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Afrika

Lampedusa ist auch in Hamburg

Die jüngsten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer haben die Debatte um die europäische Asylpolitik neu entfacht. Auch in Hamburg ist das Thema aktuell. Eine Gruppe von Flüchtlingen kämpft dort um ihr Bleiberecht.

Asuquo Udo sitzt auf einer Bank im Hof der St. Pauli Kirche in Hamburg und erzählt die Geschichte seiner Flucht. Ursprünglich stammt Udo aus Nigeria. Doch acht Jahre lang lebte er als Gastarbeiter in Libyen. Als dort 2011 der Bürgerkrieg ausbrach und er plötzlich zwischen allen Fronten stand, sah er sich zur Flucht gezwungen.

Mit vielen anderen Flüchtlingen machte sich Udo in einem kleinen Boot auf den Weg in Richtung Europa. "Die Überfahrt über das Mittelmeer war das größte Risiko, das ich in meinem Leben eingegangen bin", erzählt Udo. "Über Stunden wusste ich nicht, was in der nächsten Minute passieren würde. Doch mit Gottes Hilfe habe ich überlebt."

Asuquo Udo vor der Hamburger St. Pauli Kirche (Foto: DW/Julian Bohne)

Asuquo Udo hofft auf ein Bleiberecht in Hamburg

"Keine Perspektive"

Wie tausende andere vor ihm erreichte Udo die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa. Von dort führte sein Weg zunächst durch verschiedene Auffanglager. Die dortigen Zustände hat er als katastrophal in Erinnerung: "Die Leute haben auf der Straße gebettelt, es gab Prostitution und Drogen. Auf die Flüchtlinge hat sich dieses Umfeld sehr negativ ausgewirkt. Es gab nichts zu tun, keine Perspektive. Es war furchtbar."

Als die Krise in Libyen Anfang 2013 als beendet galt, war das ein Signal für die italienischen Behörden. Sie schlossen das Auffanglager für Flüchtlinge aus Nordafrika, in dem auch Udo untergebracht war. Er bekam gültige Reisepapiere für Europa und 500 Euro und wurde sich selbst überlassen. Im März erreichte Udo Hamburg. Und er war nicht der einzige. Außer ihm kamen noch etwa 300 weitere Flüchtlinge in die Hansestadt. Sie stammen aus Ländern wie Ghana, Togo oder der Elfenbeinküste, und sie alle haben ein ähnliches Schicksal hinter sich wie Udo.

Die Behörden bleiben hart

Eine Zeit lang lebten die Männer auf der Straße. Nach und nach fanden sie bei verschiedenen Einrichtungen Unterschlupf, 80 der Männer wohnen seitdem in der Hamburger St. Pauli Kirche. Sie wünschen sich vor allem ein Ende der Ungewissheit und wollen in Deutschland bleiben. Unter dem Namen "Lampedusa in Hamburg" fordert die Gruppe deshalb eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für jedes ihrer 300 Mitglieder.

Doch darauf wollen die Hamburger Behörden nicht einfach so eingehen. Seit einem halben Jahr fordere sein Senat die Gruppe auf, sich zu registrieren, sagt SPD-Innensenator Michael Neumann: "Sie haben das bisher verweigert, was ich außerordentlich bedaure. Ich lade alle ein, ihren Namen und ihre Fluchtgeschichte zu schildern." Nur auf diesem Wege, so Neumann, ließe sich eine Lösung für die Flüchtlinge finden.

Afrikanische Flüchtlinge sitzen in dem Zelt und sammeln Unterschriften (Foto: Kathrin Erdmann)

Auf der Suche nach Unterstützung: Obdachlose Flüchtlinge aus Afrika in Hamburg

"Die Flüchtlinge kommen nicht zur Ruhe"

Die europäische Dublin-II-Verordnung schreibt vor, dass Flüchtlinge Asyl nur in dem Land beantragen können, in dem sie zuerst europäischen Boden betreten haben. Die Mitglieder der Lampedusa-Gruppe befürchten deshalb, dass sie wieder nach Italien zurückgeschickt werden, wenn sie sich namentlich melden.

Die Behörden vermuten jedoch, dass die italienischen Reisedokumente der Männer abgelaufen sind und dass sie sich nun illegal in Deutschland aufhalten. Seit der vergangenen Woche kontrolliert die Polizei deshalb verstärkt Männer, die zu der Gruppe gehören könnten. Für viele der Flüchtlinge, so Udo, ist das traumatisch: "Sie kommen nicht zur Ruhe. Sie haben den Krieg in Libyen überlebt, sie haben die Überfahrt über das Mittelmeer überlebt, und sie haben die Flüchtlingslager in Italien überlebt – nur um hier nun wieder das Gleiche zu erleben."

Hilfe von der Kirche

Etwa 80 Mitglieder der Gruppe haben in der St.-Pauli-Kirche in unmittelbarer Nähe des Hamburger Hafens Unterschlupf gefunden. Wegen der Kontrollen verbringen sie die meiste Zeit auf dem Kirchhof. Hier sind sie vor dem Zugriff der Polizei sicher. Außerhalb können sie sich jedoch nicht mehr frei bewegen.

Diakonin Constanze Funck vor der Hamburger St. Pauli Kirche (Foto: DW/ Julian Bohne)

Diakonin Funck: "Es muss sich aus menschlicher Perspektive einiges ändern."

Für Constanze Funck ist das Schicksal der Gruppe vor allem ein Beleg dafür, dass die europäische Flüchtlingspolitik nicht menschenwürdig ist. Die Diakonin der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland arbeitet als Koordinatorin für die Lampedusa-Gruppe. Die EU-Außengrenzen seien stark überlastet, und es sei Zeit, die europäische Flüchtlingspolitik neu zu überdenken: "Es wäre eine Politik in ganz Europa angebracht, die Flüchtlinge besser aufnimmt. Das wäre wirklich ein großes Ziel, wenn sich da aus menschlicher Perspektive einiges verändern würde."

Festgefahrene Situation

Derzeit scheint die Situation festgefahren. Weder die Flüchtlinge noch der Senat weichen von ihrer jeweiligen Position ab. Die Kirche plant, ihre Hilfe für die Lampedusa-Gruppe zunächst unverändert fortzuführen. Zusätzliche Unterstützung erfahren die Flüchtlinge von Gewerkschaften und Hilfsorganisationen. Und auch viele Bürger aus allen Schichten der Gesellschaft packen mit an oder bringen Sachspenden. Vor allem warme Schuhe und dicke Kleidung werden jetzt gebraucht. Der Winter ist nahe, und viele glauben, dass sich an der Situation vorerst nichts ändern wird.

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