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Alltagsdeutsch – Podcast

Löffelgeschichten

Rotzlöffel bekommen einen hinter die Löffel oder die Löffel langgezogen. Manche kommen mit silbernen Löffeln zur Welt, andere müssen die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt haben. Jede Menge Löffelgeschichten!

Sprecher:

Der Vater einer frisch vermählten Braut stellt sich am Festtag vor die geladene Gesellschaft und hält traditionsbewusst seine Brautrede. Mit dem Löffel, den er in der Hand hält, bittet er die Gesellschaft um Ruhe und Aufmerksamkeit. Es ist in vielen Ländern Sitte, den Löffel an das Glas zu schlagen, so dass das Kristall erklingt. Ein Löffel, das ist bekannt, besteht aus zwei wichtigen Teilen. Zum einen ist es der Stiel, mit dem man den Löffel in der Hand hält. Zum anderen kennen wir die Laffe. So nennt man die Rundung am Ende des Löffels. Eine leicht gewölbte Fläche, die uns erlaubt, flüssige Nahrung aufzunehmen, ohne zu schlürfen oder uns die Finger zu verbrennen. Denkt man an Löffel, so denkt man an Essen. Doch im Laufe der Jahrhunderte haben sich aus dem einfachen Besteck, das der Löffel ja ist, eine Reihe von Sprichwörtern, Redewendungen und Wortbildern entwickelt. Das bekannteste Sprichwort: Wer sich die Suppe einbrockt, der darf sie auch wieder auslöffeln.

O-Ton:

"Ich denk mir, wenn jemand Mist gemacht hat, dass er das, was er falsch gemacht hat, auch wieder selbst auslöffelt."

Sprecherin:

Damit ist gemeint: Wer Ärger macht, muss auch dafür geradestehen und kann nicht verlangen, dass ein anderer dafür seinen Kopf hinhält. Ist er nicht bereit, die Verantwortung zu tragen, hat er was hinter die Löffel verdient. Bei diesen Löffeln jedoch handelt es sich um kein Essinstrument, sondern um Ohren, die eine ähnliche Form besitzen. Gemeint ist also die Ohrfeige.

O-Töne:

"Einem ein paar Watschen zu versetzen. / Das heißt, jemandem ein paar hinter um die Ohren zu hauen, wenn er irgendwas Blödes gemacht hat. / Manche Ohren, die sehen halt wirklich so aus wie diese schöne, runde Form unten von dem Löffel, von dem man auch isst."

Sprecher:

Der Löffel ist das älteste Essinstrument, das wir kennen. Seitdem der Mensch nicht mehr auf allen Vieren durch die Wälder zieht, kennt er Hilfsmittel, die ihm die Nahrungsaufnahme erleichtern. Vor Tausenden von Jahren war der Löffel gleichzeitig Messer, Gabel und Löffel. Ein Kind lernt zuerst, mit dem Löffel zu essen. Messer, Gabel, Schere, Licht dürfen kleine Kinder nicht, heißt ein Sprichwort. Doch mit dem Löffel kann das Kind weder Schaden anrichten, noch kann es sich Verletzungen zufügen. Die Bedienung eines Löffels ist kinderleicht. Ein Kinderspiel sozusagen. Und Kinder prägen sich Gegenstände am besten ein, wenn sie daraus ein Spiel oder ein Lied machen.

O-Ton:

"Lirum, Larum, Löffelstiel, alte Weiber fressen viel, junge sind nicht besser, fressen wie die Rösser."

Sprecherin:

Lirum, Larum, Löffelstiel ist ein altes Kinderlied, zu dem selbstverständlich jederzeit eine neue Strophe erfunden werden kann. Und Kinder sind erfinderisch. Lirum, Larum, Löffelstiel, wer nichts lernt, der kann nicht viel. Also lernen sie und machen Fehler dabei. Das ist normal. Nur durch Fehler kann man lernen. Doch viele dieser Fehler beruhen auf Leichtsinnigkeit. Kinder spielen, übertreiben, werden frech. Rotzlöffel sagen die Erwachsenen oder hauen ihnen gleich etwas hinter die Löffel und ziehen ihnen die Ohren lang.

O-Ton:

"Meine Oma hat früher immer gesagt, wenn du nicht lieb bist, ziehe ich dir deine Löffel so lang wie ein Osterhase."

