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Bücher

Löfflers Lektüren

Was ist für eine Schriftstellerin der Super-GAU, der allergrößte anzunehmende Unfall? Es kann ihr nichts Schlimmeres passieren, als die Sprache zu verlieren.

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Genau das widerfährt der Heldin und Ich-Erzählerin von Kathrin Schmidts neuem Roman, einer 44-jährigen Schriftstellerin (und es ist auch der Autorin selbst widerfahren). Als sie nach einer Hirnblutung aus dem Koma erwacht, ist sie halbseitig gelähmt und hat Sprache und Gedächtnis verloren. Sie kommt zu Bewusstsein, sie kann denken und wahrnehmen; sie kann sich aber nicht ausdrücken: Die Worte und der Körper gehorchen ihr nicht. Eine Kopfarbeiterin, eine Intellektuelle, ist auf ihren schwer beschädigten Körper zurückgeworfen und muss neu lernen, sich ihren Körper gefügig zu machen und ihr Gehirn zu trainieren.

Eine Frau rekonstruiert sich selbst

Der Roman "Du stirbst nicht" umfasst die Monate zwischen dem Erwachen in der Intensivstation nach der Hirn-Operation und der Entlassung aus der Reha-Klinik . Erzählt wird davon, wie die Heldin sich Schritt für Schritt die Person zurückerobert und neu zusammensetzt, die sie vor dem Platzen des Aneurysma gewesen ist. Eine Frau rekonstruiert sich selbst. Mühevoll, immer wieder zurückgeworfen von Rückschlägen, trotzt sie allen Handicaps täglich kleine Fortschritte ab. Die Rückgewinnung von Sprache, Gedächtnis und Körperbeherrschung ist das Thema des Romans.

Die Erinnerung an die Wochen vor dem Hirnschlag ist zunächst völlig ausgelöscht. Allmählich tauchen einzelne Bruchstücke der Vergangenheit empor. Die Heldin muss die Puzzle-Stücke mühsaelig zusammenfügen, bis sie am Schluss das ganze Bild wieder präsent hat – einschließlich jenes fatalen Augenblicks, als sie rauchend auf dem Balkon ihres Hauses stand und plötzlich das Gefühl hatte, jemand habe mit einem Schnipsgummi nach ihr geschossen und sie schmerzhaft am Kopf getroffen. Die Knie knickten ihr damals ein, und sie dachte: "Ich sterbe."

Schriftstellerin Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt

Happyend mit Georg Büchner

Dass sie nicht stirbt, verdankt sie nicht nur der Kunst der Ärzte und ihrer eigenen Beharrlichkeit, sondern ganz wesentlich auch ihrer Familie. Ihre Lebensmenschen stehen ihr bei beim mühsamen Heilungs- und Selbstheilungsprozess. In dem Maße, wie ihr Gedächtnis zurückkehrt, erinnert sich die Heldin auch an die schwere Ehekrise vor dem Schlaganfall – daran, dass sie drauf und dran war, ihre Familie zu verlassen, um mit einem transsexuellen Partner zu leben. Auch andere heikle Episoden aus dem Partnerleben tauchen wieder auf und wollen neu bewertet sein: Ehebrüche,Treulosigkeiten, Eifersuchtskrisen, sexuelle Attacken. Der ganze Gefühlstumult einer stürmischen Partnerbeziehung fällt ihr nach und nach wieder ein.

Der Roman hat ein Happyend: Der Heldin gelingt es, einen gut formulierten Text über Georg Büchner zu schreiben. Sie weiß nun: Sie kann es wieder.

Rezensentin: Sigrid Löffler
Redaktion: Gabriela Schaaf

Kathrin Schmidt: «Du stirbst nicht», Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2009. 348 S., € 19,95

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