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Wirtschaft

Längere Laufzeiten von Kernkraftwerken

Ende September wird die Bundesregierung ihr mit großer Spannung erwartetes Energiekonzept vorstellen. Welche Rolle spielt darin die Kernenergie? Und welche wirtschaftlichen Auswirkungen wird das Konzept haben?

Blick auf das Kernkraftwerk Philippsburg (Landkreis Karlsruhe) in Baden-Württemberg (Foto: dpa)

Seit 1979 am Netz: Kernkraftwerk Philippsburg

Der Vorstandsvorsitzende der RWE, Jürgen Großmann (Foto: dpa)

RWE-Chef Großmann fordert längere Laufzeiten

Zwei Jahre im Probebetrieb, hundert Tage im regulären Einsatz: Auf mehr hat es das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich bei Koblenz nicht gebracht. Die Baugenehmigung im erdbebengefährdeten Neuwieder Becken hatte sich nicht als gerichtsfest erwiesen - eine der größten Fehlinvestitionen des Stromkonzerns RWE. Um so mehr wollen die Unternehmen mit den laufenden Kernkraftwerken verdienen. Jürgen Großmann, der Vorstandsvorsitzende des Energieversorgers RWE, sagt, längere Laufzeiten seien für Wirtschaft und Verbraucher eine gute Nachricht: "Es würde teurer, wenn die Kernkraft abgeschaltet wird."

Versorger profitieren

Mit Kernkraft würde es auf jeden Fall für die Versorger besser. Denn jedes Jahr Atomstrom mehr, erzeuge kaum Kosten, aber viel Ertrag, meint dazu Hans-Peter Wodniok, zuständiger Analyst bei der bankunabhängigen Gesellschaft Fairesearch. "Man hat die Brennelemente, die man einsetzen muss, und auch weitere Ausgaben auf der Personalseite, für Sicherheit und so weiter. Aber man hat keinerlei Abschreibungen mehr, keinerlei Zinsen mehr auf diese Atomkraftwerke zu leisten, sodass dann natürlich ein deutlich erhöhter Gewinn herauskommen wird."

Windkraft in Dänemark (Foto: ap)

Offshore Windenergie - künftig mehr Fördergelder?

Auch der Staat hätte einen großen Vorteil von längeren Laufzeiten. Eingeplant sind 2,3 Milliarden Euro Brennelementesteuer jährlich plus eine weitere Abgabe zur Förderung erneuerbarer Energien. Diese Summen schaffen Luft im Haushalt und zusätzlich Raum für politische Gestaltung: Denn die Erneuerbare Energien-Abgabe flösse sicherlich nicht voll zu den großen Versorgern zurück, um deren Engagement in Wind- und Sonnenkraft zu stützen, sondern käme anderen Anbietern zugute. Und auch anderen Branchen, den Heizungsinstallateuren etwa oder der Bauindustrie etwa, die umweltfreundlichere Heizungsanlagen oder mehr Wärmedämmung einbauen könnten. Drei Milliarden Euro jährlich sind dafür im Gespräch.

Zusätzliche Arbeitsplätze

Zusätzlich dürften 7.000 zusätzliche Arbeitsplätze in der Bauindustrie entstehen, weil der Umweltminister jeden der 17 Meiler mit Betonhüllen gegen Flugzeugabstürze sicherer machen will. Insgesamt glauben die Gutachter, die die Bundesregierung beauftragt hatte, Deutschland könne mit längeren Laufzeiten mit einem zusätzlichen Wirtschaftswachstum von 0,6 Prozentpunkten pro Jahr bis 2050 und 100 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen rechnen.

Stromzähler (Foto: ap)

Wird Strom durch Kernkraft in Zukunft wirklich billiger?

Ein Faktor dabei: Der sinkende Strompreis. Um 0,7 Cent je Kilowattstunde könnte er zurückgehen, wenn die Atomkraftwerke zwölf Jahre länger laufen dürften. Dagegen gerechnet werden müsste wohl die Preisgestaltung der Versorger, die sich die Abgaben- und Steuerlastung wohl beim Stromverbraucher zurückholen würden. Fairesearch-Analyst Hans-Peter Wodniok ist sich sicher: "Ich glaube nicht, dass am Ende die Versorger diese Steuer tragen werden, sondern der Verbraucher der Elektrizität wird sie tragen, zumindest, was die privaten Haushalte anbelangt."

Unterschiedliche Interessen

Ein abschließendes Urteil darüber, wer gewinnt und wer verliert, wenn die Atomkraftwerke länger laufen, trauen sich Ökonomen noch nicht zu. Steffen Tolzien von der Commerzbank glaubt, diese Frage lasse sich noch nicht abschließend beantworten. "Wir müssen sehen, was da am 28. September kommt." An diesem Tag will die Bundesregierung offiziell verkünden, wie es energiepolitisch in Deutschland weitergehen soll. Bisher sei alles so vage. Deshalb wäre unseriös zu sagen, "da sind die Gewinner, da die Verlierer." Fest stehe lediglich, dass es sehr viel verschiedene Interessen gebe, die unter einen Hut gebracht werden müssten.

Und wo die Umwelt nach dieser Entscheidung steht, muss auch noch abgewogen werden. Mit mehr Atomkraft nähme der Bedarf an Kohle, Erdöl und Gas ab. Deutschland würde dann weniger fossile Brennstoffe einführen müssen. Die Kohlendioxidbelastung sänke. Dagegen stünde der vermehrt anfallende Atommüll, auch aus den ausländischen Kraftwerken, aus denen Deutschland seine aller Erwartung nach steigende Stromimporte beziehen würde.

Autor: Michael Braun

Redaktion: Klaus Ulrich

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