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Kultur

Lang lebe das bedruckte Papier

Die New York Times wird immer dünner. Die Zeitungslandschaft immer karger. Immer weniger Menschen lesen Nachrichten auf Papier. Komisch, dass junge Kreative weltweit trotzdem munter immer neue Magazine basteln.

Screenshot der Website Gute-seiten.net

Ich möchte einfach nur in Ruhe lesen!

Im Briefkasten liegt ein schlichter brauner Umschlag aus der Schweiz oder den USA oder München. In diesem Umschlag liegt ein kleines Heft. Farbig ist es oder schwarz-weiß, zusammengeklebt, getackert oder geheftet. In diesem Heft sind Zeichnungen und Fotos und Illustrationen und Berichte und Manifeste und Fragmente, sehr viele Ideen sind hier und meistens auch sehr viel Liebe.

Wozu denn noch Papier

The Ride, Aufstieg und Fall, Le Gun oder Hoffnung heißen diese kleinen Hefte. Und eine Hoffnung sind die - von Enthusiasten meist in ihrer Freizeit gestalteten - unabhängigen Magazine wirklich. Hoffnung ist auch bitter nötig, zumindest wenn man einen Blick in die vom amerikanischen Project for Excellence in Journalism jährlich veröffentlichte Studie "State of the News Media" wirft.

Das Magazin Neue Probleme - auch in der Zinothek von Alain Bieber zu haben

Die Ergebnisse sind niederschmetternd. Die Umsätze der US-Tageszeitungen fallen, die Aktienkurse fallen noch schneller. Fast jeder fünfte Zeitungsjournalist hat seit 2001 seinen Job verloren. Zahlreiche Tageszeitungen sind pleite und im Jahr 2008 haben sich in den USA erstmals mehr Menschen im Internet als in der Tageszeitung informiert. In der Branche sieht mancher das Ende des bedruckten Papiers in Sicht. Wozu noch, wenn doch eh alles im Internet steht?

Die Zukunft der Nische

Komisch, dass ausgerechnet eine Internet-Theorie den Erfolg gedruckter Magazine in Klein- und Kleinstauflage erklärt. The Long Tail, englisch für "Der lange Schwanz", ist eine Theorie des US-amerikanischen Journalisten Chris Anderson. Sie besagt - in aller Kürze - dass ein Anbieter im Internet durch eine große Anzahl an Nischenprodukten Gewinn machen kann. Die Zukunft gehört offenbar der Nische.


Das Magazin Neue Probleme - auch in der Zinothek von Alain Bieber zu haben

Liebevolle Nischenmagazine findet man nicht am Bahnhofskiosk. Man muss sie im Internet suchen, in ausgewählten Buchhandlungen erfragen oder man abonniert sie bei Alain Bieber. Der Redakteur und Blogger aus Hamburg bietet seit einigen Monaten rund 60 ausgewählte Hefte aus aller Welt in seiner Zinothek feil. Die Idee ist einfach.

Gründe ein Magazin!


"Das ist so etwas wie der Lesezirkel 2.0. Es gibt ein Abo, das abonniert man und dann bekommt man monatlich ein beziehungsweise mehrere Hefte", sagt Bieber. Der Clou: Hat man die Hefte lange genug bestaunt, dann sendet man sie zurück. Und bekommt eine neue Fuhre. Hefte aus Rumänien und Neuseeland sind dabei, Kleinstauflagen von 50 Stück und Hefte die nur aus Aufklebern bestehen.

Das Magazin Neue Probleme - auch in der Zinothek von Alain Bieber zu haben


"Print ist das neue Vinyl", sagt Bieber und vergleicht die neue Heftkultur mit der nicht totzukriegenden Schallplatte: "Produkte für Liebhaber eben". Vielleicht sogar mehr als das. "Willst Du eine Party? Eine Revolution? Einen Putsch?", fragt der US-amerikanische Schriftsteller Dave Eggers in einem Artikel, um gleich darauf selbst eine Antwort zu geben: "Dann gründe ein Magazin!"

In der Badewanne

Natürlich könnte man auch im Internet ein Weblog vollschreiben. Aber ein Blog kann man nicht in die Hand nehmen, man kann es nicht knicken, nicht daran riechen, man kann es nicht ausschneiden, aufhängen und auch nicht mit in die Badewanne nehmen. So einfach ist das. Dave Eggers Magazin heißt übrigens: Timothy McSweeney´s Quarterly Concern. In der Zinothek von Bieber findet man es nicht. Es ist inzwischen viel zu erfolgreich.

Autor: Marcus Bösch

Redaktion: Elena Singer

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