Sprecher:

Ohren, das wissen wir, sind geformt wie Löffel. Rund, gewölbt, mal länger, mal kürzer. Hasen zum Beispiel haben sehr lange Ohren. Diese nennt man Hasenlöffel. Da liegt der Vergleich, jemandem die Ohren so lang wie Löffel zu ziehen, nicht fern. Das Wort Löffel stammt aus der lateinischen Sprache. Lambere, zu Deutsch lecken. Aus lambere machte der Germane Lab – schmatzen oder schlürfen. Bis aus schlürfen löffeln wurde, dauerte es noch ein paar hundert Jahre. Aus Lab wurde Lapen und schließlich Laffe. Eine Bezeichnung, die auch in der Beschreibung von Trotteln Anwendung fand. Der Werdegang der Laffe erstreckt sich von Lepel, über Leffel bis hin zum Löffel. Der Löffel also war geboren. Seit über einhundert Jahren besteht diese Form ohne Veränderung. Ebenso die Sprichwörter und idiomatischen Redewendungen, die um den Löffel entstanden. Doch der Ursprung der verschiedenen Bedeutungen, die man ihm gibt, liegt in der arbeitenden Bevölkerung: bei Menschen, die ihr täglich Brot mit dem Löffel und nicht mit einer Gabel zu sich nahmen. Doch besser ohne Löffel als ohne Brei. Denn eine Gabel, das beweist die Geschichte, war Hilfsmittel der herrschenden Klasse: derer, die sich jeden Tag eine üppige Mahlzeit mit Fleisch leisten konnten. Esswerkzeug der Reichen und ihrer Kinder. Kinder, die mit einem silbernen Löffel im Mund zur Welt kamen.

O-Ton:

"Das ist jemand, der in gute Verhältnisse reingeboren wird. Da sagt man, er kommt auf die Welt mit einem silbernen Löffel im Mund."

Sprecherin:

Auch heute bezeichnet man arrogante Wichtigtuer und verwöhnte Kinder als Menschen, die mit einem silbernen Löffel zur Welt gekommen sind. Man erkennt sie an ihren Bemerkungen: Dies gefällt mir nicht, und das ist billig. Sie wissen alles besser und geben altkluge Ratschläge. Dabei stoßen sie vielen Menschen vor den Kopf. Dieser Löffel hat schon in vielen Suppen gerührt, die du gegessen hast, entgegnen die Schlagfertigen. Damit betonen sie, dass ihre Art, mit dem Leben zurechtzukommen, immer schon Erfolg gehabt hat. Ihre Erfahrung schenkt ihnen die Ruhe und Gelassenheit, mit der sie denen begegnen, die geschwollen daherreden. Ihr bildet euch oftmals ein, ihr großen, reichen Leut', ihr habt Salomons Weisheit mit Löffeln gefressen, heißt der alte Protest der Unterdrückten und Armen, die an die Versprechungen der Herrscher nicht mehr glauben wollten. Moral und Glaube spielte für die arme Bevölkerung eine große Rolle. So blieb ihnen die Hoffnung erhalten. Kein Wunder, dass sie mit einfachen Weisheiten Abstand zum Bösen suchten.

O-Ton:

"Wer mit dem Teufel essen will, muss einen langen Löffel haben."

Sprecher:

Das soll heißen, dass man sich auf ein Rendezvous mit einem Schlitzohr besonders gut vorbereiten muss. Gut gewappnet ist halb gewonnen. Welch größeren Feind kann ein gläubiger Mensch haben als den Teufel? Und den sollte man auf Distanz halten. So weit weg, dass er einem nichts anhaben kann. Wer will schon mit dem Teufel zu tun haben? So erfand der Mensch eine Reihe von Geschichten, die dazu beitragen sollen, dem Teufel den Rücken zu kehren und Gutes zu tun. Denn, wer Gutes tut, heißt es, kommt ins Paradies. Diese Dame kennt eine Geschichte und erzählt.

