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Bücher

Löfflers Lektüren

Jochen Schmidt, der ostdeutsche Autor und Gründer der Lesebühne 'Chaussee der Enthusiasten', nahm im Juli 2006 ein großes Lektüre-Projekt in Angriff.

Buchcover: Schmidt liest Proust (Foto: Voland & Quist Verlag)

Er beschloss, Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zur Gänze zu lesen, 182 Tage lang täglich 20 Seiten, und seine Kommentare ins Netz zu stellen. Ende 2008 sind die gesammelten Internet-Blogs auch in Buchform erschienen: Ein Lese-Marathon als höchst vergnüglicher, witziger und intelligenter Proust-Kommentar.

Zwei Berichts-Stränge laufen parallel: Schmidt lässt uns teilnehmen an seinem Leben, während er liest. Sein Alltag, seine Reisen, seine Arbeit werden von der Lektüre beeinflusst. Leben und Lektüre spiegeln sich ineinander. Der Roman erweist sich als Schmidts Schule der Empfindlichkeit. Unter dem Einfluss Prousts intensiviert sich seine Wahrnehmungs-Sensibilität, sein Ausdrucksrepertoire wird nuancierter. Seine Verliebtheiten steigern sich zu wahren Liebeserkrankungen und Eifersuchtsdelirien, seine zwanghafte Selbstbeobachtung nimmt zu. Kurzum: Schmidt steckt sich bei Proust und mit Proust an.

Empathie und Spott

Andererseits entwickelt Schmidt ein Verfahren, sich vor allzu heftiger Leser-Identifikation zu schützen: indem er die (unfreiwillige?) Komik des Werks herausarbeitet und sich durch Spott von Prousts Geschraubtheiten distanziert und den neurasthenischen Verstiegenheiten des Romanhelden durch ironische Kommentare die Spitze nimmt. Er bringt das Kunststück zuwege, sich über den Kult lustig zu machen, den der Roman mit der nervösen Empfindlichkeit und dem ästhetischen Feinsinn seines Helden treibt, ohne die literarische und erkenntnistheoretische Leistung dieses epochalen Romans zu verkennen und ohne den enormen Kunstwillen des Werks zu verkleinern.

Naive Lektüre bleibt nicht naiv

Der Berliner Autor Jochen Schmidt (Foto: Uwe Zucchi/dpa)

Der Berliner Autor Jochen Schmidt

Schmidts Vorsatz war es, Proust naiv zu lesen, ohne Kenntnis von Sekundärliteratur, einfach nur, um seine Proust-Begeisterung anderen mitzuteilen und andere zur Lektüre zu verführen. Im Laufe des Unternehmens werden seine Tages-Zusammenfassungen immer unbefangener und seine Kommentare lockerer und kecker.

Er führt tägliche Kurz-Rubriken ein, etwa: "Unklares Inventar" oder "Verlorene Praxis". Darin notiert er in Listenform Begriffe, Dinge und Sachverhalte, die im Roman auftauchen, ihm aber unbekannt sind (etwa: Zyklamen, Rötelzeichnungen, Gallégläser). In der Rubrik "Verlorene Praxis" zeigt Schmidt die kulturelle Differenz zwischen der Romanwelt und unserer Welt auf und markiert die Distanz, die zwischen den preziösen Verhaltensweisen und Umgangsformen der Proust-Welt und der Empfindungswelt heutiger Leser liegt. Etwa: "Mit der Geliebten über Brieftauben korrespondieren".

Leichter Spott und großer Respekt vertragen sich in diesem Proust-Kommentar auf wundersame Weise. Eine bessere Einführung in Prousts Welt lässt sich kaum finden.

Rezensentin: Sigrid Löffler
Redaktion: Gabriela Schaaf

Jochen Schmidt: "Schmidt liest Proust. Quadratur der Krise". Verlag Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2008. 608 Seiten, Euro 19,90.

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