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Sport

Lance Armstrong – Der Getriebene

Er hat den Krebs besiegt, sieben Mal die Tour gewonnen und war ein großer Sportheld. Doch hinter der Maske des Ausnahmeathleten verbarg sich stets ein verbissener Charakter, der alles tat, um der Beste zu sein.

Es gibt wohl nichts, was Lance Armstrong so sehr hasst wie Verlieren. Jahrelang beherrschte der US-Amerikaner den Profi-Radsport. Er sammelte Titel wie sonst kaum jemand – allein sieben Mal und damit öfter als jeder andere gewann er die Tour de France, das härteste und bedeutendste Radrennen der Welt. Durch seine Krankheitsgeschichte und seine Erfolge stieg Armstrong zum Sporthelden auf, zum Popstar und zum Symbol dafür, dass man alles erreichen kann, wenn man nur will. Doch so hoch er stieg, so tief war auch der Fall, als zur Gewissheit wurde, was im Grunde schon lange kein Geheimnis mehr war. Im vergangenen Jahr überführte ihn die US-Anti-Doping-Agentur USADA mithilfe der Aussagen von 26 Zeugen, darunter 15 ehemalige Radprofis, des Dopings – nun hat er es im Gespräch mit US-Star-Talkmasterin Oprah Winfrey erstmals auch persönlich eingestanden.

Von diesem Schritt war Armstrong jahrelang weit entfernt. Bis zuletzt hatte der Texaner Doping vehement geleugnet. "Ich habe niemals gedopt", ließ er noch im August 2012 als Antwort auf die Vorwürfe der USADA verlauten. Stets teilte der Texaner seine Welt in Unterstützer und Feinde ein. Wer nicht für ihn war, war gegen ihn und musste bekämpft werden. Mit Klageandrohungen durch seine Anwälte, durch öffentliche Aussagen oder durch Warnungen im persönlichen Gespräch. Jahrelang beherrschte Armstrong auf diese Weise sein Team im Kleinen und den gesamten Radsport im Großen. Er war ein Diktator und Tyrann, der auch vor drastischen Methoden nicht zurückschreckte.

Tyler Hamilton bei einer Pressekonferenz (Foto: Monice M. Davey/dpa)

Tyler Hamilton - geständiger Doper und Kronzeuge im Fall Armstrong

"Ich habe Schlafstörungen und Albträume und es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an Lance denke", sagte Tyler Hamilton, einer der USADA-Kronzeugen nachdem er in seinem Buch The Secret Race über die Dopingpraktiken seines Team-Kollegen Armstrong geschrieben hatte. "Seine Anwälte haben meine Anwälte kontaktiert und kostenlosen juristischen Schutz angeboten. Ich habe abgelehnt. Wenig später stand dauernd ein fremder Wagen vor meinem Haus mit zwei Männern drin. Meine Frau und ich wurden verfolgt, das Telefon funktionierte nicht mehr richtig, mein E-Mail-Postfach wurde gehackt."

Seelische Verletzungen

Um zu verstehen, warum Lance Armstrong so werden konnte, wie er ist, muss man sich die Kindheit und Jugend des einst größten Radsportlers aller Zeiten anschauen. 1971 als Lance Edward Gunderson geboren wuchs er in Plano, einem Vorort von Dallas, in einfachen Verhältnissen auf. Zwei Jahre nach seiner Geburt verließ der Vater die Familie – Armstrong hat ihn bis heute nicht wieder gesehen. Seine Mutter heiratete erneut, doch Terry Armstrong, der Stiefvater, von dem Lance Armstrong seinen heutigen Nachnamen erhielt, hatte nicht viel übrig für den kleinen Jungen. Anerkennung, Zuneigung und Nestwärme gab es nicht, stattdessen waren Schläge an der Tagesordnung.

Jubelnd reißt der Amerikaner Lance Armstrong am 29.08.1993 im Ziel der Straßen-Weltmeisterschaft der Profis in Oslo die Arme vom Lenker (Foto: dpa)

Erster großer Erfolg - Armstrong gewinnt 1993 in Oslo die Straßen-Weltmeisterschaft

Die seelischen Verletzungen, die Lance Armstrong damals erlitten hat, haben viel mit seiner späteren Persönlichkeit zu tun. Verbissen darum kämpfend, stets der Beste zu sein, um sich und der Welt zu beweisen, dass er sehr wohl etwas wert ist und nicht der nichtsnutzige Loser, als den sein Stiefvater ihn betrachtet, flüchtet er sich schon in jungen Jahren in den Ausdauersport. Als 13-Jähriger tritt Lance Armstrong zum ersten Mal bei einem Triathlon an. Sein erstes Radrennen bestreitet er als 16-Jähriger und legt damit den Grundstein zu einer erfolgreichen Karriere. 1991 wird er US-Straßenmeister, fährt bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona auf Rang 14 und wird schließlich 1993 in Oslo kurz nach seinem Debüt als Profi mit nur 21 Jahren jüngster Weltmeister der Radsport-Geschichte. 1995 holt er bei der Tour de France seinen ersten Etappensieg.

