin: Fast an jedem Abend der Woche finden hier Jazz-Begeisterte die Möglichkeit, Live-Jazz zu hören. Das "Unterfahrt" in München, das "Domicil" in Dortmund oder das Berliner "A-Trane" gehören zu den international bekannten Adressen des Jazz.

Erfolgsmodell "Unterfahrt"

Jazzclub

On Stage im "Unterfahrt"

"Wir bedauern die Schließung des 'Birdland', weil es ja immer weniger Spielstätten für Jazz in Deutschland gibt", meint Christiane Böhnke-Geisse, die künstlerische Leiterin des Münchner "Unterfahrt". Ihrem Club geht es aber gut. Der eingetragene Verein, der das "Unterfahrt" seit 1980 unterhält, kann auf eine riesige Unterstützergruppe zählen. Rund 1050 Mitglieder hat der Verein, und das bei einer Raumkapazität von 150 Sitzplätzen.

"Ich muss jeden Abend ein Publikum finden", meint Christiane Böhnke-Geisse. "Wir versuchen, unser Angebot deshalb ganz breit zu fächern, von der Big-Band-Night am Montag, über Newcomer, über die alten Hasen und natürlich auch über Stars." Eben die ganze Bandbreite des Jazz. Aber auch Freunde anderer musikalischer Richtungen kommen im "Unterfahrt" auf ihren Geschmack: Flamenco, Tango und Blues. Anscheinend ein Erfolgsmodell, wie Christiane Böhnke-Geisse meint: "Es ist manchmal so, dass das Konzert ausverkauft ist, und ich kenne nur drei Personen im Publikum." Es sind also nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch andere Leute, die es ins "Unterfahrt" zieht. Zwei weitere Faktoren machen die Existenz des Münchner Clubs möglich: Zum einen die finanzielle Förderung durch die Stadt, zum anderen die fünf in München heimischen Jazz-Labels, die gerne mit dem "Unterfahrt" zusammenarbeiten - zum Beispiel für Auftritte ihrer Musiker.

Frischer Jazz im "Domicil"

Die aus Kuba stammende Saengerin Addys Mercedes, aufgenommen am 20.01.2013 bei einem Konzert im Jazzclub Domicil in Dortmund (Nordrhein-Westfalen). Links Tocher Lia (Violine), Bassist Cae Davis und rechts Gitarrist Pomez di Lorenzo. Foto: Bernd Thissen/dpa

Das "Domicil" in Dortmund

Seit 2005 residiert das 1969 gegründete Dortmunder "Domicil" mitten in der Innenstadt. Der Wechsel vom alten Standort in die etwas verrufenen Nordstadt tat dem Club augenscheinlich gut: Die neuen Räumlichkeiten befinden sich in einem liebevoll umgebauten alten Lichtspielhaus. "Wir konnten das Kino umbauen mit Hilfe des Landes NRW und der Stadt Dortmund", meint Waldo Riedl, Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH, die das "Domicil" im Auftrag des tragenden Vereins betreibt. Dessen über 200 Mitglieder leisten pro Jahr viele tausend ehrenamtliche Stunden für den Jazz - von der Kasse bis zur Künstlerbetreuung. Im Jahr gibt es rund 330 Veranstaltungen. Das "Domicil" wird von der Stadt gefördert.

Ein großer Saal für 500 und ein kleinerer für etwa 200 Gäste stehen für Konzerte zur Verfügung. "Wir haben eine gesunde Mischung: Von Stars, die wir aufgrund unserer Größe auch auf die Bühne bringen können, bis hin zu regionalen Nachwuchsleuten", so Waldo Riedl. Vor allem die Kooperation mit den regionalen Musikhochschulen hält er für immens wichtig - junge Talente können hier auftreten und den Jazz jung und frisch halten.

Einzelkämpfer im "A-Trane"

Bruno Leicht (im Bild rechts), Johannes Fink (im Bild links), Walter Gauchel, Michael Clifton im Jazzclub A-Trane, Berlin, Deutschland 28. Juni 2007 Bild: Jazzimage Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johannes-Fink_Bruno-Leicht.jpg

Jazzclub "A-Trane", Berlin

Im "A-Trane" im Berliner Stadtteil Charlottenburg hat nur ein Mann das Sagen. Sedal Sardan ist alleiniger Besitzer des Jazz-Clubs - und muss vieles selbst machen: "Natürlich habe ich dadurch weniger Privatleben, aber die Logistik ist perfekt eingespielt." Seit 1992 gibt es das "A-Trane", 1997 übernahm der ehemalige Basketball-Spieler Sardan das Geschäft. "Die Auslastung ist natürlich immer konzertabhängig, aber das Interesse steigt, je mehr sich der Club etabliert", meint der Geschäftsführer.

Auch unter Touristen erfreut sich der Club einiger Beliebtheit. Und unter den Künstlern findet sich so manche Größe des Jazz. Beispielsweise Herbie Hancock, der bereits in dem eher kleinen, dafür aber intimen Club in Berlin auftrat. Rund 100 Leute finden hier Platz. Die Gäste des "A-Trane" erwartet hier ein Angebot quer durch die Genres des Jazz, darunter bekannte Namen sowie auch Künstler, die erst noch berühmt werden wollen. Um die Zukunft des "A-Trane" macht sich der Besitzer Sedal Sardan keine Sorgen: "Das A-Trane ist ein Club, der sich der Zeit auch in hundert Jahren anpassen wird." Bislang gelingt das auch vollkommen ohne Förderung.

Deutschland - attraktiv für Jazz-Musiker aus aller Welt

Wie steht es also mit der Krise im Jazz? "Ich finde überhaupt nicht, dass der Jazz wegstirbt", meint Christiane Böhnke-Geisse. "Er verändert sich, und man darf meines Erachtens nicht den Fehler machen zu sagen: Das ist kein Jazz mehr." Junge Musiker probieren neue Stile aus und machen ihre Auffassung des Musikstils populär. Ein Beleg für die Vitalität der deutschen Szene ist auch ihre Beliebtheit im Ausland, wie in Amerika oder Osteuropa.

Berliner Jazz-Club-Betreiber Sedal Sardan vom A-Trane mit dem Jazz-Musiker Herbie Hancock Bild: A-Trane Berlin, zugeliefert von Marc von Lüpke

Sedal Sardan mit Jazz-Musiker Herbie Hancock

Dabei attestiert Sedal Sardan gerade dem osteuropäischen Raum großes Potenzial: "Die haben einiges aufzuholen, was sie verpasst haben in der letzten Zeit. Die haben jetzt natürlich Bock und geben richtig Gas. Da sehe ich eine unglaubliche Bewegung." Christiane Böhnke-Geisse meint, dass es für amerikanische Künstler mittlerweile schwerer geworden sei in Europa unterzukommen, weil sich hier derweil selbst eine starke eigenständige Szene entwickelt habe. Natürlich ein Grund mehr für Jazz-Musiker aus den USA, in Deutschland präsent zu sein.

Das "Unterfahrt", das "Domicil" und das "A-Trane" in Berlin leben von der Begeisterung ihrer Betreiber für den Jazz, sei es im Verein oder als Einzelkämpfer. Vor allem aber auch von der Lebendigkeit des Jazz, der sich immer wieder neu erfindet. Um den deutschen Jazz muss man sich anscheinend keine Sorgen machen.

Die Redaktion empfiehlt