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Welt

Lüders: "Zwiespältiges Saudi-Arabien"

Rund 30.000 Soldaten wurden von Saudi-Arabien an die irakische Grenze verlegt. Damit verfolgt der Staat eine höchst widersprüchliche Strategie, sagt Nahost-Experte Michael Lüders im DW-Gespräch.

DW: Am Donnerstagvormittag (03.07.2014) verdichteten sich die Meldungen, dass Saudi-Arabien Truppen an die irakische Grenze verlegt hat. Für wie glaubwürdig halten Sie die Medienberichte über die Verlegung der rund 30.000 Soldaten?

Michael Lüders: Das scheint schon erwiesen zu sein. Denn auch über Satellit konnte man diese doch recht große Truppenbewegung verfolgen.

Was bedeutet diese Stationierung denn eigentlich?

Die saudische Regierung will sich damit vor den Ereignissen im Irak schützen. Sie hat insbesondere die Sorge, dass radikale Kämpfer der ISIS vom Irak aus Richtung Saudi-Arabien vordringen könnten. Es ist also eine präventive Maßnahme mit dem Ziel, die eigene Grenze vor Übergriffen zu schützen.

Wie wahrscheinlich wäre es denn gewesen, dass ISIS-Kämpfer noch weiter vorrücken?

Darüber kann man nur spekulieren. Im Augenblick haben sie damit zu tun, im Irak und in Syrien ihren Einfluss auszudehnen. Aber dass man sich in Saudi-Arabien bedroht fühlt, das ist schon nachvollziehbar - denn der radikale Fundamentalismus der ISIS-Kämpfer könnte sich durchaus auch eines Tages gegen das System in Saudi-Arabien wenden. So wie auch Osama bin Laden sich gegen Saudi-Arabien gewendet hat.

Jetzt waren ja an der Grenze Soldaten stationiert, warum hat das denn nicht ausgereicht?

Es gibt unterschiedliche Meldungen darüber, was mit diesen Soldaten geschehen ist. Angeblich sollen diese irakischen Soldaten von der Regierung in Bagdad zurück beordert worden sein. Der Hintergrund könnte sein, dass der schiitische irakische Premierminister Maliki den Konflikt in seinem Land zu internationalisieren versucht. Denn in dem Moment, wo saudische Truppen im großen Umfang an die irakische Grenze vorrücken, wird der Konflikt zunehmend von der internationalen Politik beobachtet.

Und die Botschaft des Premierministers Maliki ist ganz offenbar: Es wird euch nicht gelingen, mich unter Druck zu setzen. Es gibt ja Hinweise darauf, dass die USA den Rücktritt des Schiiten Maliki wollten. Auch die Sunniten fordern das. Nun überlässt er die eigene Landesverteidigung den Saudis und seine Botschaft lautet: Setzt ihr Euch doch mit den ISIS-Kämpfern auseinander. Ich kann es sowieso nicht. Meine Kräfte reichen nicht und ich will es auch nicht alleine schaffen. Denn ich erwarte Hilfe von den Nachbarländern.

Saudi Arabien hat abgestritten, die sunnitischen Aufständischen im Irak zu unterstützen. Sind die Saudis durch die Stationierung der Grenzsoldaten nun über jeden Zweifel erhaben?

Nein, das sind sie nicht. Die Strategie Saudi-Arabiens gegenüber der ISIS ist zwiespältig. Die saudische Regierung selbst unterstützt die ISIS nicht direkt. Das tun vor allem vermögende saudische Privatiers, die der ISIS Geld zukommen lassen. Wieviel Geld ist unbekannt. Auch andere Golf-Araber tun das, nach allem, was wir wissen. Diese Golf-Araber, die die ISIS unterstützen, sehen sie als ein Bollwerk gegen die Schiiten und den schiitischen Iran. Die saudische Regierung hat große Sorge, dass sich die Gewalt der ISIS auch gegen Saudi-Arabien richten könnte. Es ist also eine etwas gespaltene Haltung. Saudi-Arabien könnte theoretisch den Geldfluss unterbinden in Richtung ISIS, aber das tut man nicht - wahrscheinlich aus Sorge, dass es dann zu innenpolitischen Verwerfungen kommen könnte. Die Regierung sieht die ISIS also als eine Gefahr, aber es gibt reiche Saudis, die in der ISIS einen geistigen Verbündeten sehen gegen die Schiiten.

Michael Lüders ist Publizist, Politik- und Wirtschaftsberater, Roman- und Sachbuchautor. Der Islamwissenschaftler und Politologe ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Orientstiftung.

Das Gespräch führte Stephanie Höppner.

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