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Sport

Löw und die neue Lässigkeit

Aus der Wärme des Nordostens geht es in den kühlen Süden Brasiliens nach Porto Alegre, wo im ersten K.o.-Spiel Algerien wartet. Ein starker, aber schlagbarer Gegner für die DFB-Elf, die als Favorit ins Spiel geht.

Fast könnte man meinen, so viel Lässigkeit ist inszeniert. Die Hände in den Hosentaschen seiner grauen Shorts, das weiße T-Shirt an den Armen etwas hochgekrempelt, eine verspiegelte Pilotenbrille im Gesicht und dazu weiße Kopfhörer im Ohr.

Joachim Löw schlendert vor dem Abflug zum Achtelfinalspiel gegen Algerien (30.06.2014, ab 22 Uhr im DW-Liveticker) barfuß über den Strand des Campo Bahia, mit etwas Abstand folgen ein paar Spieler inklusive Freundinnen und Familien. Ein gut informierter Fotograf knipst ein paar Bilder, just für die Boulevardzeitung, der Löw an diesem Tag ein großes Interview gibt. Die DFB-Medienabteilung versteht eben ihr Handwerk. Die Sprache der Bilder ist eindeutig: Vorbei die Zeit eines angespannten Bundestrainers bei großen Turnieren, Joachim Löw geht ganz cool ins Algerien-Spiel.

Diesen Eindruck vermittelt er auch auf der Pressekonferenz. Gemeinsam mit DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zieht er nach der erfolgreich absolvierten Gruppenphase ein positives Zwischenfazit. "Wir haben geliefert, das Spiel gegen die USA gewonnen und den Gruppensieg perfekt gemacht. Das war unser primäres Ziel", sagt Löw, der meist direkt im Anschluss an solch selbstsichere Aussagen eine Warnung setzt. So auch dieses Mal: "Wir gehen aber auch selbstkritisch mit uns um. Wir können besser spielen, wir sind noch nicht am Limit. Das ist auch ganz gut so. Jetzt beginnt die K.o.-Runde, die Phase der Entscheidung. Es gab viel Licht, aber auch Schatten. Wir brauchen keine grundsätzliche Änderung unserer Spielidee, wir brauchen Verbesserung im Detail."

Arbeit an den Details

Betrachtet man die Ergebnisse der Vorrunde, ist Deutschland - anders als manch anderer Turnierfavorit - souverän durch die Gruppenphase gekommen. Sieben Punkte, 7:2 Tore, und in allen drei Spielen deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner. Das spricht für die DFB-Elf. Doch im vom Bundestrainer zitierten Detail zeigen sich eben auch ein paar Schwächen: Das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff, das Spiel über die Außen, die Konsequenz im Torabschluss und die Präsenz im gegnerischen Strafraum sind ausbaufähig. "Wenn man am Ende das große Ziel erreichen will, ist es auch besser, in diesen Punkten das Optimale erreichen zu wollen", sagt Löw, legt aber auch Wert darauf, dass ein WM-Turnier "ein Marathon, kein 100-Meter-Sprint" sei Steigerungspotenzial wichtig ist.

Eine Marathonleistung dürfte gegen die Algerier nötig sein, die zwar weder über die individuelle Klasse noch die internationale Erfahrung des deutschen Teams verfügen, dafür aber über eine hohe Laufbereitschaft und ein flexibles Spielsystem. Variabel in der Offensive mit Topstar Sofiane Feghouli vom FC Valencia, Islam Slimani von Sporting Lissabon, Yacine Brahimi vom FC Granada und Abdelmoumene Djabou von Africain Tunis, die allesamt schon bei dieser WM getroffen haben, und kompakt in der Defensive, die trotz bisher schon fünf Gegentoren einen robusten Eindruck machte. "Algerien verteidigt wahnsinnig gut", lobt Bundestrainer Joachim Löw.

Fasten oder nicht fasten?

Gegen Algerien könnte sprechen, dass am Wochenende der

muslimische Fastenmonat Ramadan

begonnen hat und erstmals seit 28 Jahren wieder in den Zeitraum einer Fußball-WM fällt. In diesem Monat dürfen Gläubige

vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang nichts essen und nichts trinken,

es gibt allerdings auch Ausnahmeregelungen. Viele algerische Spieler gelten als sehr gläubig. Ob sie am Spieltag das Fasten brechen, ist noch nicht bekannt. Der algerische Fußballverband schweigt bisher zu diesem Thema, nur Kapitän Madjid Bougherra hatte zuvor erklärt, er entscheide "nach meiner körperlichen Verfassung. Aber ich glaube, ich werde es machen".

WM 2014 Deutschland Ghana Spielerwechsel Schweinsteiger Khedira

Schwierige Entscheidung für den Bundestrainer: Khedira oder Schweinsteiger?

Nicht in der richtigen Verfassung für einen Einsatz ist auf deutscher Seite Lukas Podolski. Der Offensivspieler des FC Arsenal kann wegen einer Muskelzerrung nicht im Estadio Beira-Rio von

Porto Alegre

auflaufen, hätte es nach seinem eher mäßigen Auftritt in der ersten Halbzeit des USA-Spiels aber auch schwer gehabt, in die Startelf zu kommen. Offensiv hat der Bundestrainer genügend Alternativen, kann es sich leisten den lauf- und spielstarken André Schürrle bisher nur ab und an einzuwechseln. Auch gegen Algerien dürfte Mario Götze erste Wahl sein. Defensiv wird Löw sich zwischen Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger entscheiden, von denen nur einer neben dem gesetzten Kapitän Philipp Lahm auflaufen kann.

Kein Lamento über das Wetter

Und dann gilt es noch den Klimawechsel zu verarbeiten. Aus dem manchmal heißen, manchmal regnerisch-schwül-warmen Klima des Nordostens geht es in die kühlste Region Brasiliens. Zum Anstoß um 17 Uhr Ortszeit sind 13 Grad und Regen vorhergesagt - eine erhebliche Umstellung für den Körper. Bundestrainer Löw sieht darin aber sogar einen Vorteil: "Von der Hitze in die Kühle - das ist leichter als umgekehrt. Die Hitze haben wir ganz gut bewältigt. Jetzt spielen wir in kühleren Temperaturen, das ist bestimmt für beide Mannschaften eine kleine Erleichterung. Uns war von Anfang an klar, die Bedingungen zu akzeptieren und nicht zu lamentieren", sagt Löw und scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Vielleicht ist die neue Lässigkeit tatsächlich doch mehr als nur ein bisschen Schaulaufen für den Fotografen am Strand vorm Campo Bahia.

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