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Asien

Landverschickung fürs Auto

In China brummt der Automarkt. Neben dem Markt für Neuwagen kommt nun auch das Geschäft mit Gebrauchtwagen in Fahrt – der nächste große Schritt für Chinas Automarkt, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Von Chinas Automarkt ist man große Zahlen gewohnt. Deshalb sprechen wir heute mal über eine verhältnismäßig kleine: 4,5 Millionen. So viele Gebrauchtwagen sollen laut Schätzungen im vergangenen Jahr den Besitzer gewechselt haben. Warum diese Zahl klein sein soll, wird erst klar, wenn man sie ins Verhältnis zu den fast 20 Millionen Neufahrzeugen setzt, die im gleichen Zeitraum zugelassenen wurden. Während in Deutschland und in den USA auf jeden Neuwagen vier verkaufte Gebrauchtwagen kommen, ist es im Reich der Mitte umgekehrt: Es werden viel mehr neue als alte Autos gekauft. Noch jedenfalls. Der Gebrauchtwagenmarkt nimmt nämlich gerade gewaltig Fahrt auf.

Schon in den letzten zwei Jahren haben sich die Verkäufe verdoppelt. Und Experten rechnen damit, dass sich der Markt bis Ende 2016 noch einmal verdoppelt. Woran das liegt? Die Erklärung ist eigentlich ganz einfach: Erst vor einem Jahrzehnt ist der chinesische Automarkt in Schwung gekommen. Damals teilten sich Fahrräder und Autos noch die breiten Straßen Pekings. Bald konnten sich aber immer mehr Familien ihr erstes eigenes Auto leisten. Und mittlerweile radeln nur noch sehr Mutige oder ganz Arme durch das Meer der 5,8 Millionen zugelassenen Fahrzeuge in der Stadt zur Arbeit. Viele der Erstkäufer auf dem chinesischen Markt sind nun soweit, dass sie sich für ein neues Modell interessieren. Auch weil es in den Großstädten immer strengere Umweltstandards gibt, denen die älteren Autos nicht mehr genügen.

Steigende Nachfrage jenseits der Metropolen

Gut möglich, dass in Peking in einigen Jahren nur noch Elektroautos zugelassen werden. Für Motorräder und Roller gilt diese Regel schließlich bereits. Aber eine große Nachfrage nach den Autos aus zweiter Hand gibt es trotzdem: Denn auch viele Menschen außerhalb der Megametropolen des Landes denken mittlerweile darüber nach, sich ein Auto zu kaufen. Für sie sind die abgelegten Kisten der Städter genau die richtige Preisklasse. Das Umweltproblem Chinas wird die Autolandverschickung allerdings nicht lösen. Dass nun aber ein riesiger Markt im Hinterland entsteht, ist unübersehbar: Steigende Nachfrage nach dem Statussymbol Nummer eins und höhere Einkommen in mittelgroßen Städten und auf dem Land führen dazu, dass auch Autohändler das große Geschäft wittern.

Neuwagenhändler – in China 4S-Geschäfte genannt (die vier englischen Begriffe für Verkauf, Service, Kundenbetreuung und Kundenbefragung) – orientieren sich mittlerweile auch immer mehr in Richtung Gebrauchtwagenhandel. Sie reagieren damit auf Probleme in ihrem Kerngeschäft, das zwar immer noch wächst, aber deutlich langsamer als noch vor einigen Jahren. Dass die professionellen Händler nun auch Gebrauchtwagen für sich entdeckt haben, ist gut für den jungen Markt. Denn die Erfahrung und Qualität der etablierten Autobauer bringen besseren Service in die bislang eher chaotische Gebrauchtwagenlandschaft.

Fehlendes Vertrauen bei Gebrauchtwagenkauf

Der Handel mit gebrauchten Autos litt und leidet noch immer unter dem Misstrauen zwischen Käufer und Verkäufer – jeder weiß, wie in China gefahren wird, und jeder weiß auch, dass Chinesen nicht die Besten darin sind, sich gut um ihr Auto zu kümmern. So glaubt also keiner dem Anderen, dass sein Auto wirklich unfallfrei ist, oder der Preis angemessen ist. Durch die Profis, die den Markt jetzt mit erschließen, geht es etwas weniger misstrauisch zu. Und Vertrauen ist auf einem Markt wichtig, wo es kaum Schnäppchen zu schießen gibt. Denn die Preise, die für gebrauchte Autos in China bezahlt werden, sind um einiges höher als beispielsweise in den USA oder Australien.

Knapp 10.000 US-Dollar gibt man in China im Schnitt für ein gebrauchtes Fahrzeug aus. Davon, dass sich das Wachstum beim Handel mit Gebrauchtwagen noch beschleunigt, sind auch ausländische Investoren überzeugt und fluten den chinesischen Gebrauchtwagenmarkt mit Millionen Investitionen. Selbst der größte Onlinehändler der Welt, Alibaba, der jüngst in New York den größten Börsengang aller Zeiten hingelegt hat, ist unter die Gebrauchtwagenhändler gegangen. Dem Börsenkurs wird das nutzen.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking