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Deutschland

Lütz: "Leider setzen sich Familien an Weihnachten unter Druck"

Friedlich und harmonisch soll es in den Familien an Weihnachten zugehen. Doch ausgerechnet zum Fest der Liebe hängt der Haussegen oft schief. Psychiater Manfred Lütz verrät im DW-Interview, wie sich das vermeiden lässt.

DW: Wie viel Familie verträgt die Familie an Weihnachten?

Manfred Lütz: Ich finde dieses Familienweihnachten inzwischen problematisch. Ursprünglich war das Fest aus christlicher Sicht auch anders gedacht. In Thüringen ist es zum Beispiel üblich, dass man abends beim Weihnachtsessen immer einen Platz freihält, weil Jesus kommen könnte. Und deswegen müssten wir Christen eigentlich unsere Traditionen ändern und Menschen einladen, die einsam sind, die in Not sind und die am Rand leben, wie Papst Franziskus sagt. Und dadurch könnten wir das Weihnachtsfest wieder mehr verchristlichen

Warum birgt das enge Familienleben Sprengstoff?

Leider setzen sich Familien an Weihnachten unter Druck, einem bestimmten Familienideal zu entsprechen, das in der Realität gar nicht erreicht werden kann. Sie geben vor, alles gemeinsam zu haben, sich alle zu lieben und dann stellen sie fest, das ihr Familienleben gar nicht so süßlich und nostalgisch ist wie es früher einmal war. In der Psychiatrie erleben wir nach Weihnachten oft die Ergebnisse davon. Manche Leute sind anschließend tief erschüttert, weil die Festtage doch nicht so ideal waren, wie sie gedacht haben. Auch deswegen ist es gut, an Weihnachten andere Menschen zu sich nach Hause einzuladen: Einsame, Asylbewerber etc. Dazu muss zwar eine gewisse Schwelle überwunden werden, von beiden Seiten übrigens, aber mit fremden Menschen am Tisch benimmt sich die Familie plötzlich ganz anders und geht lockerer miteinander um. Vor allen Dingen wird nicht ständig in dieser Familiensoße gerührt.

Haben Sie noch einen anderen Tipp, wie der Weihnachtsfrieden möglichst lange anhält?

Ich plädiere dafür, die Chance zu ergreifen, an Weihnachten einmal das Gute am jeweils anderen in der Familie zu sehen und nicht immer nur die Defizite. Paul Watzlawick hat über diesen Themenkomplex ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Vom Guten des Schlechten". Natürlich gibt es Familienmitglieder, die man gar nicht mag. Aber es kann spannend sein, wenn man sich mal fragt: was ist denn das Gute daran, dass es den gibt? Manchmal gibt es zum Beispiel so ein Familienekel, das alle schrecklich finden. Aber das Gute an dem Familienekel ist, dass sich die Familie besonders dann einig fühlt, wenn über das Ekel getratscht wird, d.h. das Ekel ist sozusagen familienstabilisierend. Und mein Vorschlag wäre, dass man einem solchen Ekel an Weihnachten einfach einmal dafür danken sollte, dass man immer jemanden hat, gegen den man sich als Gemeinschaft fühlen kann.

Manfred Lütz ist Theologe, Psychiater und Buchautor. Er publizierte zahlreiche Bestseller, darunter 2007 "Gott – Eine kleine Geschichte des Größten". Dafür erhielt er den internationalen Literaturpreis Corine. Mit "Irre! Wir behandeln die Falschen, unser Problem sind die Normalen" führte er 2009 wochenlang die Bestsellerlisten an. Seit 1997 ist Manfred Lütz Chefarzt des Alexianer Krankenhauses in Köln.

Das interview führte Anja Fähnle

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