Zweifelhafte Helfer

Im Oktober 1996 folgt der Schock: Bei Armstrong wird Hodenkrebs diagnostiziert mit Metastasen im Gehirn und in der Lunge. Seine Überlebenschancen sind gering, dennoch kämpft er sich nach der Heilung wieder in den Sattel und feiert mit seinem ersten Tour-Sieg 1999 ein sensationelles Comeback. Allerdings verfolgen ihn schon damals Doping-Verdächtigungen, denen er sofort vehement – und die kommenden 13 Jahre immer wieder – entgegentritt. Heute weiß man, dass das Doping-System, das ihm zwischen 1999 und 2005 sieben Tour-Siege in Serie beschert, viel ausgeklügelter war, als viele Experten damals vermuteten. In Zusammenarbeit mit dem italienischen Arzt Michele Ferrari, der in seiner Heimat Berufsverbot hat, nahm Armstrong laut USADA-Akte EPO, Kortison, Testosteron, das Wachstumshormon HGH und dopte mit Eigenblut.

US-Radprofi Lace Armstrong (r) vom Team Discovery Channel stößt mit dem damaligen Sport-Direktor des Team, Johan Bruyneel, auf den Sieg bei der 92. Tour de France an (Foto: Gero Breloer/dpa)

Jahrelang war Johan Bruyneel (l.) Armstrongs Teamchef und enger Vertrauter

Und auch bei seinen Team-Kollegen hat Armstrong die Einnahme von Dopingmitteln nicht nur gefördert, sondern sogar gefordert. So berichtet etwa David Zabriskie, ein ehemaliger Team-Kollege Armstrongs, wie er von ihrem gemeinsamen Teamchef Johan Bruyneel dazu überredet wurde, EPO zu nehmen. Bruyneel war neben Ferrari ein weiterer entscheidender Faktor im System. Der Belgier arbeitete lange Jahre mit Armstrong zusammen und war stets bestens über anstehende Dopingtests informiert. Hilfreich war für Armstrong aber auch das enge Verhältnis zu Hein Verbruggen, dem damaligen Präsidenten des Radsport-Weltverbandes UCI. Mehr als einmal soll der Weltverband schützend seine hand über Armstrong gehalten und – teilweise nach großzügigen Spenden Armstrongs – positive Befunde verschwinden lassen haben.

"Lance leidet fürchterlich"

Und von denen gab es mehrere in der Karriere des Lance Armstrong. Doch den focht das nicht an. Stets verwies er darauf, mehr als 500 Dopingproben überstanden zu haben, ohne einen einzigen positiven Test. "An alle Zyniker und Skeptiker: Ihr tut mir leid", sagte er nach seinem siebten Tour-Sieg im Jahr 2005. "Mir tut leid, dass ihr nicht groß träumen könnt. Es tut mir leid, dass ihr nicht an Wunder glaubt. Aber es gibt hier keine Geheimnisse. Das ist ein hartes Rennen und harte Arbeit setzt sich durch."

Damals wurde er für seine Worte bejubelt, heute hat mit dem gefallenen Radsport-Helden kaum noch jemand Mitleid. Selbst die treuesten Fans haben sich abgewandt, Armstrongs Krebs-Stiftung "Livestrong" hat sich von ihm distanziert. Das Ansehen der einstigen Lichtgestalt Lance Armstrong ist zerstört. Er gilt als der größte Sport-Betrüger aller Zeiten und muss sich Anerkennung und Respekt mühsam wieder verdienen. Sein Auftritt bei Oprah Winfrey kann als erster Schritt gedeutet werden, sein lädiertes Image wieder herzustellen. "Ich glaube, er leidet fürchterlich", sagt Tyler Hamilton über den ehemaligen Team-Kollegen und Freund. "Lance ist ein sehr stolzer Mensch, er glaubte, wie Atlas die Weltkugel auf seinem Rücken tragen zu können. Und nun ist alles weg, der Ruhm, die Ehre. Es wird Lance zerreißen, dass er kein Held mehr ist."

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