Kyrill: Polarisierender Patriarch | Europa | DW | 12.02.2016
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Europa

Kyrill: Polarisierender Patriarch

Ein ausschweifender Lebensstil, Hass gegen Homosexuelle und eine enge Beziehung zu Putin. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche Kyrill I. ist in Russland umstritten. Aus Moskau Juri Rescheto.

Seine Stimme schallt genauso markant wie seine Sprüche: Homo-Ehen bringen den Weltuntergang, russische Bomben in Syrien Frieden und Glück. Patriarch Kyrill gibt laut und gern seinen Senf zum aktuellen Weltgeschehen dazu. Und er hat "dostup k telu" - wie die Russen eine ganz große Nähe zur russischen Staatsführung bezeichnen, zu Präsident Putin persönlich. Kein Wunder, dass Kirche und Staat, Patriarch und Präsident, Hand in Hand den Staat und seine Bürger regieren. Offiziell vom Staat getrennt genießt die russisch-orthodoxe Kirche in Russland trotzdem den Status einer Staatsreligion.

Ihr Oberhaupt ist für viele russisch-orthodoxe Gläubige ein Mann voller Widersprüche. Ebenso wie Putin. Beide erlebten im Laufe der Zeit diverse Metamorphosen. Beide prägen das Bild des heutigen Russlands.

Patriarch und Präsident stammen aus Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. Putin lernte dort in den 70er-Jahren den sowjetischen Geheimdienst KGB kennen, Kyrill - damals noch als Seminarist Vladimir Gundjaew - die russische Orthodoxie. Er machte schnell Karriere, weltlich und kirchlich, avancierte zum Rektor der Leningrader Priesterschule und wurde mit nur 31 Jahren Erzbischof.

Sympathien für Katholizismus

In dieser Zeit baute Kyrill seine Beziehung zum Chef-Geistlichen des Gebiets von Leningrad, dem Metropoliten Nikodim, auf. Kyrill war sein Privatsekretär und bewunderte den Metropoliten, der wiederum offen Sympathien zum Katholizismus hegte, Päpste verehrte und als erster russischer Priester mit Katholiken zusammen betete. Bis heute gilt Nikodim als größter Verfechter der für viele russisch-orthodoxe Gläubige unglaublich erscheinenden Idee einer Vereinigung der russisch-orthodoxen mit der römisch-katholischen Kirche. Und eben dieser Nikodim übte großen Einfluss auf den heutigen Patriarchen Kyrill I. aus.

Wladimir Putin und Patriarch Kyrill (Foto: Getty Images/Y.Lapikova )

Enge Bande: Patriarch Kyrill und Präsident Putin

Kyrill selbst war in seinen jungen Jahren mehrmals beim Papst. Das letzte Mal im Dezember 2007, ein Jahr vor seiner Ernennung zum Patriarchen. Damals leitete der deutsche Papst Benedikt XVI. die römisch-katholische Kirche. Das erste russische Fernsehen übertrug einen Bericht, in dem Benedikt dem Russen den Segen erteilt und Kyrill als Antwort darauf dem Papst die Hand küsst. Das Letzere gilt als Zeichen der Anerkennung des ganz besonderen Status des Papstes, als Priester aller Priester.

Der heutige Patriarch teilt nicht die Ansicht, Katholiken seien Ketzer - eine in der russischen Kirche weit verbreitete Meinung. Das von der Kirche ausgesprochene Verbot eines gemeinsamen Gebets gelte keinesfalls für Katholiken, sondern nur für orthodoxe Spalter, sagt Kyrill. Selbiges hat er mehrmals in der russischen Fernsehsendung "Das Wort des Priesters" erwähnt. Man darf also davon ausgehen, dass eine Wolke der Sympathie und vielleicht sogar Bewunderung Papst Franziskus am Flughafen von Havanna umwehen wird, wenn er auf den Patriarchen trifft.

Uhr für 30.000 Euro

Das Treffen in der kubanischen Hauptstadt macht zwar jetzt schon Schlagzeilen in Russland, wirklich interessieren dürfte es aber die Wenigsten. Ganz anders als die Skandale wegen des angeblich unverschämt ausschweifenden Lebensstils von Kyrill und seiner wohl nicht immer legalen Geschäftstüchtigkeit.

Mal endeckten User ein Foto im Netz, das den Patriarchen mit einer Schweizer Uhr der Marke "Breguet" für 30.000 Euro am Armgelenk zeigt, mal flammten die Gerüchte über die Paläste seiner Exzellenz im Kaukasus und seine Villa in der Schweiz auf. Kürzere Strecken lege der Geistliche mit einem gepanzerten Mercedes-Benz der S-Klasse zurück, heißt es, längere mit einem Privatjet.

Screenshot New York Times Kyrill Patriarch Uhr (Foto: The New York Times)

Auch die New York Times berichtete über Kyrills teure Uhr. In einem Foto wurde sie von der Kirche sogar weg retuschiert

In den 90er-Jahren tauchte der Name des heutigen Oberhirten in gleich mehreren investigativen journalistischen Berichten rund um dubiose Handelsfirmen der russisch-orthodoxen Kirche auf. Vorwürfe illegaler Geschäfte gibt es immer mal wieder, auch gegen seinen Landsmann aus der Leningrader Zeit, dem russischen Präsidenten Putin.

Bewiesen ist bisher nichts. Aber "es gibt keinen Rauch ohne Feuer" sagen die Russen. Und angesichts der Wirtschaftskrise und der drohenden Verarmung im Land sind gerade die Gerüchte um Kyrills angebliches Luxusleben für sein Image verheerend. In dieser Hinsicht trifft er in Havanna im Katholiken Franziskus sein absolutes Gegenstück.

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