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Bücher

Löfflers Lektüren

Wovon handelt der gepflegte deutsche Mittelstandsroman, wenn der Autor und sein Publikum ein wenig in die Jahre gekommen sind und ihr Hauptaugenmerk den privaten Befindlichkeiten gilt?

Bücherstapel (Foto: AP)

Viele neue Bücher im Herbst

Er handelt natürlich vom privaten Glück und davon, wie man seiner teilhaftig werden kann. Die deutschsprachigen Neuerscheinungen des kommenden Bücher-Herbstes halten es da nicht anders: Nicht wenige der neuen Romane – ob von Peter Stamm oder Sibylle Berg, von Ernst-Wilhelm Händler, Thomas Glavinic oder Feridun Zaimoglu – thematisieren Partnerschaftskrisen, Ausbruchsversuche, Neuanfänge, Liebeshändel und alternatives Probeleben, immer im Zeichen der Jagd nach dem Glück und zumeist in gediegenen Milieus.

Du hast drei Wünsche frei

Buchcover - Sibylle Berg: Der Mann schläft (Foto: Hanser)

Peter Stamms Held, ein Mann zwischen zwei Frauen, ist Architekt, Ernst-Wilhelm Händlers Protagonisten, ein auseinander driftendes Ehepaar, betreiben die führende Galerie für Glaskunst in New York. Sibylle Bergs wohlsituiertes Paar wird auf einer luxuriösen Hotelinsel in China vom Überdruss befallen – ihr Glück besteht den Urlaubstest nicht. Der Held in "Das Leben der Wünsche" von Thomas Glavinic, dem irgendein böser Versucher verspricht, ihm drei Wünsche zu erfüllen, ist erfolgreicher Werbetexter und lernt die Glückserfüllung als das wahre Unglück kennen. Und Feridun Zaimoglus Helden scheinen ganztags nur mit ihren romantischen Verstrickungen und erotischen Entflammtheiten beschäftigt zu sein.

Ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur also nur aufs Privatisieren aus? Führt sie außer Glücksjagd und brüchigen Liebesversuchen unter Wohlstandsbürgern nichts im Schilde? Doch. Es gibt sehr wohl auch andere Themen, die die neuen Herbst-Romane in Gang setzen, selbst wenn man von der aktuellen Welle an Konjunktur-Romanen zu den Themen Wende, Mauerfall und DDR-Rückblick einmal absieht. Gestandene Autoren wie Herta Müller, F. C. Delius, Brigitte Kronauer oder Terézia Mora haben sich noch nie um Konjunkturen gekümmert, und sie tun es auch mit ihren neuen Büchern nicht.

Politik. Arbeitswelt. Provinz

Buchcover - Brigitte Kronauer: Zwei schwarze Jäger (Foto: Klett-Cotta)

Herta Müller geht am Beispiel Oskar Pastiors den Leiden der deutsch-rumänischen Minderheit in den sowjetischen Arbeitslagern nach. F. C. Delius hat sich von Konrad Zuse zu einem Roman über den deutschen Computer-Pionier inspirieren lassen. Brigitte Kronauer treibt ihr anmutiges Glasperlenspiel mit einem Gewusel imaginierter Romanfiguren. Und Terézia Mora begibt sich an eine der vordersten Fronten der heutigen Arbeitswelt – mit dem Psychogramm eines Software-Verkäufers zwischen realer Fusionsangst und Abdriften in irreale digitale Netzwerke.

Und außerdem gibt es ja immer noch die deutsche Provinz mit fiktiven, aber erkennbaren Orten wie Bergerstadt in Hessen oder Rottensol in Württemberg. Die beiden Debütanten Stephan Thome und Patrick Findeis spüren in ihren Erstlingsromanen dem verdrucksten Elend in der Hinterwelt nach – mit großem literarischem Gewinn.


Rezensentin: Sigrid Löffler
Redaktion: Gabriela Schaaf

Erwähnte Neuerscheinungen:
Peter Stamm: "Sieben Jahre", Roman (S. Fischer)
Ernst-Wilhelm Händler: "Welt aus Glas", Roman (Frankfurter Verlagsanstalt)
Sibylle Berg: "Der Mann schläft", Roman (Hanser)
Thomas Glavinic: "Das Leben der Wünsche", Roman (Hanser)
Feridun Zaimoglu: "Hinterland", Roman (Kiepenheuer & Witsch)
Herta Müller: "Atemschaukel", Roman (Hanser)
Friedrich Christian Delius: "Die Frau, für die ich den Computer erfand", Roman (Rowohlt)
Brigitte Kronauer: "Zwei schwarze Jäger", Roman (Klett-Cotta)
Terézia Mora: "Der einzige Mann auf dem Kontinent", Roman (Luchterhand)
Stephan Thome: "Grenzgang", Roman (Suhrkamp)
Patrick Findeis: "Kein schöner Land", Roman (DVA)