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Kultur

Kurzfilme: Sehnsucht nach Aufbruch

In Oberhausen enden am Dienstag die 60. Internationalen Kurzfilmtage. Das Festival blickt auf die eigene Geschichte und bildet die Gegenwart ab: Viele Filme beschäftigen sich mit aktuellen gesellschaftlichen Krisen.

Als der 88-jährige

Hilmar Hoffmann

, der Gründer der Kurzfilmtage, in Oberhausen über alte Zeiten spricht, setzt er das Publikum mit seinen Anekdoten in Entzücken. 1954 fuhr er gemeinsam mit der Bürgermeisterin Luise Albertz in den Concordia-Stollen, um dort in der Tiefe die "1. Westdeutschen Kulturfilmtage" zu eröffnen. Das war einerseits ein PR-Gag, um die Presse in die kulturelle Diaspora zu führen.

Hilmar Hoffmann (Foto: DW/Bernd Sobolla)

Gründer des Kurzfilmfestivals: Hilmar Hoffmann

Andererseits setzte Hoffmann ein Signal: Er wollte Filme vorstellen, die aus dem Untergrund kommen, die Unbekanntes zeigen und neue Horizonte eröffnen - sowohl inhaltlich als auch formal. Die Presse war begeistert und forderte eine Fortsetzung. Später wurden aus den "Westdeutschen Kulturfilmtagen" die "Internationalen Kurzfilmtage", die heute als das

älteste und bedeutendste Kurzfilmfestival der Welt

gelten.

Grütters: "Kulturarbeit allererster Güte"

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte, dass sie dankbar sei, "dass sich Oberhausen um dieses Genre derart kümmert, an ihm festhält und das Festival zu einer großen Form geführt hat. Das ist Kulturarbeit allererster Güte." Zudem wurden Glückwünsche per Videoclip eingespielt: von Regisseuren wie Oscar-Preisträger István Szabó ("Mephisto"), Werner Herzog ("Fitzcarraldo") oder auch Star-Wars-Schöpfer George Lucas. Sie alle präsentierten in Oberhausen ihre ersten Kurzfilme.

Lars Henrik Gass und Monika Grütters (Foto: DW/Bernd Sobolla)

Monika Grütters und Lars Henrik Gass in Oberhausen

Festivalleiter Lars Henrik Gass, der die Kurzfilmtage seit 1997 leitet, weiß den Jubel nüchtern einzuschätzen: "Die Worte klingen nett. Aber Tatsache ist, dass das Festival seine Existenz kontinuierlich legitimieren muss". Der Kurzfilm werde heute aus dem Markt verdrängt, sagt er. "Es entstehen immer mehr Filme, auch immer mehr Kurzfilme, die aber immer weniger kommerziell ausgewertet werden können und nach Öffentlichkeit suchen. In dieser Situation müssen sich die Kurzfilmtage legitimieren, obgleich sie eigentlich wichtiger denn je sind."

Schmaler Grat zwischen Inszenierung und Realität

Ihre Legitimität beziehen die

Kurzfilmtage

zum Beispiel daraus, dass hier Werke gezeigt werden, die oft auf das ganz normale Leben schauen. Dabei nehmen sie aber immer unbekannte Perspektiven ein oder wählen ungewöhnliche Formen, die irritieren, zuweilen auch aufrütteln und somit ein tieferes Verständnis möglich machen.

Benjamin Schindler (Foto: DW/ Bernd Sobolla)

Regisseur Benjamin Schindler

Der deutsche Filmemacher Benjamin Schindler reiste für seinen Film "Playhouse of A." durch die USA und zeigt Kinos und Filmstudios, historische Plätze des Bürgerkriegs, Jahrmärkte und Indianerreservate, wo historische Szenen fürs Publikum nachgespielt werden. Dabei mutiert die Realität zur Kulissenwelt, wie wir sie aus vielen Hollywoodfilmen kennen; alles wirkt wie eine Show. Oder wie es Benjamin Schindler ausdrückt: "Manchmal kann man nicht mehr unterscheiden, ob man auf einem Filmset ist oder etwas Reales erlebt, so inszeniert ist das Leben dort. An touristischen Orten spielen sich die Indianer sogar nach Vorbildern aus Filmen selbst."

Filmstill Playhouse of A. (Foto: KHM/Benjamin Schindler)

Filmausschnitt aus Benjamin Schindlers "Playhouse of A."

Auffallend politisch und gesellschaftskritisch

Die libanesische Filmemacherin Mounira al Solh holt die Zuschauer in die Realität. In ihrem Film "Now eat my script" schildert sie, wie eine Autorin in Beirut ein Drehbuch schreiben will, jedoch gestört wird, weil Flüchtlinge aus Syrien vor ihrem Haus ankommen. Im Libanon leben fünf Millionen Menschen, darunter eine Millionen Flüchtlinge. Während sie nun langsam mit der Kamera über das bepackte Auto gleitet, erzählt sie Teile ihrer Familiengeschichte: von gegenseitigen Besuchen, bei denen immer Nahrungsmittel für ein gemeinsames Essen mitgebracht wurden.

Auffallend viele Werke schlagen historische Bögen - oft mit politischer Dimension: Dazu gehört auch "Threnody for the victims of Marikana" aus Südafrika von Aryan Kaganof. "Threnody" heißt so viel wie Klagelied. Der Film zeigt, wie 2012 bei einem Bergarbeiterstreik in Marikana im Norden Südafrikas 34 Streikende erschossen wurden. Sie hatten es gewagt, gegen ihre Hungerlöhne zu protestieren. Dabei montiert der Filmemacher Zeitlupenaufnahmen von gewalttätigen Polizisten mit den traurigen Klängen der Totenmesse. Ein beeindruckender Film, der sichtbar macht, wie tief verwurzelt die alten "Rituale" in der jungen Demokratie Südafrika noch immer sind.

Einer der besten Festivalfilme kommt aus dem Iran: In "The Noise" erzählt Pooya Razi vom schwierigen Zusammenleben in einem Wohnhaus in Teheran, basierend auf eigenen Erfahrungen. Ein Nachbar greift ihn verbal an und initiiert eine Petition gegen seinen Lebensstil, denn Razi erhält Frauenbesuch. Die Atmosphäre der Denunziation unterstreicht der Regisseur in dem Animationsfilm, indem er mit der Kamera unter anderem über einen Starkstromknotenpunkt gleitet, wobei das Knistern der Leitungen die Situation metaphorisch auflädt. Filme wie dieser sind in Oberhausen am richtigen Ort. Denn die Kurzfilmtage reflektieren den gesellschaftlichen Status Quo und verbreiten zugleich die Sehnsucht nach Aufbruch und Veränderung.

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