O-Ton:

"Was ist eigentlich die Hölle, und was ist das Paradies? Und da erzählte ein kluger Mensch, dass man sich die Hölle folgendermaßen vorstellen muss: Ein großer, üppig gedeckter Tisch mit wunderschönen Speisen, und um den Tisch herum sitzen die Verdammten und haben an ihrem Handgelenk einen Löffel angekettet. Dieser Löffel aber hat einen so langen Stiel, dass man mit diesem Löffel sich nicht selber das Essen in den Mund schieben kann. Und dagegen ist die Situation im Paradies etwas anders. Auch da sitzen die Seligen um eine große Tafel, ebenso üppig gedeckt, mit ebenso schönen und verlockenden Speisen. Auch die Seligen haben den Löffel mit einem sehr langen Griff an ihr Handgelenk gekettet, haben eigentlich auch das Problem: Wie esse ich denn damit? Aber sie finden einen Unterschied zu denen in der Hölle. Sie haben gelernt, dass man, wenn man sich gegenseitig füttert mit den langen Löffeln, kann jeder gut essen."

Sprecherin:

In Deutschland lebt ein Mensch, der sein Leben dem Sammeln von Löffeln verschrieben hat. Er heißt Hermann Jünger, stammt aus München und sammelt seit seiner Jugend Löffel. Wie es dazu kam, erläutert eine kleine Anekdote, die er eines Tages aufschrieb.

Sprecher:

Fast genau in der Mitte zwischen Ende und Anfang des Zweiten Weltkrieges bin ich geboren. Eine Zeit voller Kreuze, eiserner und hölzerner, gerader und gehakter, voller Trommeln, Fackeln, Fahnen, voll der Verehrung vergangener und künftiger Helden. Hermann, der Bruder meiner Mutter, war für mich einer dieser Helden, nicht nur weil ich nach ihm genannt war. Er war kurz vor Kriegsende gefallen. Es blieben einige Fotos in Zivil und in Uniform, zwei eiserne Kreuze, zwei bunte Epauletten, ein Kasten voller Feldpostbriefe, ein anderer mit der Todesanzeige und der Trauerpost sowie ein seltsam geformtes, metallisches Gebilde, welches mich mehr als alles andere faszinierte. Es war ein Löffel. Ein Löffel aus Alpaka, ein gewöhnlicher Esslöffel, ein Alltagsgegenstand, aber zugleich etwas ganz anderes, Überhöhtes, Mythisches: ein Lebensretter, ein Amulett, eine Art Reliquie. In der Uniformjacke steckend, hat dieser Löffel wenige Jahre zuvor dem jungen Leutnant das Leben gerettet. Denn dieser Löffel hatte eine Heldentat verbracht. Eine Kugel, die auf den Körper meines Onkels gerichtet war, wurde aufgehalten von diesem Löffel.

Sprecherin:

Wie für Hermann Jünger hat das Essinstrument für jeden Menschen eine ganz eigene Bedeutung. Für den einen ist es Symbol des Vergangenen. Der andere verbindet mit dem Begriff Löffel einen Gegenstand, der ihm hilft, satt zu werden. Egoistisch, gleichgültig, völlig opportun zu den gegebenen Verhältnissen zieht er durch die Welt und löffelt, was er kriegen kann. Traut Mädchen, leichten Rittern nicht, manch Ritter ist ein Bösewicht. Sie löffeln wohl und wandern von einer zu der andern und freien keine nicht. Dieser junge Mann scheint genau zu wissen, was das bedeutet.

O-Ton:

"Ein sehr altertümliches Beispiel für 'nen Phänomen, das uns heute immer noch begegnet. Schöne Männer wandern von der einen zu der anderen. Sie nehmen, was sie kriegen können, und nutzen die Mädels oftmals bis aufs letzte aus und ziehen dann einfach wieder weiter und fressen den nächsten Kühlschrank leer."

Sprecher:

Der Schein vieler Ritter trügt. Sie handeln aus Eigennutz. Heute mag es vielleicht keine Ritter mehr geben, doch sicherlich noch viele, die ihre Position ausnutzen. Sie versprechen etwas, ohne das gegebene Versprechen zu halten. Wer richtet über solche, die ihr Versprechen nicht halten? Der Richter? Doch, wo kein Kläger ist, ist kein Richter. Also hilft nur ein Anwalt, ein Advokat. Moment mal! Wie heißt es noch gleich? Ein Advokat macht seinen Mund nur für Geld auf; es sei denn, dass er seinen Löffel reinsteckt. Ja, was soll das denn bedeuten?

O-Ton:

"Ein Advokat ist ja bekanntlich ein Rechtsanwalt. Und der verdient ja sein Geld, indem er für seine Mandanten den Mund aufmacht, möglichst weit, denn er muss die ja verteidigen, und dafür kassiert er 'ne Menge Geld, wenn er seinen Mund aufmacht. Und ich denke mal, dass die meisten dann nur noch den Mund aufmachen, zum essen. Dafür kriegen sie halt kein Geld."

