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Wirtschaft

Kurzarbeit treibt Arbeitskosten nach oben

Lange war Deutschland Europas kranker Mann - zu teuer die Arbeit. Doch das war Vergangenheit. Nun die Meldung, dass Deutschlands Arbeitskosten stark gestiegen sind. Rückfällig ist Deutschland trotzdem nicht geworden.

Arbeiter mit Presslufthammer (Foto: APTN)

Kurzarbeit hat vielen den Job gerettet

Die Arbeitskosten sind in Deutschland im Krisenjahr 2009 zwar deutlich gestiegen, befinden sich aber mit 30,90 Euro pro Stunde nur knapp über dem Durchschnitt der 27 EU-Länder. Die Lohnnebenkosten der Unternehmen in der größten und stärksten europäischen Volkswirtschaft liegen allerdings unter dem EU-Durchschnitt, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte.

In der schwersten Rezession seit 80 Jahren sind die Arbeitskosten für die Unternehmen in Deutschland um 4,1 Prozent auf 30,90 Euro pro Stunde gestiegen. In der Industrie, die besonders hart von der Rezession betroffen war, haben die Kosten pro geleistete Arbeitsstunde 2009 sogar um 5,1 Prozent 35,60 Euro pro Stunde zugenommen. Nur in sechs der 27 Mitgliedsländer der Europäischen Union war dieser Anstieg im vergangenen Jahr noch stärker. Das heißt: In der schweren Wirtschaftskrise hat sich die Belastung der Unternehmen durch den Faktor Arbeit kräftig erhöht. Das erscheint paradox, ist aber leicht zu erklären.

Eine "Verzerrung" in der Statistik

Rathausturm und Lurenblaeser in Kopenhagen (Foto: AKG-Images)

In Dänemark ist Arbeit besonders teuer

Die von den Gewerkschaften durchgesetzten Tarifsteigerungen haben bei der Verteuerung der Arbeit nur eine geringe Rolle gespielt. Ausschlaggebend für den Anstieg der Arbeitskosten pro Stunde und Arbeitnehmer ist ein statistischer Effekt, nämlich der Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden durch Kurzarbeit, Abbau von Guthaben auf Arbeitszeitkonten, Wegfall von Sonderschichten und weniger Überstunden. Das heißt: Es ist im vergangenen Jahr in der deutschen Wirtschaft weniger gearbeitet worden, was jedoch nicht wie in anderen Industriestaaten zu massenhaften Entlassungen geführt hart.

In Deutschland sind Entlassungen mit den Mitteln einer modernen staatlichen und tariflichen Arbeitsmarktpolitik vermieden worden, weswegen im Ausland häufig von einem deutschen Arbeitsmarktwunder gesprochen wird.

Kurzarbeit - Mitarbeiter nebst Kosten bleiben

Das hat Vorteile für die Arbeitnehmer und für die Unternehmen. Denn den Arbeitnehmern ist in der Krise der Verlust des Arbeitsplatzes erspart geblieben; die Unternehmen haben ihre häufig hoch qualifizierten und teuer ausgebildeten Fachkräfte erhalten und ersparen sich beim Anziehen der Konjunktur die teure Anwerbung und Qualifizierung von Mitarbeitern.

Freilich bleiben den Unternehmen nicht nur die Mitarbeiter erhalten, sondern bei verringerter Arbeit auch eine Basis an Kosten. Genau dieser Effekt – nämlich insgesamt weniger Arbeitsstunden bei nicht in gleichem Maße sinkenden Kosten – hat den Anstieg der Arbeitskosten pro Stunde bewirkt. Das heißt: Wenn durch die Erholung der Konjunktur in den Betrieben wieder mehr gearbeitet wird, sinken die Arbeitskosten im statistischen Durchschnitt. Tatsächlich aber haben die Unternehmen dann wieder höhere Kosten pro Arbeitnehmer. Und die Arbeitnehmer können sich über steigende Einkommen freuen.

Eine Hand mit bulgarischen Banknoten, dem Lew (Foto: Lehtikuva)

Der bulgarische Lew ist an den Euro gekoppelt - die Polen hingegen haben abgewertet.

Die Rolle der Wechselkurse

Im europäischen Vergleich lagen die deutschen Arbeitskosten pro Arbeitnehmer und Stunde mit 30,90 Euro auf Rang acht hinter Dänemark, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich, Finnland und den Niederlanden. In Dänemark waren die Arbeitskosten mit 37,40 Euro am höchsten, während Bulgarien mit 2,90 Euro die niedrigsten Arbeitskosten je geleisteter Stunde aufwies. Beeinflusst wird die Statistik durch zum Teil massive Abwertungen von Währungen in Ländern, die wohl der EU angehören, die aber nicht den Euro als Währung eingeführt haben. Durch solche Abwertungen der Währung hat sich die Arbeitsstunde umgerechnet in Euro in Polen um 14,7 Prozent und in Großbritannien um 10,9 Prozent verbilligt.

Deutschlands Lohnnebenkosten im EU-Schnitt

Bei den Lohnnebenkosten liegt Deutschland im statistischen Durchschnitt der EU-Staaten. Für 100 Euro Bruttolohn sind im vergangenen Jahr 32 Euro an Lohnnebenkosten angefallen; damit lag Deutschland 2009 auf Platz 13 der 27 Mitgliedsstaaten der EU. Frankreich rangiert mit 50 Euro Lohnnebenkosten pro 100 Euro Bruttolohn an der Spitze, gefolgt von Schweden mit 49 Euro sowie Belgien und Italien mit jeweils 46 Euro. In Malta sind die Lohnnebenkosten mit neun Euro pro Arbeitsstunde am niedrigsten. Zu den Lohnnebenkosten zählen die Beiträge zur Sozialversicherung, also zur Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. Hinzu kommen die Kosten für urlaubsbedingte Abwesenheit, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Betriebsrenten.

Da sich die Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Sozialversicherungsbeiträge teilen und da von den Arbeitseinkommen die Lohnsteuern vom Arbeitgeber einbehalten und direkt an das zuständige Finanzamt abgeführt werden, wundern sich viele Beschäftigte in Deutschland über die hohen statistischen Arbeitskosten. Bei ihnen kommt nämlich auf dem Lohnkonto nur etwa die Hälfte des Bruttoeinkommens an. Durch Kurzarbeit sowie den Wegfall von Sonderschichten und Überstunden haben viele Arbeitnehmer im vergangenen Jahr kräftige Einkommenseinbußen erlitten. Werden Steuern und Sozialversicherungsbeiträge sowie die minimale Preissteigerung berücksichtigt, sind die Realeinkommen im vergangenen Jahr im statistischen Durchschnitt sogar um 0,4 Prozent gesunken. Das heißt: Trotz des kräftigen statistischen Anstiegs der Arbeitskosten pro Beschäftigten und Stunde ist die Kaufkraft der Arbeitnehmer gesunken.

Autor: Karl Zawadzky
Redaktion: Jutta Wasserrab

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