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Politik & Gesellschaft

KZ-Gedenken im Kalten Krieg

In der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen ist die Sonderausstellung "Sachsenhausen mahnt!" eröffnet worden. Sie erinnert an ein unwürdiges Propaganda-Duell im geteilten Deutschland.

Das Eingangstor zum ehemaligen KZ Sachsenhausen mit der zynischen Inschrift 'Arbeit macht frei' (Foto: AP)

Für Millionen Menschen aus ganz Europa kam jede Rettung zu spät. Sie erlebten das Ende der nationalsozialistischen Konzentrationslager nicht mehr. Auch im KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin kamen bis zur Befreiung durch sowjetische und polnische Truppen am 22. April 1945 Zehntausende zu Tode. 16 Jahre später eröffnete die kommunistische DDR auf dem Gelände des ehemaligen Lagers die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen.

Die siegreiche Allianz des Zweiten Weltkriegs war zu diesem Zeitpunkt längst zerbrochen und verfeindet. Auf der einen, der westlichen Seite standen Briten, Franzosen und US-Amerikaner; auf der östlichen die Sowjets, die ganz Ost-Europa und den Osten Deutschlands unter ihren Einfluss gebracht hatten. Ihr Statthalter in der DDR war Staatschef Walter Ulbricht, der die Eröffnung der Gedenkstätte Sachsenhausen nutzte, um die angeblichen Kriegstreiber im westlichen Verteidigungsbündnis NATO zu verunglimpfen. In seiner Rede hielt er dem Westen vor, in der Bundeswehr erteilten Generäle aus Hitlers Wehrmacht Befehle. Und niemand könne doch bestreiten, dass der Antifaschismus nur in einem der beiden deutschen Staaten, nur in der Deutschen Demokratischen Republik verwirklicht worden sei, behauptete Ulbricht.

Ort der ideologischen Auseinandersetzung

In einer Luft-Aufnahme sind die geschätzten 100 000 Menschen zu sehen, die im April 1961 auf dem weitläufigen ehemaligen KZ-Gelände an der Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen teilnehmen. (Foto: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen / Schäfer)

Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen am 23. April 1961. Rund 100.000 Menschen versammelten sich auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers nördlich von Berlin.

Der sogenannte Kalte Krieg der Systeme steuerte 1961 auf einen neuen Höhepunkt zu. Die USA versuchten in Kuba vergeblich, den kommunistischen Revolutionär Fidel Castro zu vertreiben. Und in Berlin errichtete das DDR-Regime die Mauer, die als "antifaschistischer Schutzwall" verharmlost wurde, in Wirklichkeit aber die Massenflucht der eigenen Bevölkerung eindämmen sollte.

Die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen blieb bis zum Fall der Berliner Mauer ein Ort der einseitigen ideologischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Das kurz nach Kriegsende von den Sowjets eingerichtete Speziallager, in dem ebenfalls Tausende angebliche Nazis oder Feinde des Sozialismus ums Leben kamen, wurde systematisch verschwiegen. Für den heutigen Leiter der Gedenkstätte, den Historiker Günther Morsch, sind vor allem die frühen Jahre der historischen Auseinandersetzung mit dem Ort Grauen erregend.

Gedenkstätten-Leiter spricht von "deutscher Nabelschau"

SPD-Flugblatt von 1961 mit der Überschrift 'Sachsenhausen mahnt!' (Foto: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen / Helmut Bärwald)

Die SPD erinnerte mit Flugblättern an das sowjetische Speziallager

Beiden Seiten sei es nicht um die Geschichte dieses Konzentrationslagers gegangen, vor allen Dingen nicht um die Zehntausenden von Ermordeten, empört sich Morsch. Die DDR habe auf die Bundesrepublik gezeigt, den angeblich "militaristischen, neofaschistischen Staat". Und die Bundesrepublik habe auf die DDR gezeigt, als angebliches "kommunistisches KZ". Das sei beklemmend gewesen, "eine deutsche Nabelschau", meint der Gedenkstätten-Leiter rückblickend.

Wie weit die Verdrängung gehen konnte, dafür stand auf geradezu tragische Weise Horst Sindermann. Der langjährige Präsident der pseudodemokratischen DDR-Volkskammer war selbst KZ-Häftling in Sachsenhausen. Als Redner auf der Eröffnungsfeier für die Gedenkstätte 1961 huldigte er den Sowjets. Dass sie das KZ anschließend weiterführten, verschwieg Sindermann.

KZ-Überlebende im Zwiespalt der Gefühle

Ehemalige französische KZ-Häftlinge nehmen in Sträflingskleidung an der Eröffnung der Gedenkstätte teil (Foto: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen)

Ehemalige französische Häftlinge während der Eröffnungsfeier

In einem Zwiespalt befanden sich die vielen KZ-Überlebenden, die Jahr für Jahr an den Gedenkfeiern teilnahmen. Einerseits waren sie Teil inszenierter, manipulierter Veranstaltungen. Andererseits hat Sachsenhausen ihr Schicksal geprägt wie kein anderes Erlebnis. Das wurde bei der Eröffnungsfeier 1961 durch die Worte des ehemaligen französischen Häftlings Roger Vidal deutlich. Die Erde des ehemaligen KZ Sachsenhausen, die getränkt sei von dem Blut vieler seiner Landsleute, sei eine "zweite Heimat-Erde". Aus tiefem Herzen würden die Franzosen ihren deutschen Kameraden danken und der DDR-Regierung für die Errichtung der Mahn- und Gedenkstätte. "Sie ist eine wahre humanistische Tat", sagte Vidal.

Erst nach der deutschen Wiedervereinigung konnte damit begonnen werden, die ganze Geschichte des Konzentrationslagers Sachsenhausen zu erforschen und aufzuarbeiten. An die unwürdigen Anfänge der Gedenkstätte wird anlässlich des 50. Jahrestages ihrer Eröffnung nun erinnert: Am Sonntag (17.04.2011) wurde die Sonderausstellung "Sachsenhausen mahnt!" eröffnet. Etwa 150 Fotos und Dokumente sowie Film- und Tonausschnitte wurden dafür zusammengetragen. Die Ausstellung ist bis zum 30. Oktober zu sehen.

Autor: Marcel Fürstenau

Redaktion: Dеnnis Stutе

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