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Politik

Kurze Frage, große Wirkung

Auf einer Pressekonferenz am 9.11.89 entlockt Ricardo Ehrman dem DDR-Politiker Günter Schabowski eine nicht geplante Aussage: Westreisen sind ab sofort möglich. Im Interview erzählt er, wie der Stein ins Rollen kam.

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Landete einen historischen Scoop: Der italienische Journalist Ricardo Ehrman

Die Bilder der Pressekonferenz gingen um die Welt. Ehrmans Nachrichtenagentur textete als erste mutig "Die Mauer ist gefallen". Kurze Zeit später eilten Tausende DDR-Bürger an die Grenzen. Die überforderten Grenzposten öffneten die Übergänge. Die Mauer war gefallen. Ricardo Ehrman über den Moment, der die Welt veränderte.

DW-WORLD: Herr Ehrman, am 9. November 1989 hatte Herr Schabowski auf der berühmten Pressekonferenz gesagt: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin-West erfolgen."

Sie wollten sofort wissen, ab wann das gelte und Schabowski sagte etwas verwirrt: "Sofort, unverzüglich". Was ging in diesem Moment in Ihnen vor?

Ricardo Ehrman: Als er das gesagt hat, sind nur zwei Personen aus der Pressekonferenz gleich aufgesprungen und herausgelaufen. Ich und der damalige Presseleiter der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Ich erinnere mich genau. Wir beide haben uns angeschaut und uns gefragt: "Glaubst Du, dass das wahr ist?" Die Kollegen auf der Pressekonferenz haben nicht gleich verstanden, dass das den Fall der Mauer bedeutete. Das lag an der Politbüro-Sprache. Doch es war Gott sei Dank wahr.

Sie glauben, selbst nach der Pressekonferenz hatten die anderen Journalisten nicht realisiert, was eigentlich gemeint war?

Ja, natürlich. Und [meine Nachrichtenagentur] ANSA hat eine gewisse Exklusivität genossen, da ich zwei Mal nachgefragt habe, ab wann das neue Gesetzt gelte. Viele Agenturen haben einfach nur von Reiseerleichterungen gesprochen. Aber für mich hieß das ganz klar: Die Mauer war weg. So habe ich es auch in meiner Meldung geschrieben: "Günther Schabowskis Verkündung des neuen Reisegesetzes ist das Äquivalent des Mauerfalls". Ostdeutsche Bürger sind frei, in den Westen zu gehen. Die Mauer ist gefallen.

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Hatten Sie das Gefühl, dass Herr Schabowski in dem Moment realisiert hatte, was er da gesagt hat? Immerhin las er von einem Zettel ab, der erst für den nächsten Tag bestimmt war.

Schabowski hatte das neue Reisegesetz 24 Stunden zu früh verkündet. Bei einem kurzen Treffen später sagte er zu mir: "Herr Ehrman, Sie haben mich sehr nervös gemacht." Ich war ein bisschen aggressiv und fragte ihn, ob er nicht einen Fehler gemacht hat. Aber in dieser Zeit hat kein Politbürosprecher einen Fehler gemacht. Es waren schwierige Zeiten für ihn. Er war der Sprecher des Politbüros. Er war auch ein journalistischer Kollege. Er war ohne Zweifel eine intelligente Person.

Was haben Sie gemacht, nachdem Sie die Pressekonferenz verlassen hatten?

Ich bin zuerst zum Telefon gerannt, um das Flash zu geben und dann zum Telexgerät. Dann bin ich vom Pressezentrum zu meinem Büro gegangen und habe die ganze Nacht gearbeitet.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie aufgeschrieben haben, dass die Mauer gefallen ist?

Ich dachte, in diesem Moment verändert sich die Welt. Und genau das habe ich geschrieben: "The world has changed. Today."

Und das war Ihnen schon in dem Moment bewusst, als Schabowski die Worte ausgesprochen hatte?

Ich hatte erwartet, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte wie bisher. Von einem Moment auf den nächsten würde es passieren. Und das war der Moment. Der deutsche Historiker Hans-Hermann Hertle hat ein Buch über den Mauerfall geschrieben. Es enthält eine Widmung an mich, die lautet: Kurze Frage, große Wirkung.

Wie haben Ihre Kollegen in Italien reagiert?

Die sind durchgedreht und haben es selbstverständlich nicht geglaubt. Mein Chefredakteur hat gesagt: Was ist mit Riccardo los, ist der verrückt geworden? Aber ich konnte ja meinen Redakteur erfolgreich davon überzeugen, dass dies den Tatsachen entsprach, dass sich die Welt in diesem Moment verändert hat.

Als ihre Meldung, dass die Mauer gefallen ist, veröffentlicht wurde, haben andere Medien nachgezogen und das Gleiche berichtet. Die Menschen sind in Scharen an die Grenzen geströmt. Was haben Sie gemacht?

Zuerst bin ich zum Platz an der Gedächtniskirche gegangen, wo eine Menge Leute waren. Was viele junge Mädchen aus dem Osten dort mit großen Augen betrachtet haben, waren die Sexshops. Für sie hieß das Freiheit; dass man alles haben oder sehen kann. Ich bin dann zum Grenzübergang in die Leipziger Straße gegangen, um zu sehen was passiert ist. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die Pressekonferenz live im Fernsehen übertragen worden war. Als ich dann an der Grenze ankam, hat mich jemand aus der Menschenmenge erkannt und gerufen: Das ist er. Und dann haben sie mich gefeiert und mich in die Luft hochgehoben. Ich fürchte, dass mich dieselben Leute heute wahrscheinlich schlagen würden.

Tatsächlich sehen viele die Wiedervereinigung heute mit anderen Augen: 12 Prozent der Ostdeutschen wünschen sich die Mauer zurück, sogar 24 Prozent aller Westdeutschen. Was ist schief gelaufen?

Deutschland war über so viele Jahre in zwei Teile geteilt. Klar, dass das nicht gleich klappen konnte. Es war verständlich, dass die Leute im Osten alles wollten, was die Menschen im Westen hatten: dieselbe Arbeit, dieselben Löhne. Ich nehme an, man braucht noch ein bisschen Geduld. Ich wünsche mir für die Deutschen, dass es klappen wird.

Riccardo Ehrman wurde 1929 in Florenz geboren. Er studierte Jura und Musik und arbeitete zunächst als Reporter für die Florenzer Tageszeitungen "Il Matino" und "La Natione". Er arbeitete dann für die Associated Press in Rom und New York bevor er zur italienischen Nachrichtenagentur ANSA wechselte. Für ANSA hat er zuerst aus Ottawa, Kanada, dann aus Berlin berichtet. Riccardo Ehrmann lebt seit vierzehn Jahren mit seiner Frau in Madrid.

  • Datum 09.11.2004
  • Autorin/Autor Das Interview führten Tareq Al-Arab, Isabell Witt
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  • Permalink http://p.dw.com/p/5pKS
  • Datum 09.11.2004
  • Autorin/Autor Das Interview führten Tareq Al-Arab, Isabell Witt
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