1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Kurzer Prozess

Über 120 Zeitungen hat die iranische Justiz in vier Jahren geschlossen. Mit kollektiven Berufsverboten legen die Konservativen der Presse jetzt neue Zensur-Schrauben an.

default

"Gefesselt": Iranische Journalisten protestieren gegen Zeitungsverbote

Am 18. Juli 2004 arbeitet die 21-jährige Schirin (Name geändert) noch bis spät abends an einem Artikel für ihre Zeitung "Waghaje-e Ettefaghieh", einem der drei iranischen Reformblätter. Plötzlich flattert ein Fax in die Redaktion: Die Staatsanwaltschaft hat die Tageszeitung verboten. Der Vorwurf: "Verbreitung staatsfeindlicher Propaganda" und "vorsätzliche Irreführung der Öffentlichkeit". Innerhalb von Minuten sind Schirin und etwa 80 Kollegen arbeitslos.

Zensur im Kazemi-Prozess

Zahra Kazemi

Tod durch Folter: Zahra Kazemi, iranisch-kanadische Fotojournalistin

Schirin ist sich sicher: "Natürlich hatte die Schließung politische Gründe, denn in diesen Tagen hatte der Mordprozess um die iranisch-kanadische Foto-Journalistin Zahra Kazemi begonnen. Einige Tage zuvor hatte das Regime bei meiner Zeitung angerufen und gesagt, dass wir nicht über den Prozess berichten sollen." Bei dem wahrscheinlich neu aufzurollenden Prozess geht es um den Tod einer kanadischen Fotojournalistin, die im vergangenen Jahr in iranischer Untersuchungshaft unter ungeklärten Umständen gestorben war. Nachdem Schirins Zeitung trotzdem über die ersten (und bislang einzigen) beiden Prozesstage berichtet hatte, wurde sie abends kurzerhand geschlossen.

Systematische Isolation kritischer Journalisten

Für Schirin ist es das zweite Arbeitsverbot. Einige Monate zuvor hatte sie ihren Job bei der kritischen Zeitung "Yass-e No" verloren. Damals gründeten ihre Kollegen ein neues Blatt. Das ist jetzt auch verboten. Mehr noch: Seit die Konservativen wieder die Mehrheit im Parlament stellen, ist die Zensur schärfer geworden. Neben den üblichen schwarzen Listen unbequemer Journalisten, gibt es nun ein neues Gesetz: Mitarbeiter einer verbotenen Zeitung dürfen nicht gemeinsam bei einer anderen Zeitung arbeiten oder eine neue Zeitung gründen. "Überall werden wir gemieden. Die anderen Zeitungen haben Angst uns einzustellen, weil sie sonst auch verboten werden könnten. Jetzt sind wir wirklich, wirklich arbeitslos", sagt Schirin.

Betroffen sind nicht nur die Journalisten. Auch Sekretärinnen und Layouter unterliegen dem kollektiven Berufsverbot und haben keine Aussicht, von einer anderen Zeitung neu eingestellt zu werden. Viele haben Familie und müssen ihr Geld jetzt als Taxifahrer oder Friseurin verdienen. Schirin selbst hat noch Glück: Sie studiert noch an der Uni Teheran, hat keine Familie zu ernähren.

"Ich bin keine politische Journalistin"

Khatami weist Anschuldigungen zurück

Reformer oder Reaktionär? Irans Präsident Mohammad Khatami

Als Anhängerin der Reformbewegung von Präsident Mohammad Chatami fühlt sie sich verraten: "Ich bin keine politische Journalistin. Ich schreibe über soziale Themen, zum Beispiel über die Situation der Frauen im Iran. Ich bin mit vielen Sachen hier nicht einverstanden, aber ich habe das System nie öffentlich in einem Zeitungsartikel kritisiert. Und nur wegen zwei kritischer Beiträge meiner Kollegen sind wir jetzt alle arbeitslos."

Schirin führt ein anderes Leben als andere iranische Frauen in ihrem Alter: Die Familie hat Angst, will ihr den Journalismus ausreden. Ihr soziales Umfeld wendet sich allmählich ab: "Manche Freunde befürchten, dass mein Handy abgehört wird. Sie meiden den Kontakt und wollen nicht mit mir sprechen." In Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise sucht man sich im Iran seine Freunde genau aus. Ähnlich ihre Journalisten-Freunde. Inzwischen hat eine der staatlichen Nachrichtenagenturen Interesse an Schirin gezeigt - wegen ihrer guten Englisch-Kenntnisse. Kein Traumjob, aber besser als gar nichts, sagt sie.

Das Schlimmste: Im Gefängnis vergessen zu werden

Ihren Beruf will die junge Ingenieurs-Studentin auf keinen Fall aufgeben. Auch wenn sie fürchtet, vielleicht irgendwann ins Gefängnis zu müssen. Aber nicht die Haftbedingungen machen ihr Angst: "Drei oder vier Jahre im Gefängnis, du zählst die Tage, und keine Zeitung, kein Fernsehen berichtet über dich. Das finde ich furchtbar: Du bist im Gefängnis, weil du die Gesellschaft ändern wolltest, aber die Gesellschaft vergisst dich einfach."

Die Redaktion empfiehlt