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Reise

Lübeck - Hanse, Marzipan und großes Kino

Die Hansestadt Lübeck hat eine süße Erfolgsgeschichte: Marzipan. In der Vorweihnachtszeit wird auf Hochtouren produziert. DW-Reporterin Barbara Woolsey hat schon mal vorgekostet.

Lübeck liegt nur etwa eine Autostunde von Hamburg entfernt und ist einfach umwerfend schön. Die Hansestadt ist definitiv ein Touristen-Hotspot. Vor allem Tagestouristen zieht es in die Altstadt. Es ist voll, aber zum Glück nie überlaufen. Lübeck strotzt vor Geschichte und kulinarischen Versuchungen und schafft es trotzdem dabei dezent und unaufdringlich zu bleiben. Lübeck macht es seinen Besuchern leicht.

Deutschland Lübeck Holstentor

Das Holstentor - Wahrzeichen der Hansestadt Lübeck

Die Stadt mit ihren etwas über 200.000 Einwohnern liegt im Norden Deutschlands, im Bundesland Schleswig-Holstein. Im Mittelalter war sie eine der wichtigsten Handelsmächte Europas. Sie war die Königin der Hanse, eines Zusammenschlusses von Kaufleuten, der den Handel im gesamten Nord- und Ostseeraum kontrollierte. In Lübecks Hafen wurden Waren gelöscht und in Richtung Süden weitertransportiert. Mit Salz beladen legten die Schiffe wieder ab. Damals nannte man es "weißes Gold" - so kostbar war es. Der Handel bestimmte über Jahrhunderte das Leben in der Stadt und er prägte ganz wesentlich ihre Architektur. Markante Gebäude aus der Zeit der Hanse sind heute UNESCO Welterbe, unter anderem das Holstentor oder die Marienkirche. All das ist zweifellos schön anzuschauen. Aber das Beste, was aus diesen guten alten Zeiten stammt, ist essbar.

Die Welt des Marzipans

Lübeck ist die heimliche Marzipanhauptstadt der Welt. Jeden Tag verlassen tonnenweise hübsch verpackte Marzipanpralinen die Stadt, um irgendwo auf der Welt vernascht zu werden. Der Legende nach begann alles im Jahr 1407, als eine große Hungersnot über Lübeck hereingebrochen war. Nur wenig Essbares war übrig, ein bisschen Zucker, ein paar Mandeln. Die Lübecker zerstießen kurzerhand die Nüsse, vermengten sie mit Zucker und formten daraus kleine Brote, die sie an die Armen verteilten. Der Rest ist Geschichte.

Lübecker Marzipan Nideregger

Marzipanbrote gehören zum festen Sortiment von Niederegger

Vier Marzipanhersteller gibt es heute in Lübeck. Der größte und bekannteste ist Niederegger. Die Firma exportiert ihre süße Ware weltweit in 40 Länder. Das Café Niederegger ist ein Muss für jeden Lübeck-Touristen. Es beschwört unweigerlich die schönsten Kindheitserinnerungen herauf.

In jeder Etage eine neue Versuchung

Im Erdgeschoß betrete ich das Süßwarengeschäft. Bei Niederegger heißt es Marzipanerie. Die Theken biegen sich unter Trüffeln, Nougat und den Stars, den bunten Marzipanobjekten. Es gibt das Holstentor in Marzipan, handbemalte Frösche, Hunde oder Seesterne, Schweinchen natürlich auch. Sie sind die beliebtesten Mitbringsel. Rosa Glücksschweinchen aus Marzipan. Es gibt sogar eine Maschine, bei der man Süßigkeiten gewinnen kann, wenn man Fragen aus der Welt des Marzipans richtig beantworten kann.

Deutschland Lübeck Café Niederegger

Erste Adresse für alle, die Süßes lieben: das Café Niederegger

Im zweiten Stock wartet das Café mit seiner überwältigenden Auswahl an Torten auf, bestimmt 20 verschiedene sind es an diesem Tag. Mein Favorit ist eine Nuss-Sahne-Torte mit Marzipandecke. Noch ein Stock höher und man ist im Marzipan Salon. Hier sind lebensgroße Figuren und Gebäude ausgestellt, alle liebevoll in Handarbeit aus Marzipan geformt.

