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Kultur

KZ-Oper Brundibár: Geschichte der Hoffnung

Kinder im KZ Theresienstadt träumten sich mit ihren Aufführungen der Kinderoper "Brundibár" in die Freiheit. Nur wenige überlebten. Deutsche und israelische Kinder haben das Stück nun gemeinsam aufgeführt.

Brundibár dreht an der Kurbel des Leiherkastens (Foto: Gewandhaus zu Leipzig)

Brundibár, der Leierkastenmann

Die Kinderoper "Brundibár" schrieb der Prager Komponist Hans Krasá schon 1938 - ein Lehrstück über den Sieg der Freundschaft über das Böse. Premiere hatte sie erst fünf Jahre später - im Konzentrationslager Theresienstadt. Krasá war selbst dorthin verschleppt worden. Die Musik war für viele Kinder ein Hoffnungsschimmer. Das Stück wurde allerdings auch zweimal für Nazi-Propaganda missbraucht. Goebbels ließ den Schlusschor als Beweis eines blühenden Kulturlebens in der angeblichen jüdischen Mustersiedlung singen. Er täuschte damit internationale Gesandte des Roten Kreuzes. Auch in dem von Goebbels initiierten Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" fehlte Brundibár nicht.

Nun wird das Stück wiederaufgeführt, wieder als ein Stück der Hoffnung: 90 deutsche und israelische Kinder und Jugendliche bespielten am 22. und am 23. März die Bühnen im Gewandhaus Leipzig und im Jüdischen Museum Berlin. Auf ihrer linken Brust schimmerte, kaum sichtbar, der Davidstern aus Folie.

Brundibár - Symbol für Hitler?

Die Kinder der Chöre stellen Spatz, Katze und Haund auf der Bühne dar (Foto: Gewandhaus zu Leipzig)

Spatz, Katze und Hund helfen den Kindern im Kampf gegen das Böse

Die Geschichte von Aninka und ihrem kleinen Bruder Pepicek erzählt vom Kampf zwischen Gut und Böse. Die Geschwister wollen Geld für ihre kranke Mutter verdienen. Doch zunächst müssen sie den alten Leierkastenmann Brundibár besiegen, der die Leute mit seiner immer gleichen Musik betäubt. Dieser Brundibár gilt vielen als Verkörperung von Adolf Hitler.

Diese Rolle übernimmt bei der Premiere die 17-jährige Abigail aus Israel. Sie erzählt, dass sie die Rolle mit Sarkasmus interpretiert. "Brundibár ist so selbstsicher! Dabei dreht er nur an einer Kurbel. Schon folgen ihm alle. Ich interpretiere den Bösen so, dass man über ihn lachen muss." Die Oper berührt den Kern des deutsch-israelischen Traumas: die geplante Vernichtung aller Juden. Abigail spricht langsam und reflektiert. Mit einem Deutschen befreundet zu sein, hätte sie sich vor diesem Musikprojekt nicht vorstellen können.

Das Bild vom anderen – Musik gegen Vorurteile

Zwei Mädchen stehen auf der Bühne und blicken in die Ferne (Foto: Gewandhaus zu Leipzig)

Vor 65 Jahren sangen Häftlinge in Theresienstadt die gleichen Melodien

Das war auch die Intention des Leiters des renommierten Gewandhaus-Kinderchores Leipzig, Frank-Steffen Elster. In der israelischen Chorleiterin Naomi Faran fand er eine engagierte Mitstreiterin. Ihr Vater verlor seine gesamte Familie in Ungarn im Holocaust. Auch den deutschen Kindern hat das gemeinsame Proben die Augen für das andere Land geöffnet. Die 16-jährige Kim spielt als Aninka eine Hauptrolle. Israel war für sie ein erschreckendes Land. "Israel, das waren der Gazastreifen und Krieg – die schönen Seiten lerne ich jetzt erst langsam kennen", erzählt sie freimütig.

Beeindruckendes Zeitzeugengespräch

Die Mitgleider beider Chöre in einer Szene der Kinderoper (Foto: Gewandhaus zu Leipzig)

Choreographiert von Philipp J. Neumann – getanzt vom Gewandhaus-Kinderchor und dem israelischen Moran Choir

Bei "Brundibár" geht es nicht nur um Musik, sondern vor allem um Austausch. Am Abend vor der Premiere lernten die beiden Chöre die Theresienstadt-Überlebende Anna Flachová kennen. Brundibár-Darstellerin Abigail hat das tief beeindruckt. Erst dank Flaška, wie sich die 80-Jährige gern vorstellt, weiß sie, was "Brundibár" den Kindern in Theresienstadt bedeutet hat. "Davor konnte ich mich nicht hundertprozentig auf die Oper einlassen. Sie kam mir zu kindlich vor", resümiert Abigail. Anna Flachová hat ihre Erinnerungen wach gehalten, um sie zu teilen. Für die Leipziger Premiere ist sie aus ihrer tschechischen Heimatstadt Brünn gekommen. Die Schlussszene lässt ihre Augen feucht werden. Regisseur Philipp J. Neumann zeigt die Propaganda-Filmaufnahme von Brundibár von 1944. Begeistert klatschende Kinder sind zu sehen. Das Publikum in Leipzig und Berlin zögert - ein Moment der Stille, dann braust der Applaus auf.

Autorin: Caroline Kieke

Redaktion: Conny Paul

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