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Deutschland

Kusche: "Es hat einen Dammbruch gegeben"

Nach dem gewaltsamen Tod eines eritreischen Asylbewerbers in Dresden geht die Angst um, so Robert Kusche von einer Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt im Gespräch mit der Deutschen Welle.

DW: Herr Kusche,

der Tod des eritreischen Asylbewerbers ist noch nicht aufgeklärt

, und wir sollten nicht spekulieren. Aber Sie haben mit den Mitbewohnern des Getöteten gesprochen. Was haben sie gesagt?

Robert Kusche: Die sind natürlich sehr schockiert von dem Vorfall. Die Leute haben Angst, dass sie selber Opfer werden. Sie haben auch artikuliert, dass sie in den letzten Wochen immer wieder rassistische Diskriminierung erlebt haben. Sie haben auch anfangs ziemlich deutlich gesagt, dass der Leichnam blutüberströmt war, und das widerspricht sich ja ein Stückweit mit den anfänglichen Aussagen der Polizei.

In Dresden jedenfalls werden die "Pegida"-Märsche immer größer, vor allem nach den Anschlägen von Paris. Kommen zu Ihnen auch immer mehr Menschen, die von rechter Gewalt betroffen sind? Sehen Sie also hier einen Zusammenhang?

Den Zusammenhang, den wir sehen, ist, dass immer mehr Leute uns berichten, dass es vielleicht so einen Dammbruch gibt, was Diskriminierung anbelangt, also öfter mal rassistische Kommentare auf der Straße. Ich würde mich schwertun, eine Korrelation zwischen den Pegida-Aufmärschen und rassistischen Straftaten in Sachsen zu ziehen. Was wir aber in den letzten zwei Jahren feststellen, ist, dass rassistische Gewalt zugenommen hat.

Polizeifahrzeug vor Plattenbauten Foto: picture-alliance/dpa/Arno Burgi

In dieser Plattenbausiedlung wohnte der afrikanische Asylbewerber.

Der tote Eritreer hat in einer Plattenbausiedlung in einem Dresdner Außenbezirk gelebt. Ist das nicht von der sozialen Situation her ein Ort, der für Asylbewerber problematisch ist?

Das ist schwer zu sagen. Einserseits leben dort sehr viele Menschen. Das ist dort, wo noch städtischer Wohnraum existiert, wo die Leute noch untergebracht werden können. Natürlich würden wir es befürworten, wenn das zentraler wäre, aber das ist natürlich eine Aufgabe der Stadt. Und man muss auch sagen, dass die Leute vor Ort auch Anteilnahme zeigen, auch wenn es ein Problem mit Rechten gibt. Es ist ein Gebiet, wo viele Menschen leben, die nicht ein so hohes Einkommen haben, wo es auch soziale Spannungen gibt.

Andererseits war der Mann nicht in einer Massenunterkunft, sondern hat mit mehreren Leuten, auch aus Eritrea, zusammen in einem Wohngebiet gelebt, wenn auch einem sozial eher schwierigen. Wie schätzen Sie das ein?

Für die Geflüchteten, die mitunter traumatische Erlebnisse aus ihren Herkunftsländern oder von ihrer Flucht mitbringen, ist es viel besser, in Unterkünften zu leben, wo sie einerseits Leute haben, mit denen sie in ihrer Landessprache sprechen können, andererseits mehr Rückzugsräume und mehr Privatsphäre haben als in großen Sammelunterkünften.

Was raten Sie Asylbewerbern, die zu Ihnen kommen?

Das hängt sehr davon ab, was die Betroffenen für Bedürfnisse haben. Aber prizipiell raten wir dazu, rechte Gewalttaten anzuzeigen, um diese sichtbar zu machen und möglichst die Täter auch verurteilen zu können. Aber es geht auch um Gespräche, um das Erlebte zu verarbeiten, und andererseits zu sehen, was sich die Betroffenen in puncto Öffentlichkeitsarbeit wünschen.

Demonstranten mit Banner Flüchtlinge willkommen! Foto: picture-alliance/dpa

Es gibt auch das andere Sachsen.

Würden Sie so weit gehen, Menschen zu sagen, gehen Sie lieber in den Westen Deutschlands, da werden Sie besser behandelt?

Leider ist das nicht möglich, weil Asylbewerber in Deutschland zentral zugeteilt werden.

Die Vorbehalte gegen Fremde scheinen in Sachsen jedenfalls einfach größer zu sein.

Zumindest nach dem, was sich hier in den letzten Wochen auf der Straße manifestiert hat, ist das so. In Schneeberg und anderswo hatten wir eine rassistische Mobilisierung gegen Asylbewerberunterkünfte. Da haben wir gesehen, dass sich sehr viele in Sachsen für diese Anliegen auf die Straße bringen lassen. Und das war natürlich beängstigend.

Warum gerade in Sachsen, wo doch der Ausländeranteil dort so gering ist?

Mitunter ist das mangelnde Gewöhnung. Aber es sind auch feste Einstellungsmuster gegenüber Fremden. Vielleicht hat die Politik da keine ausreichende gesellschaftliche Debatte betrieben. In den 90er Jahren wurde noch gesagt: 'Der Sachse ist immun gegen Rechtsextremismus', was nicht der Fall war.

Robert Kusche ist Geschäftsführer der Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt in Dresden.

Das Gespräch führte Christoph Hasselbach.

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