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Europa

Land der Selbstmörder

60.000 Menschen bringen sich in Russland jedes Jahr um. Die Suizidrate ist doppelt so hoch wie in westeuropäischen Ländern. Eine zentrale Rolle spielt der Alkohol – doch es gibt auch andere Gründe.

Winterlandschaft im Omsker Gebiet (Foto: Projekt Sibirien)

In den entlegenen Gebieten in Sibirien ist die Selbstmordrate besonders hoch

Ein zweistöckiges Gebäude in einem Wohnviertel am Stadtrand von Moskau. Im Wartezimmer der Klinik fließt Wasser in ein Aquarium. Ein einzelner Fisch verharrt antriebslos und starr auf dem Boden. Die Klinik ist auf Psychotherapie spezialisiert. Zwanzig Betten gibt es. Die Patienten werden ambulant oder stationär behandelt. Viele leiden an Depressionen, erzählt der Chefarzt und Leiter der Klinik, Vjacheslav Davydov. Weil sie mit den Folgen der Wende nicht klarkommen, sagt er. "Früher hatten wir Stabilität. Der Mensch wusste: Er schließt die Schule ab, hat einen bestimmten Weg vor sich, er wird Arbeit haben, Lohn, eine Wohnung. Und immer etwas zu essen." Heute ist es mit der Stabilität in Russland vorbei – und viele Menschen kommen mit den vielen kleinen und größeren Krisen einfach nicht klar. "Für uns ist jede Krise eine Katastrophe. Und natürlich wirkt sich das auf die psychische Gesundheit aus."

Alkohol statt Psychotherapie

Die Folge: Depressionen, Alkoholmissbrauch und – nicht selten – Selbstmord oder Selbstmordversuche. Denn in Russland gehen Menschen, die an Depressionen erkrankt sind, noch seltener als in anderen Ländern zum Therapeuten oder zum Arzt, sagt Vjacheslav Davydov, und wenn, dann erst, wenn sie womöglich bereits einen Suizidversuch hinter sich hätten. "Leider ist die Mentalität von uns Russen so, dass wir lieber zum Nachbarn gehen, uns dort ausweinen und uns hinterher besser fühlen. Das Eingeständnis, 'Ich bin psychisch krank', ist für die Leute ein Alptraum. Alle sagen: Wenn ich psychisch krank bin, gehöre ich in die Psychiatrie, und zwar ein Leben lang."

Mann trinkt Wodka (Foto: AP)

Die Unsicherheit treibt viele Russen in den Alkohol

Zudem gilt das russische Gesundheitssystem als korrupt. Auch das schreckt die Menschen ab. Nach Angaben des russischen Statistikamtes bringen sich jedes Jahr 36 von 100.000 Menschen in Russland um. Etwa doppelt so viele wie in Westeuropa. Dabei sind noch nicht einmal jene Selbstmörder inbegriffen, die sich zum Beispiel aus dem Fenster stürzen oder vor einen Zug werfen. Sie gelten in Russland statistisch als Unfallopfer. Gleichfalls nicht mitgezählt werden die vielen Alkoholtoten.

Besonders gefährdet: Jugendliche

Besonders hoch ist die Suizidrate unter russischen Jugendlichen. Offiziellen Angaben zufolge unternimmt jeder zwölfte russische Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren einen Selbstmordversuch. Mehr sind es nirgendwo auf der Welt. Während die Suizidrate in den westrussischen Metropolen, in Moskau und Petersburg, in etwa auf europäischem Niveau liegt, ist sie in den entlegenen Gebieten Russlands besonders hoch, am Polarkreis zum Beispiel. Der Regierung sind diese Zahlen bekannt. So sagte die Gesundheitsministerin Tatjana Golikova Ende 2008 in ihrem Jahresbericht: "Unter den Todesursachen stehen Herz- und Gefäßkrankheiten an erster Stelle, ebenso wie Erkrankungen der Atemwege. Hoch ist aber auch die Zahl der Verkehrsunfälle, der Selbstmorde und Alkoholvergiftungen."

Selbsthilfegruppen: Fehlanzeige

Andere Länder, zum Beispiel Finnland, haben bereits vor Jahren staatliche Strategien zur Suizidprävention entwickelt. Dort wird verstärkt über Suizid und Suizidgefährdung aufgeklärt, der Zugang zu psychosozialer Hilfe wurde erleichtert. In Russland aber gibt es nicht mal in allen Städten Telefonhotlines für Menschen mit Depressionen. Die Kranken wissen oft nicht, an wen sie sich wenden können. Wer im Internet nach dem russischen Äquivalent einer "Selbsthilfegruppe" sucht, stößt lediglich auf das russischsprachige Angebot einer Initiative in Deutschland. Ob und was die Regierung unternehmen will, um Selbstmorde zu verhindern, dazu erteilt das russische Gesundheitsministerium keine Auskunft. Die Ministerin stellte im November dieses Jahres fest, die Zahl der Selbstmorde sei leicht gesunken – trotz der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise.

Der Psychiater Vjacheslav Davydov fordert, die Gesundheitsfürsorge in Russland wieder zu verbessern. Denn dann könnte man Depressionen in einem früheren Stadium erkennen und behandeln, medikamentös oder mittels einer Therapie. "Zu Sowjetzeiten wurde der Prophylaxe sehr viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Die Ärzte gingen in die Kindergärten. In den Schulen gab es spezielle Fürsorgetage, an denen gingen alle Klassen gemeinsam in die Polyklinik." Jeder musste jedes Jahr hin. Zu allen Ärzten. Auch zum Psychiater. Gab es irgendwelche Auffälligkeiten, konnte der Psychiater sie in einem frühen Stadium korrigieren.

Schlecht ausgebildete Ärzte

Davydov nennt noch ein Problem: Die russischen Ärzte seien zu schlecht ausgebildet. Wenn ihre Patienten selbstmordgefährdet seien, würden sie das unter Umständen gar nicht erkennen. "Von den Absolventen sind vielleicht zehn Prozent wirklich qualifiziert. Und die Ärzte und Professoren, die Wissen vermitteln und weitergeben könnten, sind alt und unterrichten nicht mehr."

Davydov selbst hat zwölf Jahre im Ausland gearbeitet, in Polen und in den USA. Seine Klinik in Moskau ist eine Privatklinik, der Aufenthalt dort kostet umgerechnet 200 Euro am Tag. Das können sich nur wenige Patienten leisten.

Autorin: Gesine Dornblüth

Redaktion: Manfred Götzke