In einer Confisserie ganz in der Nähe, dem Marzipan-Speicher, können Gäste sich selbst im Formen und Bemalen von Röschen und Schweinchen erproben. Das Ganze heißt "Marzipan-Show" und dauert etwa 45 Minuten. Wenn Konditormeister Burkard Leu nicht gerade durch die Show führt, steht er mit seiner auffälligen roten Mütze am Ladeneingang und bietet Besuchern kleine Appetithäppchen direkt aus der Backform an. Im oberen Stockwerk pflastern Zeitungsausschnitte die Wand. Denn Leu hat es ins Guinessbuch der Rekorde geschafft - mit einem 1005 Kilogramm schweren Marzipanschwein, dem schwersten der Welt.

Wein mit Tradition

Nicht nur für Süßes ist Lübeck bekannt. Auch in Sachen Wein hat sich die Stadt im hohen Norden Deutschlands einen Namen gemacht. Diese Geschichte hat mit Napoleon zu tun. Als er 1806 die Stadt belagerte, entdeckten seine Soldaten bald, dass der Bordeaux aus Frankreich, der in Lübeck in Fässern gelagert wurde, viel besser schmeckte als der zu Hause. Das kühle nordische Klima bewirkte offensichtlich wahre Wunder beim Reifungsprozess des Weins. Es brachte seine Aromen zum Tanzen. Lübecker Rotspon heißt dieser Wein. Rotspon ist übrigens ein altes deutsches Wort für roten Fasswein.

Deutschland Lübeck Weinprobe

Die Weinhandlung Melle ist eine der ältesten der Stadt

Viele Lübecker Weinhändler haben sich auf den Ausbau dieses Weins spezialisiert wie etwa H.F. von Melle. Die Firma blickt auf eine 162-jährige Tradition zurück. Im Laden in der Lübecker Altstadt können Besucher den Rotwein made in Lübeck verkosten. Die Spezialität wird auch in Restaurants der Stadt serviert, unter anderem in der Schiffergesellschaft. Es ist das älteste Gasthaus Lübecks, früher ein Treffpunkt für Kaufleute und Kapitäne, heute für Genießer.

Literatur und Kino

Lübeck zehrt von seiner jahrhundertealten Geschichte als Hansestadt, das ist die eine Seite. Aber auch in der jüngeren Vergangenheit hat Lübeck immer wieder mitgemischt. Lübeck ist die Geburtsstadt des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann, ein weiterer Nobelpreisträger, Günter Grass, hat hier jahrzehntelang gelebt. Beiden sind Museen gewidmet.

Seit 60 Jahren veranstaltet Lübeck die Nordischen Filmtage. Wie der Name schon sagt, werden Filmbeiträge aus Ländern des Nord- und Ostseeraums präsentiert. Lübeck spielt hier wie zu Hansezeiten wieder eine zentrale Rolle. Im Kino Koki, schräg gegenüber der Weinhandlung Melle, werden während der Nordischen Filmtage jeden Abend Festivalfilme gezeigt. Aber auch an anderen Tagen kann man hier Filme in Originalsprache sehen, was in Deutschland nur in ausgewählten Kinos so zu haben ist.

Deutschland Lübeck Salzspeicher

Filmreif: Die historischen Salzspeicher entlang der Trave

Eine Bootstour auf den Kanälen um die Altstadt ist ein schöner Abschluss für einen Tag in Lübeck. Oder ein schöner Einstieg. Es geht an historischen Gebäuden entlang, an gemütlichen Restaurants, vorbei an bunten Fischerbooten und dem geschäftigen Treiben im Holzhafen. Am meisten haben mich die Salzspeicher beeindruckt. Sechs riesige Lagerhäuser aus rotem Backstein, eng aneinander gereiht. Hier wurde das "weiße Gold" zur Zeit der Hanse gelagert. Die Silhouette der gestuften Backsteingiebel ist auch ein Stück Kinogeschichte. Im Stummfilmklassiker "Nosferatu" von 1922 waren sie das gruselige Zuhause von Graf Orlok und 1979 wieder, als Regisseur Werner Herzog ein Remake von "Nosferatu" produzierte.

Ich habe Lübeck im Glucose-Rausch verlassen, schwer bepackt mit Nougat und Marzipanschweinchen. Und ich werde wiederkommen, das weiß ich. Man findet das heutzutage nicht mehr so oft, einen Touristen-Hotspot, der es schafft, keine Touristenfalle zu sein.