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Asien

Lage in Nepal: "Alles wird politisiert, selbst die Hilfe"

Sechs Tage ist es her, dass in Nepal die Erde bebte. Die Hauptstadt Kathmandu versank im totalen Chaos. Doch wie ist inzwischen die Situation? George Varughese von der Asia Foundation im Gespräch mit der DW.

DW: Herr Varughese, wie haben Sie persönlich die vergangenen Tage in Kathmandu erlebt?

George Varughese: Sechs Tage nach dem Erdbeben bin ich natürlich erschöpft. Doch ich beobachte auch, dass Kathmandu zur Normalität zurückkehrt, wenn es um Elektrizität- oder Wasserversorgung geht. Die Hauptsorge gilt den Verschütteten.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich die Situation hier beruhigt, trotz immer wiederkehrender kleiner Nachbeben, die die Gebäude zum Wackeln bringen. Das löst keine Panik aus. Das wird auch in den kommenden Monaten immer wieder vorkommen. Jetzt gehen wir langsam dazu über, auf die umliegenden Gebiete von Kathmandu zu schauen. Da könnten sich die schlimmsten Befürchtungen erst nach und nach bestätigen.

Wie sieht die humanitäre Situation in Nepal inzwischen aus?

Noch vor einigen Tagen war ich der Meinung, dass die Regierung nicht schnell genug ist mit ihrer Hilfe, dass die Hilfskräfte gar nicht durchkommen. Das hat sich inzwischen geändert: Die humanitäre Situation ist deutlich besser als noch vor etwa drei Tagen.

Das Problem ist bloß, dass das Zeitfenster für eine erfolgreiche Rettung nach einem Erdbeben extrem klein ist, nämlich zwei bis drei Tage. Und die sind verstrichen, weil die Regierung nicht funktioniert hat. Es herrschte Chaos und ein komplettes Kommunikationsdesaster. Inzwischen wendet sich die Regierung an die Öffentlichkeit und macht ihre Sache besser.

Glauben Sie denn, dass noch Überlebende gefunden werden können?

Absolut, und das ist das Erstaunliche. Erst am Donnerstag wurden wieder drei oder vier Verschüttete gerettet. Wobei auch hier die Regierung einen ziemlich merkwürdigen Kurs fährt. Gestern wurden diejenigen, die nach Verschütteten suchen, aufgefordert, nachhause zu gehen. Und dass sie auch sonst keine fremde Hilfe bräuchten, um Leute zu retten. Da wird klar, dass dort Leute sitzen, die keine Ahnung von Rettungsmaßnahmen haben. Dabei gibt es doch Beispiele, dass Menschen sogar zwei oder drei Wochen lang unter Trümmern überlebt haben, wenn sie irgendwie Zugang zu Wasser und etwas Essbarem hatten. Ich bin also noch voller Hoffnung, auch wenn ich damit rechne, dass wir in der Umgebung von Kathmandu noch viele weitere Tote finden werden.

Die Unzufriedenheit mit der Regierung hat sich in den vergangenen Tagen schon Bahn gebrochen. Es gab auch Proteste. Beobachten Sie das weiterhin?

Dass es Proteste gab, hat mich nicht überrascht. Das waren vor allem junge Leute, die empört waren, dass sich niemand von der Regierung hat blicken lassen. Die saßen alle in irgendwelchen Konferenzen und haben Deklarationen verfasst.

Die stärksten Proteste haben wir am Dienstag und Mittwoch (28./29.04.2015) gesehen. Am Donnerstag schlossen sich dann Teile der Opposition dem Protest an. Damit wollten sie sich gegen die Regierung stellen. Ein nicht besonders effektiver Protest, denn meiner Meinung nach sind diese Leute ähnlich unfähig wie die, die in der Regierung sitzen. Trotzdem zeigt das Ganze, wie sehr sogar die humanitäre Hilfe politisiert wird.

George Varughese ist der Vertreter der Nichtregierungsorganisation "Asia Foundation" in Nepal. Er ist Experte für Regierungsführung und Politik in Nepal und Afghanistan.

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