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Deutschland

Lambsdorffs Abschied: Von Menschen und Märkten

Otto Graf Lambsdorff hat sich mit einer international hochkarätigen Konferenz über Menschenrechte als Vorsitzender der Naumann-Stiftung verabschiedet. Im Vorfeld sorgte ein Gastredner für Unmut: Henry Kissinger.

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Konferenz zum Abschied: Otto Graf Lambsdorff

Wer denn bitte "auf die peinliche Idee gekommen" sei, Kissinger zum Thema Menschenrechte sprechen zu lassen, schrieb der Alt-Liberale Gerhard Baum Mitte April in einem Brief an die Friedrich-Naumann-Stiftung. Kissinger und Menschenrechte? Der ehemalige US-Außenminister ist zwar Friedensnobelpreisträger von 1973, seinen Gegnern gilt er aber als die Schlüsselfigur zynischer amerikanischer Außenpolitik. Sie werfen ihm die Verantwortung für den erbarmungslosen Bombenkrieg in Vietnam vor, die Unterstützung für den Staatsstreich General Pinochets in Chile und die Förderung des Militärputschs in Argentinien. Baum äußerte "völliges Unverständnis" für die Einladung. Kissinger sei "zweifellos ein interessanter Mann" gewesen, "aber zum Thema Menschenrechte kann ich es gut entbehren, ihm zuhören zu müssen". Auch der ehemalige Bundestagspräsident Burkhard Hirsch sagte seine Teilnahme ab.

Soviel Unmut gibt es selten vor einem Anlass wie diesem: Schließlich sollte ja am Montag (15.5.2006) im Berliner Reichstag mit einer Konferenz im feierlichen Rahmen Lambsdorff als Vorsitzender der Naumann-Stiftung verabschiedet werden. Doch Lambsdorff ist selbst eine streitbare Figur. Der 80-Jährige war in seinen sieben Jahren als Wirtschaftsminister konsequenter Befürworter einer liberalen Marktpolitik. 1984 trat er im Zuge der Flick-Affäre zurück und wurde anschließend wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe verurteilt. Fünf Jahre war Lambsdorff FDP-Vorsitzender. Seit 1993 ist er Ehrenvorsitzender der Partei. Mehr als ein Jahrzehnt war er schließlich Vorsitzender der Naumann-Stiftung. Am 1. Mai diesen Jahres löste ihn schließlich ein anderer ehemaliger Vorsitzender der FDP ab: Wolfgang Gerhardt.

Applaus für den schwierigen Gast

Von den Querelen im Vorfeld war auf der Veranstaltung selbst aber wenig zu spüren. Der umstrittene Gast aus Amerika wurde mit warmem Applaus begrüßt. Baum und Hirsch waren zwar wie angekündigt nicht gekommen, der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle ließ sich aber das Erscheinen ebenso wenig nehmen wie fast alle, die bei den Liberalen Amt und Namen haben oder hatten: Von Walter Scheel bis Hans-Dietrich Genscher zu Klaus Kinkel und Rainer Brüderle.

Sie alle hörten nicht nur liebe Worte über den scheidenden "Marktgraf", wie Lambsdorff einst von Herbert Wehner tituliert worden war. Über "Marktwirtschaft und Menschenrechte im Spannungsfeld von Wirtschafts- und Außenpolitik" wurde auf dem international hochkarätig besetzten Podium gesprochen - wenn auch selten kontrovers. Das Credo des Zusammenhangs von Marktöffnung und Menschenrechten eint die Liberalen von Kissinger bis zum Präsidenten der europäischen Liberalen, Lord Alderdice und dem ehemaligen niederländischen EU-Kommentar Frits Bolkestein.

"Geistesverwandt mit faschistoiden Strömungen"

Die Globalisierung ist demnach der Königsweg zu den Menschenrechten weltweit– und entsprechend harsch waren die Töne gegenüber Globalisierungskritikern. Lambsdorff meinte in seinem Vortrag etwa, die Sympathien deutscher Globalisierungsgegner für den venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez zeigten, wie "geistesverwandt die Linke mit recht eindeutig faschistischen Strömungen sein kann". Bolkestein kritisierte vehement globalisierungskritischen "Nonsens" bei Amnesty International. Lambsdorff wollte da nicht nachstehen: "Amnesty International, die ich hoch schätze, liegen völlig falsch, wenn sie meinen, die Globalisierung führe zur Missachtung von Menschenrechten und mache die Ärmsten immer ärmer", sagte Lambsdorff. "Genau das Gegenteil ist der Fall."

Der inzwischen 82-jährige Kissinger lieferte hingegen wenig Zündstof. Er sprach - ganz Elder Statesman - von den Gegensätzen zwischen Idealismus und Realismus, Philosophen und Politikern, Werten und Macht.

"Leider nicht der Fall"

Dass die Welt wirtschaftlich von der globalen Marktöffnung profitiert habe, daran hatte unter den Teilnehmern niemand Zweifel. Mit dem Zustand der Menschenrechte sieht das schon anders aus. "Ich hielte es für mutig, zu sagen, es habe sich verbessert. Ich fürchte, dass dies leider nicht der Fall ist", meinte Lambsdorff. "Auch im Fall des Irak-Kriegs sind Menschenrechtsverletzungen vorgekommen. Man muss deswegen nicht gegen den Irak-Krieg sein, doch die Menschenrechtsverletzungen sind völlig unakzeptabel."

Beim abschließenden Empfang für mehr als 1000 geladene Gäste unter der Reichstagskuppel waren schließlich alle Kontroversen vergessen. Die liberale Familie feierte sich und ihren knorrigen Ehrenvorsitzenden, der wohl auch im Ruhestand keine Ruhe geben wird. "Ich weiß, dass Otto sich von seinem Amt als Vorsitzender der Naumann-Stiftung zurückgezogen hat", meinte Kissinger in seiner Laudatio. "Ich weiß aber auch, dass er sich von seinen Aufgaben nie zurückziehen kann und dass, wenn wir nicht unsere Werte voll erfüllen, etwas von Otto zu hören bekommen."

Hier dürfte Kissinger Recht haben. Lambsdorff wollte es jedenfalls nicht ausschließen, sich auch künftig einzumischen. "Da warten wir mal ab. Es werden sich schon noch Möglichkeiten finden. Danke."

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