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Asien

Lächeln in Ruinen - Japaner in der Katastrophe

Für Nicht-Asiaten wirkt es befremdlich: Trotz Verwüstung und Atomgefahr bleiben die Japaner erstaunlich ruhig und gefasst. Der Japan-Experte der Deutschen Welle, Alexander Freund, erläutert, warum das so ist.

Familie in der Notunterkunft (Foto: AP)

Trotz aller Not denken die Japaner positiv

DW-WORLD.DE: Herr Freund, Sie waren mehrfach in Japan, haben dort gelebt, von dort berichtet. Wie erklären Sie sich die Ruhe und Duldsamkeit der Japaner angesichts der Katastrophe?

Alexander Freund: Wir können das alle irgendwie nicht so richtig verstehen. Wir haben eine andere Wahrnehmung. Es gibt eine Art interkulturellen Kommunikationskonflikt, den wir gerade erleben. Wir sehen Bilder von Menschen, die sozusagen ihr Leid mit einem Lächeln in die Kameras erzählen. Das hat damit zu tun, dass expressive Gefühle, negative Gefühle eben nicht nach außen transportiert werden. Das teilt man mit dem Partner, mit den Eltern und mit nahestehenden Menschen. Aber es wird nicht der Öffentlichkeit und schon gar nicht irgendwie den Medien weitergegeben. Der Grund dafür ist unter anderem, dass man das eigene Leid nicht anderen Menschen aufbürden will. Das ist für uns schwer zu verstehen, aber so ist es zu erklären, dass manchmal großes Leid, großer Schmerz mit einem Lächeln weggedrückt werden.

Das ist der Schein nach außen. Aber trotzdem noch einmal nachgefragt, wie erklären Sie sich, dass so viele Japaner in Tokio bleiben, obwohl die Gefahr nun offensichtlich immer größer wird?


Alexander Freund (Foto: DW)

Alexander Freund

Wir wissen auf der einen Seite, dass die Japaner sehr obrigkeitshörig sind. Die Japaner warten sozusagen ab, wie der offizielle Wortlaut ist. Aber spätestens seit der Tenno sich an die japanische Bevölkerung gewandt hat, erkennt glaube ich selbst der letzte Japaner noch die Dramatik der Situation. Gleichwohl bleiben aber viele aus großer Loyalität dem Land, der Firma und der Stadt gegenüber, im Ballungsraum Tokio. Die Loyalität gegenüber der Gemeinschaft ist wichtig. Die Loyalität gegenüber der Firma ist eine ganz zentrale - "giri“ heißt diese Art von Loyalität in Japan. Diese Loyalität ist natürlich im Guten auch ein Erfolgsrezept gewesen. Da hilft der eine dem anderen. Wenn man das Gefühl hat, dass es dem anderen gut geht, dass man sozusagen seinen Beitrag zur Gemeinschaft geleistet hat. Das ist eine unglaubliche Bestätigung und für viele Japaner auch die Essenz des Arbeitslebens. Etwas was ja vielen bei uns auch nicht so ganz fremd ist, die Identifikation über die Arbeit. Aber die Rolle der Gemeinschaft, die Verpflichtung gegenüber der Konsensgesellschaft, ist in Japan noch mal ein Stück größer als bei uns.

Herr Freund, Sie haben Bekannte und Freunde in Japan die Ihnen nahestehen. Was haben Sie von ihnen gehört?

Für uns ist das eben keine Krise, die weit weg ist, sondern sehr real, sehr persönlich. Wir haben in den letzten Tagen viel miteinander kommuniziert und ich habe natürlich immer mit Engelszungen versucht, die Freunde und Kollegen dazu zu überreden, dass sie den Ballungsraum Tokio verlassen. Auch da gab es dieses Loyalitätsgefühl oder auch das Beschwichtigen: "es wird schon nicht so schlimm". Mittlerweile haben sich einige auf den Weg Richtung Süden gemacht, Richtung Kansai, also Richtung Osaka, Kyoto-Nara, oder noch weiter weg. Diejenigen, die bleiben, verbarrikadieren sich jetzt in der Wohnung, kleben die Fenster ab. Sie besorgen soweit es geht Lebensmittel. Sie fragen mich in Telefongesprächen, ob ich Ihnen noch schnell irgendwelche Geigerzähler schicken kann. Die es natürlich hier auch nicht mehr gibt. Es ist sehr schwierig. Es ist, glaube ich, eine Situation, in der man einfach nur darauf vertrauen kann, dass es besser wird.

Vor allem in den westlichen Ländern wirkt das Verhalten der Japaner irritierend, ja gar befremdlich. Wir haben das eben schon mal angerissen. Was sind Ihrer Meinung nach dafür die kulturellen und historischen Ursachen?

Es gibt in Japan auch eine sehr etablierte Kultur des Schweigens. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass Japan immer schon sehr dicht besiedelt war. Wenn man sich vorstellt, dass die Japaner früher in diesen sehr eng zusammen stehenden Häusern mit diesen "shochi“ - diesen dünnen Papierwänden - zusammengelebt haben. In diesen Häusern hat man sehr genau gehört, was der Nachbar sagt, auch welche Streitereien es gibt. Aber man hat es sozusagen totgeschwiegen. Auch um danach nicht Probleme miteinander zu haben. Man kriegt schon sehr wohl mit, wie es dem anderen geht. Das Interesse am Nachbarn ist vielleicht teilweise sogar ausgeprägter als im Westen. Aber es gibt eben diese Kultur des Schweigens, wo dann vieles einfach auch überhört wird.

Interview: Ralf Bosen
Redaktion: Martin Muno

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