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Wirtschaft

Kurseinbruch im Spielerhandel

Europas Fußball geht langsam das Geld aus. Klub-Manager kürzen Ausgaben beim Spielerpersonal und vergleichen die Flaute ihrer Branche inzwischen mit dem Börsencrash der New Economy.

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Fußballerbeine werden billiger

Zum bevorstehenden Auftakt der Fußball-Saison 2003 geben Vereine in Europa deutlich weniger Geld für neue Spieler aus. Der spanische Traditionsverein und aktuelle Champions-League-Sieger Real Madrid fror seinen Etat für Neuzugänge gänzlich ein. Madrids Generalmanager Jorge Valdano sieht den spanischen Fußball insgesamt in der größten Finanzkrise seit Jahrzehnten. Und auch in anderen Ligen Europas, wie der deutschen Bundesliga, wird der Rotstift angesetzt.



Flaute im Rechtehandel



Nur knapp 100 Millionen Euro gaben die Vereine der Fußball-Bundesliga zum Saisonbeginn 2003 für neue Spieler aus. Damit blieben die Klubs um ein Viertel hinter den Ausgaben des Vorjahres. Ein Grund sind Mindereinnahmen von 20 Prozent beim Verkauf der Übertragungsrechte an TV-Sender. Bis April 2002 zahlte der Medienunternehmer Leo Kirch für die Übertragung der Bundesliga-Spiele noch jede Saison rund 375 Millionen Euro an die Deutsche Fußball-Liga, den Dachverband der Bundesligaklubs. Die DFL wiederum verteilte das Geld an die 36 Profi-Vereine der ersten und zweiten Liga. Für jeden der Erstligisten sprangen im Schnitt 15 Millionen Euro pro Saison heraus, für jeden Verein der Zweiten Liga rund vier Millionen. Nach der Insolvenz des Kirch-Imperiums im April 2002 verlor die Ware Fußball jedoch an Wert.



Fußballklubs am Fernseh-Tropf



In Deutschland deckten die Einnahmen aus dem Rechteverkauf bislang zwischen neun und 40 Prozent der Klubetats. Das ist vergleichsweise wenig: Die erste Liga Italiens (Serie A) ist wesentlich abhängiger von Zahlungen durch die Fernsehsender: Durchschnittlich 60 Prozent ihrer Gesamtetats bestreiten die Klubs der Serie A aus TV-Erlösen. Doch acht Vereine stehen am Beginn der neuen Saison ohne TV-Vertrag da. Aufgrund roter Zahlen können sich die Bezahlsender Stream und Telepiù die Übertragungsrechte kaum noch leisten. Die Flaute im Rechtehandel zwingt Europas Klubs zu Sparmaßnahmen, die längst fällig waren.



Katerstimmung wie am Neuen Markt



"Endlich gibt es eine Begründung für das, was seit Jahren so schleichend daherkam: Dass Vereine nämlich völlig über ihre Verhältnisse gelebt haben", beschreibt FC Bayern-Manager Uli Hoeneß den Kurseinbruch beim Spielerhandel. Die Bundesliga sei überhitzt gewesen wie der Neue Markt. Tatsächlich glich das Personalkarussell während der vergangenen Jahre einem Handel mit Optionsscheinen. Spieler mit zweistelligem Millionen-Honorar saßen auf der Tribüne oder wurden nur zur Absicherung eines Remis kurz vor Spielschluss eingewechselt.



Rekordtransfers wie der des Franzosen Zidane für 76,7 Millionen Euro vom italienischen Verein Juventus Turin zu Real Madrid werden wohl der Vergangenheit angehören. Mit dem Einkauf von Zidane schraubte Real Madrid seine Verbindlichkeiten im Jahr 2001 auf über 400 Millionen Euro hoch. Nur der Verkauf des vereinseigenen Trainingsgeländes rettete 2001 den Klub in das Jahr seines 100-jährigen Bestehens hinüber. Auch in der italienischen Serie A bestand schon vor der TV-Krise ein ähnliches Missverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben. Gehälter von insgesamt 868 Millionen Euro zahlten die Klubs in der letzten Saison ihren Spielern. Nicht die Hälfte der Kosten waren durch Einnahmen gedeckt.



Geldquelle internationaler Wettbewerb



Die europäischen Wettbewerbe Champions League und UEFA-Cup schütten höhere Tantiemen an die teilnehmenden Vereine aus als die nationalen Ligen. Doch wer teilhaben will an höheren Erlösen, der muss erst einmal investieren - in Infrastruktur und neues Personal. Mit dem Einstieg ins internationale Geschäft steigt die Zahl der Pflichtspiele und damit die Belastung des Spieler-Kaders. Demzufolge wurden von den Klubs international erfahrene und damit teure Spieler gekauft. Viele europäische Vereine haben sich jedoch auf dem Transfermarkt verspekuliert. "Es ist doch prima", sagt Manager Uli Hoeneß und begreift die Krise als Chance: "Endlich kehrt Vernunft ein."


Andreas van Hooven