Sprecherin:

Ein Benehmen, das an die erinnert, die mit einem silbernen Löffel im Mund geboren werden. Doch wer wird denn gleich vorschnell urteilen? Ehe man den Löffel zum Mund bringt, kann viel passieren. Vielleicht findet sich ja doch jemand, der die Interessen eines Klägers würdig vertritt, ohne zuviel Geld kassieren zu wollen. Denn nicht jedermann ist gern nur dort, wo man mit großen Löffeln aufgießt. Es gibt auch solche, die sich mit weniger zufrieden geben. Oder nicht?

Sprecher:

"Gabeln stechen, Messer schneiden, wer ist Löffel von uns beiden? Gabeln kommen, Messer gehen, nur der Löffel bleibt bestehen…"

Sprecherin:

... schrieb einmal der deutsche Literat Thomas Zacharias. Und man hat den Löffel in der Hand, man gebe ihn so schnell nicht wieder her.

O-Ton:

"Man soll den Löffel nicht aus der Hand geben, bevor man nicht selber gegessen hat. Das hat was zu tun damit, dass man nicht vorschnell handeln sollte, dass man nicht unnötigerweise Hilfsmittel aus der Hand gibt, die man noch selbst braucht. Ist vielleicht 'ne Aufforderung für einen, ja, gesunden Egoismus. Dass man erst doch sich selbst was Gutes tut und dann erst anderen was Gutes tut. Dass man also erst mal selbst isst, um stark und kräftig zu werden, und dann erst den Löffel weitergibt, damit auch andere sich satt essen können."

Sprecher:

Die deutsche und jede andere Sprache ist reich an Sprichwörtern. Doch in keiner anderen Sprache finden sich so viele Sprichwörter und Redewendungen wieder, die sich mit dem Löffel befassen. Ein kleines Gerät, das weder stechen noch schneiden kann, erfüllt eine Sprache mit Leben. Und leben kann eine Sprache nur durch ihre Bildhaftigkeit, durch ihre Fähigkeit, komplexe und schwierige Zusammenhänge so darzustellen, dass man sie mit einem Wort, einem Ausspruch verstehen kann. Was ist bildlicher, als zu sagen, dass jemand den Witz mit Löffeln gefressen hat? Er stellt sich einen Teller mit lustigen Sprüchen vor die Nase und verschlingt sie. Doch kann er behaupten, dass er dann witzig ist? Ironie, Ernst, Schicksal und Tod spiegeln sich im Löffel wider. Wenn einer stirbt, heißt es landläufig: Er gibt den Löffel ab. Das sollte man natürlich nicht sagen, wenn jemand in der Nähe steht, der dem Verblichenen nahe war. Denn dies ist eine sehr umgangssprachliche Formulierung, und jeder versteht, was damit gemeint ist. Fest steht, mit dem Löffel wird man schneller satt, weil er mehr fasst. Gabeln sind was für feine Leute, Löffel jedoch haben alle. Wer wird denn gleich seine Suppe mit der Gabel essen? Das geht mit dem Löffel viel schneller.

O-Ton:

"Mit der Gabel ist's 'ne Ehr, mit dem Löffel kriegt man mehr. Das ist klar. Das heißt nichts anderes als: nicht kleckern, sondern klotzen."

Fragen zum Text

Bekommt jemand etwas hinter die Löffel, dann …

1. wird jemandem eine Serviette unter den Löffel gelegt.

2. wird jemand geschlagen.

3. wird jemandem etwas hinter das Ohr gesteckt.

Frechen Menschen wird umgangssprachlich gesagt: …

1. Du Rotzlöffel!

2. Du Hasenlöffel!

3. Du Silberlöffel!

Hat jemand umgangssprachlich den Löffel abgegeben, dann …

1. hat jemand seinen Löffel verschenkt.

2. ist jemand gestorben.

3. ist jemand einen Pakt mit dem Teufel eingegangen.

Arbeitsauftrag

In einem Restaurant steckt ein Kind einen Löffel ein, der ihm besonders gut gefällt. Denken Sie sich eine fiktive Geschichte aus von dem Löffel, der nun auf Reisen geht. Verwenden Sie möglichst viele Wörter und Redewendungen, in denen "Löffel" vorkommt.

Autor: Ingo Müller

Redaktion: Beatrice Warken

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